Verehrter freund,
seit dem 13 d. bin ich von der sogen. Erholungsreise nach Klampenborg bei Kopenhagen hierher zurückgekehrt und treibe wieder was einmal meines Amtes ist. Durch Herrn John, dann durch Paul Kuczynski erhielt ich Nachricht von Dir (ich war nahe dran, mich um Deine Gesundheit zu ängstigen) schliesslich nun auch Deinen Brief, für den ich Dir doppelt zu danken habe, da Deine Feder zu Besserem vorhanden ist, als zu Correspondenzen.
Ich danke Dir ferner bestens dafür, daß Du mir bei Barth einen mir so wohlgelegnen Conzerttermin (4 Sept.) ausgemacht ist,◊1 der mir auch die Reise nach Carlsruhe erleichtert, die ich aus mehreren, aus neu hinzugekommenen Gründen unternehmen muß.
Vorläufig habe ich noch keine direkte Einladung oder Benachrichtigung von Barth erhalten – er wird wahrscheinlich wissen, daß Du mir geschrieben hast, und sich nicht weiter pressiren. Ich nehme an, daß mit dem Orchester wieder nichts zu machen ist und habe Folgendes gewählt.
1. Chromatische Fantasie u. Fuge von J. S. Bach
(ein wenig effectuirt natürlich)
2. a. Barcarole v. Rubinstein (oder Liszt’s Ricordanza )
b. Reminiscences de Robert le diable par Liszt.
Letztgenanntes Stück speziell für Wiesbaden in die Finger gebracht. – Bist Du einverstanden?
Du bist etwas streng gegen Bendel als Pianist – der „Mensch“ ist allerdings entsetzlich – ich werde höllisch üben, um Deine freundliche Voraussetzung betreffs meiner nicht zu
dementiren.
Hirsch scheint nicht wieder zu kommen. Ich bin kein frisches Wasser und schreie nicht nach dem Hirsch – aber ich hätte ihn doch gern noch ein Endchen weiter gebracht. S’ist allerdings ein oberflächlicher, sinnlicher Judenjunge, aber aus dem zweiten Prädikate liesse sich doch etwas präpariren, wodurch er wenigstens Pallat aus dem Sattel heben könnte.
Alles Übrige beim Wiedersehen, wenn Barth Wort hält. (Ich komme dann den 3ten an und bleibe bis zum 8ten.) Du wirst ebenso wenig Zeit haben, Schreibebriefe zu lesen, als Lesebriefe zu schreiben.
Doch eine gedruckte Mittheilung will ich beifügen, die Dir Deine Frau Gemahlin beim Essen vorlesen kann. Ich hoffe, sie wird Dich interessiren – meinetwegen. Ganz sicher ist die Sache noch nicht aber wenn sie zu Stande kommt, so werde ich mir erlauben, auf die Preissinfonie zu reflectiren, von der Du mir wohl die Orchesterstimmen zur Verfügung stellen kannst.
Frau und Kinder befinden sich leidlich und laßen herzlich grüssen – letztere allerdings noch nicht.
Zum 1 Oct. muß ich umziehen und habe bis heute noch keine Wohnung gefunden. Die Mitwohnerschaft meiner Mutter (gegenwärtig auf dem Lande bei Heidelberg) macht die Geschichte etwas complizirt. Alle Berliner Räume sind entsetzlich uncomfortabel eingerichtet.
Nochmals schönen Dank und herzlichen Gruss.
In aufrichtiger Verehrung
Dein ganz ergebener
Berlin, 24 August 1863. Hans vBülow.
copyright Simon Kannenberg