Lieber, verehrter Freund!
Seit vielen Tagen ist meine Feder, so zu sagen, eingetaucht um Ihnen zu schreiben – aber zwischen ihre Verbindung mit dem Papier schoben sich immer Hindernisse in allen möglichen Gestalten. – Um das Geschäftliche vor dem Gemüthlichen abzumachen: es sind 6 Flaschen Syrakuser an Ihre Frau Mutter abgegangen. Nach Ihrem Wunsch sollte ich den ganzen Rest an sie schicken. Derselbe bestand aber noch aus 14 Flaschen. Diese zu bewältigen bedürfte Ihre Frau Mutter eine lange Zeit u. ich fürchte fremde Leute würden versuchen dieselbe zu kürzen. Niemand weiß besser als ich, daß Sie der Beste, uneigennützigste Mensch sowohl als Freund wie als Sohn sind.
Aber warum wollen Sie ganz auf diese kleine „Süßigkeit“ des Lebens verzichten, die Ihnen doch auch recht gut thun würde? Bitte, lassen Sie mich die restirenden 8 Flaschen Syrakuser an Sie schicken. Wenn ich keine Contre-ordre erhalte, sind sie binnen einer Woche unter Ihrer Adresse in Meiningen. Ich bin überzeugt damit im Sinn von Ihrer Frau Mutter zu handeln.
Wie Sie wohl wissen werden, schlürfen wir jetzt: Frankfurter Presse! Ein feines Schlückchen! Nicht wahr? Raff läßt sich aber zu keiner Erwiederung herbei. Er hat die ganze Sache ziemlich ruhig aufgenommen u. freut sich immer mehr einen Charakter wie St. los zu sein, der ja vom ersten Augenblick sein lauernder Feind war, wie aus den Schmähartikeln erhellt.
Die Schule gedeiht sehr gut weiter, die Anmeldungen – auch für Gesangsklassen – sind zahlreich. – Herr Roth hat seinen Posten bereits angetreten u. macht guten Eindruck.
Herr Schwarz hat nun selbst an Raff geschrieben, der ihm nächstens antworten wird. – Es war gut daß wir uns allesammt in der köstlichen Schweizer Luft so gestärkt, man hält jetzt eher wieder einen „Puff“ aus.
Sprechen wir nun aber einmal statt von uns, von Ihnen. Sie armer Freund haben auch eine Attacke aushalten müssen. u. welche schmerzhafte! Wie herzinnig haben wir Sie bedauert, als wir nachträglich von Ihren Leiden hörten. Aber es geht nun viel besser? Hätten Sie nur gerade jetzt mehr Ruhe! Sie bereiten aber den Meiningern gleich von Anfang eine gute musikalische Kost.
Nächstens wiederhole ich den Besuch bei Ihrer Frau Mutter. Es schien als freue sie sich eben so als ich daß wir, nach langer Zeit, mit einander plaudern konnten. Und wie frisch fand ich sie, trotz des harten Schicksals das sie zu tragen hat.
Wenn uns die schwache Gesundheit Viktor’s nicht Grund zum Kummer gäbe.
Nun herzliches Lebewohl und dito Grüße von Allen u.
Frankfurt Ihrer treu ergebenen
d. 28. Sept. 80. Doris Raff
copyright Simon Kannenberg