Lieber Freund!
ich hatte gehofft, dir mit diesen Zeilen die Solostimme des Concertes einsenden zu können. Dies ist nun leider nicht der Fall. Der buchbinder hat das Heft feucht und ohne Einlage von Löschblättern gebunden und gepresst; die Schrift ist daher unleserlich geworden, und ich kann dir das Concert erst in der ersten Woche Juli schicken, da ich morgen auf 4 Wochen verreise. Da das Werk keine Dinge enthält, welche du nicht vom blatte spieltest, so handelt es sich eben doch nur um Kenntnißnahme, und wenn du schon am 28. od. 29. Juli hier sein könntest, um Einsicht in die Partitur, welche im Ganzen weit sÿmphonischer ist, als alle meiner Vorgänger. Die Partitur hat, weil älter, weniger unter den Unbilden des buchbinders (buchschinders?) gelitten, und Müller meint, dieselbe gut lesen zu können. Der „städtische“ nämlich dirigirt die Curconcerte.
Am 20. v. M. starb mein armer, lange schon seiner Auflösung entgegenharrender Schwager Merian. Am 27. reiste ich nach Weimar zum „Christus“ 28. Generalprobe 29. Aufführung. Letztere obgleich unter Liszts Leitung, doch recht mangelhaft, namentlich im Orchester. Wie es scheint, nicht genügend vorbereitet. Wagner u. frau mit Lulu. Muchanoff, Schleinitz etc. Da in tiefer Trauer, war ich nirgends zu sehen. Liszt besuchte mich 1 Stunde vor meiner Rückreise am 30. Sei froh, dass du nicht dort warst. –
Mit Leitert war bei Ankunft deines letzten briefes nebst Anlagen schon abgeschlossen. Man muß jetzt sehen, wie er thut. Wenn es mit ihm nicht geht, kann man immer noch eine Veränderung eintreten lassen, ehe der herbst kömmt.
Leb’ nun wohl für heute. Meine frau u. Tochter grüßen schönstens. Stets dein
Wiesbaden, 2 Junj 1873. JoachimRaff.