Lieber Freund!
Anbei „Waldsÿmphonie“ mit einigen Anmerkungen von meiner nicht mehr unbekannten hand. Merke schon, dich kitzelt der Neid; du willst nicht, daß ich allein als Wald-Director reisen soll. Sei’s drum! Du wirst also hiemit feierlichst zum Chef des Forstwesens ernannt.
Wenn es dir nicht zu peinlich ist, mich unter den Zuschauern, resp. Zuhörern zu wissen, so komme ich incognito nach Carlsruhe und höre mir die Sache an, nicht ihrer selbst willen, denn dazu bin ich nun doch nicht naiv genug, wie du ja wohl weißt, sondern wegen des allseitigen Rapports zu dir, Capelle, Publicus.
Tausend Dank für vereinigte Pianoforte-Violoncell-Leistungen und geneigte Programm-Mittheilung.
Heÿl◊1/ soll eine Offerte als Director eines bedeutenden industriellen Institutes in Oestreich erhalten haben, er ist noch nicht zurück.
Müller hat seine Sÿmphonie-Concerte begonnen. Spohr No 3. Recht wacker aufgeführt, wofür ihm einige Dummheiten verziehen sein sollen. Ebenso giengen 2 Posaunenstücke von Lassen sehr nett.
Jahn zeigt seine Concerte an: Hauptnovitäten: Volkmann D-moll, Rheinberger Wallenstein, Abert Columbus, Lachner 5. Suite. Sinzig (Cæcilienverein) spricht von Hillers Saul u. Bruch’s Odÿsseus.
Werden also viel interessante Musik hören.
Fälten war dieser Tage hier, und spielte mir Rubinstein 3. Concert sowie 3. Suite von mir vor. Alles recht gewissenhaft, aber etwas kühl. Zimmer ist heute Knall u. Fall abgereist (Zu einem Verwandten nach Oberhausen, wie er sagt, der ihm einen Operntext (!!!) macht), und will um den 15. 16. wiederkommen. Er hat bisher die D-dur Sonate von Beethoven instrumentirt, ein Streichquartett und einen Marsch f. Orchester gemacht. Mit No 1. kam er nicht zurecht, und das Vorhandene ist großentheils von mir. Noch mehr gilt dies von No 3. Dagegen ist ihm im Quartett Einiges ganz gut gelungen. Der Wagnerismus ist ein großes Unglück für unsere Jugend. Diese Leute sind in einer Weise befangen und unbehülflich, daß man wahrhaft besorgt um sie wird. Doch genug! Uns gehts wohl. Meine frau hat viel zu thun, und ich rüste mich auf einige schwere Gänge. Schönste Grüße von den Meinigen u. zumal von deinem
Wiesbaden getreuen
7. October 1873. JoachimRaff.
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