Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Weimar
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 17. März 1875 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,52
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Du wirst denken, daß wir hier völlig auf dem Aussterbeetat stehen,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Bedankt sich für die Empfehlung von Wilborg. Habe diesen kennengelernt und angenommen, dass dieser am 16. März in der Euterpe spielen soll. Habe sofort Heyl geschrieben, damit dieser Wilborg zum Auftreten verhelfe. Dieser habe für ein Konzert in der nächsten Woche zugesagt. Habe Wilborg empfohlen Mainz, Frankfurt, Giessen, Homburg etc. zu besuchen und zu sehen, was dort zu machen sei. Habe Briefe an Frau Schott und Härtel mitgegeben. Habe nichts von Wilborg gehört und nach Frankfurt geschrieben, dann nach Leipzig an Volkland, der mitgeteilt habe, dass Wilborg am 23. plötzlich heimgereist sei. Bittet den E., Klindworth über den Sachverhalt zu informieren. Habe den E. gebeten, sein Konzert [op. 185] in der Euterpe nicht zu spielen. Habe Pech mit den Skandinaven: Hartvigson wolle zu Ostern hier spielen und beklage sich, dass man ihn in St. Petersburg nicht auf- und ankommen lassen wolle. Dolgoroukis seien nach Paris umgesiedelt, Alexandra sei gestern hier gewesen, um sich zu verabschieden. Saurmas weilen schon seit einiger Zeit hier, zweifle am Erfolg. Habe im Echo "Sängers Fluch" neu angezeigt gesehen. Fragt, ob das Stück gegeben werden oder ob gewartet werden soll, bis der E. hier sei. Habe die neue fünfsätzige Partitur [op. 194] hier am 5. und 7. d. M. gebracht, sie werde im Herbst erscheinen. Das Violoncellkonzert sei nahezu fertig gestochen. Die letzten Aufführungen seien im Gewandhaus ("sehr brillant") und in Mannheim gewesen. Jahn habe im Programm seiner Konzerte von der "Heiligen Elisabeth" von Liszt und Rubinsteins Violinkonzert gesprochen. Seine Neuigkeiten haben dann stattdessen aus der Serenade von Jadassohn und "Vorspiel zu Dornröschen" von Langer bestanden. Habe Rubinsteins Novitäten durchgelesen. Schickt zwei Zettel von seiner Tochter.

Lieber Freund! Du wirst denken, daß wir hier völlig auf dem Aussterbeetat stehen, weil wir so lang nichts von uns hören ließen. Aber Gearbeitet wird immer, nur geschrieben wenig, was auch das Gute hat, daß dann Niemand mit Lesen incommodirt wird. Zunächst muß ich dir für die Empfehlung des hr Wilborgs danken, der ein ganz netter Mensch zu sein scheint, nur aber, wie mir scheint, noch wenig deutsch versteht. – höre, wie es mir mit ihm ergieng! Er kömmt vormittags während meiner Ausgehstunde an, trifft mich aber nicht zu haus, weßhalb ich erst um 3 Uhr das Vergnügen habe seine Bekanntschaft zu machen. Aus seinem Reden nehme ich ab, daß er am 16. Mærz in der Euterpe spielen soll, und also in der Zwischenzeit etwas verdienen will, da er’s braucht. Diesen Umstand berücksichtigend und deiner Empfehlung eingedenk, schreibe ich sogleich an Heÿl, daß es wünschenswerth sei, dem jungen Mann, dessen persönliche Bekanntschaft er den folgenden Tag machen solle, alsbald zum Auftreten zu verhelfen. Obgleich den Tag zuvor der jüngere Brassin gespielt hatte, und ein gleich nachfolgendes Virtuosenconcert gar keine Chancen einer Einnahme hatte, beeilte sich Heÿl doch seine Maßregeln zu ergreifen, und sagte mir, als ich mit Wilborg zu ihm kam, in dessen Gegenwart das Arrangement des Concertes für die folgende Woche zu. Schneller gieng es nicht, weil