Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 7. Oktober 1873 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,49
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Anbei „Waldsÿmphonie“ mit einigen Anmerkungen von meiner nicht mehr unbekannten hand.
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Schickt Waldsymphonie mit Amerkungen. Ernennt den E. zum "Chef des Forstwesens". Möchte Karlsruhe inkognito besuchen. Bedankt sich für "Pianoforte-Violoncell-Leistungen" [op. 59 und op. 86]. Heyl habe eine Offerte als Direktor eines industriellen Instituts erhalten. Müller habe seine Symphonie-Konzerte begonnen und Spohrs Dritte und Posaunenstücke von Lassen aufgeführt. Jahn zeige seine Novitäten an: Volkmanns d-Moll, Rheinbergers "Wallenstein", Aberts "Colulmbus", Lachners fünfte Suite. Sinzig spreche von Hillers "Saul" und Bruchs "Odysseus". Fälten sei hier gewesen und habe Rubinsteins 3. Konzert und die 3. Suite vorgespielt. Zimmer sei heute zu Verwandten nach Oberhausen abgereist. Dieser habe die D-Dur-Sonate von Beethoven instrumentiert (doch diese sei grossenteils vom A., was noch mehr für dessen Marsch für Orchester gelte). Im Quartett sei diesem aber einiges gelungen. Der Wagnerismus sei ein grosses Unglück für "unsere Jugend". Seine Frau habe viel zu tun.

Lieber Freund! Anbei „Waldsÿmphonie“ mit einigen Anmerkungen von meiner nicht mehr unbekannten hand. Merke schon, dich kitzelt der Neid; du willst nicht, daß ich allein als Wald-Director reisen soll. Sei’s drum! Du wirst also hiemit feierlichst zum Chef des Forstwesens ernannt. Wenn es dir nicht zu peinlich ist, mich unter den Zuschauern, resp. Zuhörern zu wissen, so komme ich incognito nach Carlsruhe und höre mir die Sache an, nicht ihrer selbst willen, denn dazu bin ich nun doch nicht naiv genug, wie du ja wohl weißt, sondern wegen des allseitigen Rapports zu dir, Capelle, Publicus. Tausend Dank für vereinigte Pianoforte-Violoncell-Leistungen und geneigte Programm-Mittheilung. Heÿl◊1/ soll eine Offerte als Director eines bedeutenden industriellen Institutes in Oestreich erhalten haben, er ist noch nicht zurück. Müller hat seine Sÿmphonie-Concerte begonnen. Spohr No 3. Recht wacker aufgeführt, wofür ihm einige Dummheiten verziehen sein sollen. Ebenso giengen 2 Posaunenstücke von Lassen sehr nett. Jahn zeigt seine Concerte an: Hauptnovitäten: Volkmann D-moll, Rheinberger Wallenstein, Abert Columbus, Lachner 5. Suite. Sinzig (Cæcilienverein) spricht von Hillers Saul u. Bruch’s Odÿsseus. Werden also viel interessante Musik hören. Fälten war dieser Tage hier, und spielte mir Rubinstein 3. Concert sowie 3. Suite von mir vor. Alles recht gewissenhaft, aber etwas kühl. Zimmer ist heute Knall u. Fall abgereist (Zu einem Verwandten nach Oberhausen, wie er sagt, der ihm einen Operntext (!!!) macht), und will um den 15. 16. wiederkommen. Er hat bisher die D-dur Sonate von Beethoven instrumentirt, ein Streichquartett und einen Marsch f. Orchester gemacht. Mit No 1. kam er nicht zurecht, und das Vorhandene ist großentheils von mir. Noch mehr gilt dies von No 3. Dagegen ist ihm im Quartett Einiges ganz gut gelungen. Der Wagnerismus ist ein großes Unglück für unsere Jugend. Diese Leute sind in einer Weise befangen und unbehülflich, daß man wahrhaft besorgt um sie wird. Doch genug! Uns gehts wohl. Meine frau hat viel zu thun, und ich rüste mich auf einige schwere Gänge. Schönste Grüße von den Meinigen u. zumal von deinem Wiesbaden getreuen 7. October 1873. JoachimRaff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)


Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (7. 10. 1873); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.