Meiningen, 4 Oktober.
Sehr verehrte Freundin,
gerne hätte ich Ihnen, meinen Grundsätzen gemäß, umgehend für Ihren höchst willkommenen Brief gedankt – fiel mir doch mit demselben ein Stein vom Herzen, da ich in der größten Besorgniß war, der Meister könne etwa das freche Judenattentat „tragisch“ nehmen – allein ich hatte von der Reise eine so bedeutende Verschlimmerung meines körperlichen Elends heimgebracht, daß ich nicht im Stande war, an außergeschäftliches Schreiben nur zu denken. Auch heute müssen Sie mit einer ziemlich flüchtigen Erwiderung vorlieb nehmen. Um meinen „Dienst“ zu thun – einen Stellvertreter müßte ich mir erst erziehen – bin ich genöthigt, die Nachmittage liegend, am rathsamsten im Bette bewegungslos zuzubringen.
Besten Dank, daß Sie meiner Mutter Syrakuser schicken, noch herzlicheren dafür, daß Sie sie besucht haben und gelegentlich wieder einmal besuchen wollen.
Daß Sie die restirenden 8 durchaus mir persönlich octroyiren wollen (um doppelte Schickungsmühe zu haben) muß ich nun schon über mich ergehen lassen, da ich den Termin der Contreordre versäumt. Aber – nb. sind dieselben denn auch schon bezahlt? Mir ist als hätten Sie mir bei einem meiner letzten Flüge durch Fr. das Geld restituirt.
Es freut mich ebenso sehr, als es mich nicht wundert, daß die Schule florirt.
– „seines Bellens lauter Schall
beweist nur, daß wir reiten.“
Möchte R. mit Schwarz nicht minder zufrieden sein, als mit Roth. Ich hätte noir gern hier gehabt für das erste Winterquartal, muß aber nun suchen, mich anderweits zu behelfen.
Unter den äußerst wenigen Novitäten, die auf dem Saisonprogramm stehen, wird Raff dreimal vertreten sein (nach Weihnachten), mit der sechsten Sinfonie, der Koboldouvertüre und dem ersten Quartett. (Suite in Canonform Op. 192 No 3.) Ich habe die Ambition, daß diese „Nummern“ nirgends noch besser herausgekommen sein sollen.
◊1Ihre Frau Schwester habe ich neulich bei einem Dienstausfluge (Werbung von Hülfstruppen für die 9te Sinf.) in Weimar frischer und liebenswürdiger denn je gefunden. Meine Absicht in W. im Nov. für die Großherzogl. ununterstützte Musikschule zu spielen, wird gleich anderen Absichten (Neruda-Tournée) an meinem körperlichen Leiden scheitern.
Hoffentlich höre ich einmal wieder Gutes von Ihnen; Raff zu schreiben, trage ich, unaufgefordert, Bedenken. Seine Muße ist kostbarer als die meinige, wenn gleich kaum reicher.
Mit den herzlichsten Grüßen in dankbarer Verehrung
Ihr ganz ergebener
HvBülow.
[copyright Simon Kannenberg]