erst die Engagements der andern Mitwirkenden abgeschlossen werden, u. das Concert doch auch annoncirt werden musste. hierauf sagte ich zu hr Wilborg: Liegen Sie nun nicht müssig hier in Wiesbaden, sondern besuchen Sie einstweilen Mainz, frankfurt, Gießen, Homburg etc: u. sehen Sie, was dort zu machen ist. An frau Schott u. Kapellmeister Härtel gab ich ihm Briefe mit. Zugleich gab ich ihm auf, bei Schott in frankfurt seine Adresse zurückzulassen, da ich meine Nachrichten für ihn dorthin gelangen lassen würde. Inzwischen besorgte Heÿl seine Arrangements dergestalt, daß man das Concert für den 2. Mærz annonciren konnte. \a)/ Zu meiner großen Verwunderung hörte ich nichts von Wilborg, u. da sein Programm nöthig war \b)/, so schrieb ich an ihn pr Adr: Schott in frankfurt, erhielt aber von dort meinen brief uneröffnet mit einigen begleitenden Zeilen zurück \c)/, „man wisse die Adresse des hr W. nicht.“ hierauf vermuthe ich, daß man jedenfalls in Leipzig etwas von dem Verbleib des hr W. gehört haben werde u. telegraphire an Kapellmeister Volkland, welcher mir dann antwortet, \d.)/ daß hr W. am 23. plötzlich heimgereist sei. Solltest du je an Klindworth schreiben, so bist du vielleicht so freundlich, ihm den Sachverhalt darzustellen; denn – wie gesagt – ich zweifle ernstlich daran, daß hr W. gut deutsch verstehe, sonst wüßte ich mir sein Benehmen gar nicht zu erklären. Hiernächst muß ich noch erwähnen, daß ich ihn gebeten hatte mein Concert in der Euterpe nicht zu spielen. Die Gründe hiefür u. für einiges Aehnliche gelegentlich einmal mündlich! Soviel hievon. Indeß scheint es wirklich, daßich mit den Skandinaven Pech haben soll. Da will nun Hartvigson zu Ostern hier spielen. Am \1./ Osterfeiertag ist Aida zum I. Male, am 2. geht alle Welt aufs Land, und am 3. hat niemand mehr ein Geld. Er klagt höllisch, daß man ihn in Petersburg nicht auf u. ankommen lassen will. Von hiesigen Neuigkeiten wird dich interessiren, daß Dolgoruki’s ihr haus verkauft haben, und die familie nach Paris übersiedelt: Avenue de l’Imperatorie 81. Alexandra war gestern hier, sich zu verabschieden. Sauerma’s weilen schon einige Zeit hier, aber ich zweifle am Erfolg. – Im Echo habe ich deinen „Sängers fluch“ neu angezeigt gesehen. Sollen wir Das Stück in der gegenwärtigen Gestalt jetzt gleich bringen, oder sollen wir warten, bis du da bist? Meine neue 5sätzige Partitur habe ich am 5. u. 7. d. M. gebracht; sie wird zum herbst erscheinen. Das VioloncellConcert ist nahezu fertig gestochen. Die letzten Aufführungen waren im Gewandhaus /: sehr brillant :/ u. in Mannheim. Jahn hatte im Programm seiner Concerte Liszt h. Elisabeth u. Rubinsteins Violinconcert versprochen, aber nicht nur keins von Beiden, sondern überhaupt nichts von diesen Autoren gebracht. Seine Neuigkeiten bestanden in „Serenade von Jadassohn“ u. „Vorspiel zu Dornröschen von Langer“. Man muß zugestehen, daß er sich nicht übernommen hat. Rubinsteins Novitäten habe ich durchgelesen. Mehr kann ich heut’ nicht sagen. Meine kleine Tochter bittet mich, dir beikommende zwei Zettel zu schicken; das eine ist eine ihrer jüngsten Poësieen, das andre soll einen brief vorstellen. Indem ich dem Kind den Willen thue, lehne ich aber doch jede anderweitige Verantwortlichkeit feierlichst ab. Leb’ wohl für heute und laß gelegentlich wieder Mal von dir hören deinen getreuen Wiesbaden 17. Mærz 1875. JoachimRaff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (17. 3. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.