Lieber freund!
Kam vorgestern Abends spät aus Spa zurück, woselbst ich Waldsÿmphonie 2 Tage hintereinander dirigirt habe, und fand einen Brief von Hartvigson an dich vor, der mit heutiger Post an deine badener-Adresse weiter gieng, so wie einen von dir, die Pohlsche Angelegenheit betreffend. Begab mich gestern wiederholt zu Heÿl, der inzwischen zu Sonne u. Löwe 3. Klasse avancirt ist, und bereits aus etwas höherem Tenor spricht, traf ihn aber nicht. heute früh erwischte denselben, allein meine Nachrichten können – leider – keine günstige sein. Vorläufig ist von nichts die Rede, als von Naturforscher-Versammlung u. dgl. Vor Mitte November denkt heÿl gar nicht an eine Inangriffnahme seines Planes. Wenn ihm das Wasser nicht in den Mund läuft, so wird er – so scheint es mir – überhaupt von dem Unternehmen abstehen. Geht es dir mit dieser Sache nicht nach Wunsch, so ist mir Aehnliches passirt. hatte vor 8 Tagen alle Schritte gethan um Leitert, der sich ohne Umstände wieder gedrückt hat, durch Leopold Brassin in Bern zu ersetzen. Aber freudenberg will jetzt nicht, und Müller stößt sich an seinem Aeussern, auch scheint es, daß er frau Müller-Berghaus einmal schlecht accompagnirt hat. Enfin der arme Mensch ist vergeblich von Bern hiehergegangen, und ich muß schon sehen, wie ich meine Voreiligkeit an ihm anderweit gut mache.
Werde übrigens, trotz augenblicklicher Persisch-Wiesbadenscher Stagnation, doch ab und zu bei Heÿl von der Pohlschen Sache wieder anfangen, wenn mir der Moment heÿlsam erscheint, und allfälliges günstiges Resultat an dich sogleich melden...
Daß du darauf aus bist, op. 185 in Verruf zu bringen, ist sehr freundschaftlich von dir.
Von meiner Schwägerin – diese meinst du doch unter „Donna Emilia“ – habe nichts gehört, als daß sie auf der Durchreise nach Weimar hier einzusprechen beabsichtige. Allein das schlechte Wetter wird sie wahrscheinlich abhalten, den Umweg zu machen.
Ueber Spa, Jüngstvergangenes u. möglicherweise Künftiges, schreibe dir ein andermal, wofern sich nicht Gelegenheit zu mündlichem Austausch darbietet.
Neues von hier sonst nicht, als daß Monbelli gestern ihr Gastspiel beendet hat u. November–December mit Wilhelmj reisen soll, – wie letzterer mir gestern hier gesagt hat.
Leb’ also wohl für heute und seÿ vielmals schönstens gegrüßt von deinem
getreuen
JoachimRaff
Wiesbaden
13. Sept. 1873
copyright Simon Kannenberg