Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 2. Mai 1875 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,55
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber freund!
Dein Brief kam in dem Augenblicke an, als ich eben die Partitur
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Habe gerade die Partitur seines neuen Klavier-Orchesterwerks abgeschlossen, als der Brief des E.s angekommen sei. Das "Schimpfen" übelwollender oder unintelligenter Leute tue ihm niemals weh, da es ihm besser gehe, als er je geträumt habe und ganz und gar der Kunst leben dürfe. Peinlich berühre ihn das Verkennen von Seite solcher Leute, die ihm Wohlwollen zeigen. Heisst den E. in Wiesbaden willkommen. Frau und Kind haben sich höchlichst darüber gefreut. Sie seien, nachdem seine Frau gestern noch auf Wunsch des Kaisers in "Den zärtlichen Verwandten" von Benedix gespielt habe, heute morgen nach Weimar abgereist. Diese Reise könne nicht später stattfinden, da Prinz Karl komme und alle Tage Theater haben möchte. Freut sich über die Neuigkeiten über Hartvigson. Es sei schwierig, in St. Petersburg oder Moskau aufzukommen, wenn Rubinsteins [Anton und Nikolai] zugegen seien. Der E. werde über die musikalischen Neuigkeiten unterrichtet sein, u. a. Kalliwodas Pensionierung, das Auszischen des Kaisermarsches bei Bilse, den grössten Erfolg Rubinsteins, das Klavierspielen Liszts in Hannover u. s. w. Es werde immer so weiter gehen, und Langbein mit seinem dummen Liede werde jedenfalls Unrecht gehabt haben.

Lieber freund! Dein Brief kam in dem Augenblicke an, als ich eben die Partitur meines neuen Klavier-Orchesterwerkes beendet und mich mit einem aufrichtigen Uff! in den Stuhl zurückgelehnt hatte. ich nahm ihn mit freudigem Gruß als gutes Omen für das neugeborene Kind an, und danke dir für alles Wohlwollende u. freundliche, was er enthält, von ganzem Herzen. Das „Schimpfen“ übelwollender oder unintelligenter Leute thut mir niemals wehe und hat mich überhaupt zu keiner Zeit genirt, am wenigsten jetzt, wo es mir ja – unberufen! – besser geht, als ich je geträumt habe, und wo es den Anschein gewinnt, als ob ich wirklich auf meine alten Tage ganz und gar der Kunst – in sensu proprio – leben dürfe, welches Glück ich mir zu sehr gewünscht hatte, als daß ich je der hoffnung Raum geben durfte, als würde ich’s jemals erreichen. – Nein, was mich peinlich berührt, das ich das Verkennen von Seite solcher Leute, welche mir Wohlwollen zeigen, die aber nicht genug Kenntnisse oder Zeit haben, eine Sache zu approfondiren. Da du nun schon nicht spielen willst, so lasse ich es dabei bewenden. Vielleicht thust du’s auf dem Rückweg aus Tÿrol, ehe du nach +++ gehst. „Muß das sein?“ Aber freilich! Nun vor Allem und Jedem: willkommen wieder in Wiesbaden! frau und Kind haben sich höchlichst gefreut, wenn auch unmöglich mehr wie ich. Die Meinen – meine frau spielte gestern Abend noch in den auf Wunsch des hier weilenden, heute aber noch abreisenden, Kaisers in Benedix’s \gegebenen/ „zärtlichen Verwandten“ von Benedix – sind heute morgen nach Weimar gereist, wo sie sich etwa 6 Tage lang aufhalten werden, kommen aber natürlich heute über 8 Tage wieder. Diese Reise hätte schon zu Ostern stattfinden sollen, mußte aber immer wieder verschoben werden, weil allerlei dazwischen kam. Später kann sie auch nicht stattfinden, weil der Prinz Karl kömmt, der alle Tage Theater haben will. Was du mir von Hartvigson sagst, freut mich; denn nichts ist unangenehmer als gewisse Enttäuschungen. Mir scheint übrigens, daß es schwer ist, in Petersburg oder Moskau aufzukommen, wenn Rubinsteins dagegen sind, und dies letztere scheint doch wohl Hartvigson’s fall gewesen zu sein. Ueber alle Art von musikal. Neuigkeiten wirst du unterrichtet sein, unter andern: Kalliwodas Pensionirung (!?), Auszischen des Kaisermarsches bei Bilse (!!!), größten Erfolg Rubinsteins, Klavierspielen Liszts in Hannover, u. s. w. Devise: heiter auch in ernster Zeit!! – Aber was da, es wird immer so weiter gehen, und Langbein mit seinem dummen Liede hatte jedenfalls Unrecht. Nun also leb’ wohl für heute und die paar Tage noch bis wir uns wieder sehen. beste Empfehlungen an die verehrl. Deinigen und treuste Grüße dir selbst von deinem Wiesbaden JoachimRaff. 2. Maj 1875. noch immer Stiftstraße No 10. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (2. 5. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 15. 6 2026.