Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 6. Januar 1875 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,51
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber freund!
Am Schluß deiner diesmaligen Londoner campagne
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Gratuliert dem E. für die Londoner Kampagne. Lädt den E. ein, in der Stube von Toni zu logieren. Die Frankfurter Aufführung von "Lenore" habe sich nicht übel gemacht. Sei nicht zum Schlafen gekommen und habe dann die Nachricht vom Tod des ältesten Neffen [Ernst Genast] infolge einer Paukerei erfahren, was der ganzen Familie sehr nahe gegangen sei. Seine Frau wurde wegen nervösen Zahnschmerzen bettlägerig. Gernsheim sei hier gewesen und habe ihm drei Sätze seiner Jungfern-Symphonie gezeigt, mit der dieser einen "mezzo termino" Mendelssohn - Beethoven finden möchte, sich dies aber allzu sehr anmerken lasse. Rubinstein werde man auch eine Einladung zugehen lassen. Denkt, dass dieser sein Es-Dur-Konzert und die Symphonie d-Moll zu Gehör bringen werde. "Damit ich nicht im Zweifel sei, auf wen er jetzt am meisten loshämmern wolle, läßt er jetzt auch ein D-moll Violoncell-Concert vom Stapel." Sehe dieser Konkurrenz ganz ruhig entgegen, da sein Konzert "vollständig seinen Zweck" erfülle. Rubinstein habe ungeheur Ressourcen, Davidoff (ebenso die Essipoff) gehe nun nach Paris und werde dessen Konzert dort spielen. Werde seinen Mann stellen, und das Szepter werde vorläufig bei Deutschland bleiben. Saurmas seien hier. Lassens Nibelungenmusik mit verbindendem Text, der auf dem Programm abgedruckt war, wurde gemacht, recht gute Aufführung unter Lüstner. Fragt, ob der E. nicht auch für seinen "Cäsar" eine solche Einrichtung treffen könnte.

Lieber freund! Am Schluß deiner diesmaligen Londoner campagne will ich dir meine besten Wünsche oder vielmehr Gratulationen darbringen, wenn du auch alle Ursache hast zu repliciren, daß ich mir hiebei am meisten selbst gratuliren dürfe. Gerne will ich hoffen, daß du noch einen Fetzen Leben mit über den Canal zurückbringst, und würde mich herzlichst freuen, dich unter den ersten wieder auf continentalem Boden begrüßen zu können. Wenn du herkömmst, so steigst du gleich bei uns ab, und campirst in Toni’s Stube, welche freilich nur eine Mansarde, aber doch nicht unfreundlich, mit allem Nöthigen versehen, und gut heitzbar ist. Dies wird der freiheit deiner bewegung keinen Eintrag thun, da du deswegen doch herumtraben kannst, wo du willst. Von uns kann ich dir nicht sonderlich vieles und Gutes mittheilen. frankfurter Aufführung von „Lenore“ machte sich nicht übel. Allein der Aufenthalt ungemüthlich trotz der freundlichkeit der Einwohner, da ich nicht zum Schlafen kam, und so sehr nervös in meine vier Wänden zurückkehrte, wo wir bald von der Trauerbotschaft vom Tode unseres ältesten Neffen heimgesucht wurden, der in folge einer Paukerei in seinem 22. Jahre wegstarb. Er ist der letzte Genast gewesen, und sein hintritt gieng aus persönlichen und allgemeinen Gründen der ganzen familie, welche in den letzten Jahren ohnehin durch Todesfälle decimirt worden, sehr nahe. Auch meine frau wurde davon heftig afficirt, und ein nervöses Zahnweh welches sie heimsuchte trat so heftig auf, daß sie bettlägerig wurde, und erst seit 3 Tagen wieder umhergeht. Sohin haben wir 1875. mit dem Seufzer angetreten „Gott besser’s!“ Von Neuigkeiten kann ich selbstverständlich nur Wenig mittheilen, da hier nicht viel passirt. Gernsheim war neulich da, und zeigte mit die 3 ersten Sätze seiner Jungfern-Sÿmphonie /: Gmoll mit Posaunen :/, worin er sich alle Mühe giebt, einen mezzo termino Mendelssohn – Beethoven zu finden, seine Absicht aber gar zu deutlich merken läßt. Sonst aber kann das Werk, wie ich glaube, gefallen. Rubinstein wird man für seine große neue Tournee, wofür Himmel u. Erde in Bewegung gesetzt werden, auch hier eine Einladung zugehen lassen, und ich denke, daß er bei dieser Gelegenheit sein neues Concert Es dur und seine dramatische (?) Sÿmphonie D-moll zu Gehör bringen wird. Damit ich nicht im Zweifel sei, auf wen er jetzt am meisten loshämmern wolle, läßt er jetzt auch ein D-moll Violoncell-Concert vom Stapel. Wenn ich meinerseits eine solche Collegialität weder sonderlich hübsch noch klug finde, so darf ich doch dieser Concurrenz ganz ruhig entgegensehen, da mein Concert vollständig seinen Zweck erfüllt, was die Hauptsache ist. Aber Rubinstein hat ungeheuer Ressourcen; p. e. geht jetzt Davidoff /: ebenso die Eßipoff :/ nach Paris, und wird natürlich sein Concert dort spielen. So ist unsereins nicht gestellt. Indeß das ist alles egal. Wenn ich halbweg gesund bleibe, so werde ich schon meinen Mann stellen, und das Szepter wird vorläufig bei Deutschland bleiben. Seit einiger Zeit sind Saurma’s hier und haben auch schon einen besuch gemacht. Allein meine frau war zu bett u. ich nicht zu haus. Wir werden sie demnächst aufsuchen. Neulich haben wir – oder hab’ ich dirs schon geschrieben? – Lassens Nibelungenmusik mit einem verbindenden Text der auf dem Programm abgedruckt war /: Inhaltsangabe – argumentum :/ im Curhause gehabt. Recht gute Aufführung unter Lüstner. Könntest du nicht für deinen Cæsar auch eine solche Einrichtung treffen? Der Text für die Nibelungen füllte gegen 3 Seiten 8oo. Mehr brauchte für eine kurze Exposition deiner Intentionen, resp. Stimmungen, nicht aufgewendet zu werden, da je kürzer je besser ist. Mach doch die paar Seiten Prosa! Will nun schließen. Wer weiß auch ob dich diese Zeilen noch in London treffen. Empfiehl uns freundlich den Deinigen in dort, und sei nochmals schönstens gegrüßt und eingeladen von deinem Wiesbaden getreuen 6. Januar 1875. JoachimRaff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (6. 1. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 6 2026.