Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 24. August 1863 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 51
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
seit dem 13 d. bin ich von der sogen. Erholungsreise nach Klampenborg bei Kopenhagen hierher zurückgekehrt
Veröffentlichung: Bülow 1895 IV, S 79f.; Kannenberg 2020

Sei seit dem 13. von der Erholungsreise nach Klampenborg bei Kopenhagen hierher zurückgekehrt. Habe durch John, dann durch Kuczynski Nachricht vom E. und nun schliesslich dessen Brief erhalten. Dankt dem E., dass dieser bei Barth einen gelegenen Konzerttermin ausgemacht habe, der die Anreise aus Karlsruhe erleichtere. Habe noch keine direkte Einladung erhalten. Programm: "Chromatische Fantasie u. Fuge" von J. S. Bach, Barcarole von Rubinstein oder Liszts "Ricordanza", "Reminiscences de Robert le diable" von Liszt, die er sich extra für Wiesbaden in die Finger gebracht habe. Der E. sei etwas streng gegen Bendel als Pianist, der "Mensch" sei allerdings entsetzlich. Hirsch scheine nicht wieder zu kommen. Er sei ein "oberflächlicher, sinnlicher Judenjunge, aber es liesse sich doch etwas präparieren, wodurch er wenigstens Pallat aus dem Sattel heben könnte. Fügt eine gedruckte Mitteilung bei, die die Gemahlin dem E. vorlesen könne. Werde an die Preisymphonie denken, wenn die Sache zu Stande käme und der E. ihm Orchesterstimmen zur Verfügung stellen könne. Frau und Kinder [Daniela und Blandine] befinden sich leidlich und lassen grüssen. Müsse zum 1. Oktober umziehen und habe noch keine Wohnung gefunden. Die Mitwohnerschaft seiner Mutter (gegenwärtig auf dem Lande bei Heidelberg) mache die Sache etwas kompliziert.

Verehrter freund, seit dem 13 d. bin ich von der sogen. Erholungsreise nach Klampenborg bei Kopenhagen hierher zurückgekehrt und treibe wieder was einmal meines Amtes ist. Durch Herrn John, dann durch Paul Kuczynski erhielt ich Nachricht von Dir (ich war nahe dran, mich um Deine Gesundheit zu ängstigen) schliesslich nun auch Deinen Brief, für den ich Dir doppelt zu danken habe, da Deine Feder zu Besserem vorhanden ist, als zu Correspondenzen. Ich danke Dir ferner bestens dafür, daß Du mir bei Barth einen mir so wohlgelegnen Conzerttermin (4 Sept.) ausgemacht ist,◊1 der mir auch die Reise nach Carlsruhe erleichtert, die ich aus mehreren, aus neu hinzugekommenen Gründen unternehmen muß. Vorläufig habe ich noch keine direkte Einladung oder Benachrichtigung von Barth erhalten – er wird wahrscheinlich wissen, daß Du mir geschrieben hast, und sich nicht weiter pressiren. Ich nehme an, daß mit dem Orchester wieder nichts zu machen ist und habe Folgendes gewählt. 1. Chromatische Fantasie u. Fuge von J. S. Bach (ein wenig effectuirt natürlich) 2. a. Barcarole v. Rubinstein (oder Liszt’s Ricordanza ) b. Reminiscences de Robert le diable par Liszt. Letztgenanntes Stück speziell für Wiesbaden in die Finger gebracht. – Bist Du einverstanden? Du bist etwas streng gegen Bendel als Pianist – der „Mensch“ ist allerdings entsetzlich – ich werde höllisch üben, um Deine freundliche Voraussetzung betreffs meiner nicht zu dementiren. Hirsch scheint nicht wieder zu kommen. Ich bin kein frisches Wasser und schreie nicht nach dem Hirsch – aber ich hätte ihn doch gern noch ein Endchen weiter gebracht. S’ist allerdings ein oberflächlicher, sinnlicher Judenjunge, aber aus dem zweiten Prädikate liesse sich doch etwas präpariren, wodurch er wenigstens Pallat aus dem Sattel heben könnte. Alles Übrige beim Wiedersehen, wenn Barth Wort hält. (Ich komme dann den 3ten an und bleibe bis zum 8ten.) Du wirst ebenso wenig Zeit haben, Schreibebriefe zu lesen, als Lesebriefe zu schreiben. Doch eine gedruckte Mittheilung will ich beifügen, die Dir Deine Frau Gemahlin beim Essen vorlesen kann. Ich hoffe, sie wird Dich interessiren – meinetwegen. Ganz sicher ist die Sache noch nicht aber wenn sie zu Stande kommt, so werde ich mir erlauben, auf die Preissinfonie zu reflectiren, von der Du mir wohl die Orchesterstimmen zur Verfügung stellen kannst. Frau und Kinder befinden sich leidlich und laßen herzlich grüssen – letztere allerdings noch nicht. Zum 1 Oct. muß ich umziehen und habe bis heute noch keine Wohnung gefunden. Die Mitwohnerschaft meiner Mutter (gegenwärtig auf dem Lande bei Heidelberg) macht die Geschichte etwas complizirt. Alle Berliner Räume sind entsetzlich uncomfortabel eingerichtet. Nochmals schönen Dank und herzlichen Gruss. In aufrichtiger Verehrung Dein ganz ergebener Berlin, 24 August 1863. Hans vBülow. copyright Simon Kannenberg


Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (24. 8. 1863); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 5 2026.