Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 13. Dezember 1874 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,50
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Natürlich muß ich höllisch büffeln, wenn es was werden soll;
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Habe heute "weitläufige Partitur" [op. 194] vollendet. Bedankt sich für die Förderung seiner Produkte auf "dortigem Insular-Boden". Will Dannreuther seine Partitur borgen, wenn sich dieser mit "Dmoll" [op. 189] einlassen wolle. Bedauert mehr für sich selbst als für Mme Otto Alvsleben, dass mit Bock nichts zu machen sein werde. Stimmen und Partitur würden fehlervoll und unbrauchbar in London ankommen. Violoncellkonzert [op. 193] sei noch nicht im Stich, werde aber nächste Woche dahin abgehen. Es sei mittlerweile in Schwerin, Braunschweig und Magdeburg gespielt worden, Grützmacher sei höllisch vergnügt darüber. Habe Programm von George Grove gelesen, der E. solle sich bei diesem bedanken. Der E. werde wissen, dass demnächst Rubinsteins und Grimms d-Moll-Symphonien erscheinen, und sehen, wie man arbeiten müsse, um sich der Konkurrenz zu erwehren. Bittet den E., dessen Schwager für die Bekanntschaft des Konsul Fawkus zu danken. Hofft, dass dessen Frau und Kinder wohl seien. Seine Frau könne nicht schreiben, sie spiele viel Komödie (gestern Lindaus "Erfolg"), sei bettlägerig gewesen und habe Weihnachtssorgen. Alexa freue sich, dass der E. sich an sie erinnere. Müsse "Lenore" in Frankfurt dirigieren. Bittet den E., sich bei Manns und Straus zu empfehlen. Der E. habe Bekanntschaft mit Daussoigne-Méhul machen müssen. Habe sich bei drei Verlegern für dessen Sonate verwendet. Habe in letzter Zeit keine Verlagskorrespondenzen gepflogen. Müsse warten, bis dies der Fall sei, ehe er einen neuen Versuch starten könne.

Lieber Freund! Natürlich muß ich höllisch büffeln, wenn es was werden soll; aber item: Umsonst kein Speckkuchen! Nun also /: habe heute weitläufige Partitur vollendet, also uff! :/ zuvörderst allen schönen Dank für directe wie indirecte förderung meiner Producte auf dortigem Insular-Boden. Da leider kein Englisch verstehe, ausgenommen soweit es romanisch oder germanisch lautet, so sind Berichte von dort für mich Muskate, und bin ich in der angenehmen Lage, alle Niederträchtigkeiten nicht zu verstehen, was den Vortheil aufwiegt, etliche freundliche Worte zu capiren, die mitunter noch zudem besser gemeint als gesagt sein mögen. Es dauert lang, bis der Mensch zu dieser Resignation sich herausarbeitet; aber sie ist für denjenigen, der fleißig arbeiten will und muß, das kostbarste Gut. Bist du einmal hier, und wir können ruhig in meinen 4 Mauern plaudern, so erfahre ich wohl das eine u. andere Detail, um dessen Mittheilung ich dich jetzt nicht ansprechen will, da du auch sonst nicht ganz unbeschäftigt bist. Also einige Sach- und fach-Angelegenheiten! Wenn Dannreuther sich mit Dmoll einlassen will, so will ich ihm meine Partitur borgen, woraus er sich in seine Stimmen die nöthigen Stricharten, Correcturen u. dgl. eintragen lassen kann. Das wird ihm den Vortheil bringen, daß er weniger probiren muß. Mit Bock wird nichts zu machen sein, was ich für Mme Otto Alvsleben weniger als für mich bedauern muß. Ausserdem würden Stimmen u. Part. wohl fehlervoll u. unbrauchbar in London ankommen. Violoncellconcert ist noch nicht im Stich, geht aber nächste Woche dahin ab. Inzwischen ist es in Schwerin, Braunschweig u. Magdeburg gespielt worden, und Grützmacher ist höllisch vergnügt darüber, wird es auch demnächst noch an einigen andern Orten loslassen. Programm von George Grove gelesen, wie ich lesen kann; vgl. vorstehende Seite! Dem fleißigen Manne besten Dank, wenn du ihn siehst – (Entre nous! Die form ist \ihm/ nicht so recht geläufig.) Daß demnächst Rubinsteins u. Grimm’s Dmoll-Sÿmphonieen herauskommen, wirst du wissen. Du siehst, wie man arbeiten muß, um sich nur einigermaßen der Concurrenz zu erwehren. Macht aber nichts. Wenn du deinen hr Schwager siehst, bitte meine besten Empfehlungen u. meinen Dank für die Bekanntschaft des hr Consul fawkus◊1 zu melden. Hoffentlich hat er frau u. Kinder wohl, und fühlt sich in seinem neuen Wirkungskreise behaglich. Meine frau kann dir nicht schreiben. Sehr viel Komödie /: gestern Abend Lindau’s „Erfolg“ :/ – vorige Woche ein paar Tage bettlägerig – und jetzt noch alle Hände voll Weihnachtssorgen. Na, du weißt wie das so geht. Aber sie grüßt von Herzen ebenso als das Kind. Alexa hat meine frau gesehen. Sie war sehr erfreut, daß du dich Ihrer erinnern wolltest. ich selbst werde eine unruhige, arbeitsverlustige Woche haben, da in frankfurt a/M „Lenore“ dirigiren muß. „Wie heißt“ wirst du fragen; aber es ist nicht anders. Hübsch wär’s, wenn du etwas Näheres über deine beabsichtigte Wiederkunft verlautbaren lassen könntest. An die hhr Manns u. Straus meine freundlichsten Empfehlungen, wenn du dieselben übernehmen willst oder kannst. Noch eine An- oder – Ungelegenheit. Du hast neulichst die Bekanntschaft von Daussoigne-Méhul machen müssen. Unter uns! Natürlich habe ich mich bei 3 Verlegern für seine Sonate verwendet. Aber das Manuscript ist stark und hat bei uns in Deutschland, wo eine solche Sache immerhin von dem Kaliber sein muß, daß sie mit einiger Aussicht auf Erfolg losgelassen werden kann, keine sonderliche Chancen. Da ich in letzter Zeit gar keine Verlagscorrespondenzen gepflogen habe, so wollte ich ebenwohl warten, bis dies der fall sein würde, um einen neuen – Gott weiß, ob glücklichern – Versuch zu machen. Das muß der Autor abwarten. Er hat die bescheinigung von mir, daß ich sein Manuscript empfangen, u. mich dafür verwenden will, aber darf nicht erwarten, daß ich seiner Ungeduld sonderlich Rechnung trage, da mir die Mittel fehlen einen Verleger zu zwingen, und das Schreiben unnützer ◊2Briefe gar keinen Zweck hat. Entschuldige! Leb’ also wohl für heute. Nochmals allen besten Dank und die herzlichsten Grüße deines Wiesbaden getreuen 13. Dec. 1874. JoachimRaff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (13. 12. 1874); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 21. 4 2026.