Lieber Freund!
Allen schönsten Dank für freundl. Uebersendung der „Academÿ“ mit E.P.’s besprechung meiner Sÿmphonieen. Gewiß kann ich nur mit aufrichtigem Danke einen Artikel entgegennehmen, welcher von so viel Wohlwollen gegen mich dictirt ist. Allein ob durch denselben das Verständniß meiner Arbeiten gefördert werde, ist eine Frage, die wohl mehrfach zu verneinen sein wird.
Schon in Deutschland fand ich bei der Masse der Musiker gänzliches Mißverstehen oder Nichtverstehen dessen was ich gewollt, warum und wie ich es gewollt. Nur einige wenige meiner „practicirenden” Collegen begnügten sich meine Proceduren ebenso ungeschickt als unverschämt auszunutzen, und sich dafür lobhudeln zu lassen.
Umsoweniger darf ich darüber klagen, wenn ich in England, wo man die Leute beinahe unvorbereitet mit denjenigen meiner Sÿmphonieen überfällt, die die Musiker am wenigsten spielen und die Zuhörer am wenigsten goutiren können, vorläufig noch auf ein exactes Verständniß verzichten muß.
E.P. nun ist vor allen Dingen nicht ganz im Klaren über den Zweck der Sÿmphonie, wie er sich nach und nach herausgebildet hat, kann es also auch nicht sein über die Mittel und ihr Verhältniß zu jenem Zweck. Er prüft daher die Werke auf zufällige Aeusserlichkeiten, womit wir denn glücklich um 200 Jahre zurückgeschraubt wären. Doch, wie gesagt, man kann das einem Engländer um so weniger übel nehmen, als es in Deutschland viel schlimmer steht und noch werden dürfte.
Sehr amüsirt haben mich seine Darlegungen über die VI. Sÿmphonie. Schon Beethoven hat in seiner V. dem Scherzo eine enge Beziehung zum Finale gegeben und in der IX. den Inhalt des 1. Satzes im 2. humoristisch ergänzt resp. vertieft. Analog habe ich aus bezüglichen Gründen in der III. den 2. u. 3. Satz, in der V. u. VI. den ersten u. zweiten Satz einander coordinirt. Das Motto der VI. lautet:
Gelebt: Gestrebt, gelitten, gestritten; –
Gestorben; –
Umworben.
æDas Leben des Künstlers als solchen◊1 ist Streben. Dieses Streben selbst ist nichts Anderes als der fortwährende Kampf gegen die Negation /: Leiden –◊2 Streiten :/. Der Künstler kämpft aber nicht mit dem Prügel oder mit Zeitungsartikeln, sondern indem er die ihn beseelende Idee◊3 fortwährend◊4 in neuen Manifestationen entwickelt. – Dies nun◊4 wollte ich von der erhabenen Seite darstellen im 1., von der humoristischen im 2. Satze meiner VI.ç /: Das ganz neue Verfahren, welches ich für die innere Gestaltung der betreffenden Sätze ersonnen, wird bereits ohne Quellenangabe ebenso täppisch ausgebeutet, als es bei früheren meiner Werke geschah :/. æDer 3. Satz nun sollte die Todtenklage derjenigen darstellen, die den Erlegenen betrauern. Der 4. Satz ist keineswegs eine Apotheose im gewöhnlichen Sinne. Vielmehr beginnt er mit der Freude darüber, daß der Hingeschiedene ausgelitten, bis dann die Stimmen angesummt kommen, die da finden, daß derselbe doch so gar schlimm nicht gewesen sei, und die Idee, die derselbe im Leben verfolgt, endlich mit dreister Acclamation beloben.ç –
Der Bau des Ganzen nun ist der Idee nach P.E. durchaus unklar geblieben, und somit auch nach Seite der Technik. Ganz ähnlich ist es ihm mit andern Sachen gegangen.
Allein wenn ich denke, wie es Hiller, Rietz u. Lachner anfänglich mit einer so leichten und durchsichtigen Arbeit wie die◊5 Waldsÿmphonie ergieng, und sie beim Anhören etwas ganz anderes fanden als beim Lesen, so wundere ich mich über nichts mehr.
Nun aber mehr als genug von diesem Gegenstand. Verzeih!
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Noch muß ich dir vielmals danken für die Protection des Klavierconcertes. Frau Dr v. Wels hat mir über die Aufnahme in München ein paar Zeilen geschrieben. Hältst Du es für aufdringlich, wenn ich derselben unbekannterweise schriftlich danke? Deine Protection hat übrigens die traurige Folge gehabt, daß ich mich an die Composition eines neuen Opus für Klavier u. Orchester gemacht habe. „Schrecklich! Doch weiter!“ (Oder nicht weiter?)
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äMad. Schott haben wir letzten Mittwoch begraben. Sie war nur zwei Tage krank.
Hier passirt nichts Neues. Sauerma’s sind noch immer hier, allein (wie ich wohl schon andeutete) ohne Erfolg, denn die Stadt hat 20% Steuerzuschlags und noch eine Anleihe von 60,000 Mrk bedurft, um ihren Verbindlichkeiten für dies Jahr zu genügen; wo kann sie jetzt daran denken, an ihrem rein städtischen Cur-Institut eine Sÿnekura für einen königl. Commissar zu errichten, unter welchem dann doch immer wieder Heÿl die Geschäfte fortführen müßte. Es ist der ungünstigste Augenblick; in einigen Jahren vielleicht weniger. å
Von Liszt haben wir seit Neujahr „Gaudeamus“, Préludes u. Taßo gehabt. Letzterer hat am wenigsten gefallen. Demnächst sollen „Festklänge“ und „Ideale“ gespielt werden.
äGrove hat an mich geschrieben. ich will ihm dieser Tage antworten, wenn auch nur in Kürze, da ich nur an dich so lange Briefe schreiben kann.å
Meine frau kränkelt ab und zu, Lene ist /: unberufen :/ wohl, u. lernt jetzt die Rotunda schreiben, weil’s bald an französisch- u. Englisch-lernen geht. Beide grüßen schönstens. Was mich anlangt, so wirst du mich beim Wiedersehen etwas gealtert finden, allein es muß noch immer gehen.
Nun kann ich nur wünschen, daß dich diese Zeilen wohl antreffen, daß du viel Geld verdienest und daß wir dich bald einmal wieder vergnügt und munter hier begrüßen können.
Unter besten Empfehlungen an die verehrl. Deinigen bin ich wie stets
dein getreuer
Wiesbaden, 13. April 1875. JoachimRaff.
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