Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 21. Januar 1873 (Quelle)
Standort: Stadtbibliothek/Monacensia (München)
Signatur: Raff, Joseph J. A I/1.
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Viel schönen Dank für die freundlichen Nachrichten aus Amsterdam.
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Bedankt sich über Nachrichten aus Amsterdam. Fragt, ob der E. den Brief mit Postzeichen St. Margarethen erhalten habe. Seyfrieds seien gestern gekommen und haben zwei Exemplare der Büste des E.s mitgebracht. Eine werde unter das Bild seiner Frau platziert, die andere an Alexandra befördert. Habe die Variationen nun in Druck gegeben. Berichtet von Canon-Einfall (zwischen 12. und 14. Variation). Hofft, das Konzert Mitte Februar in Angriff zu nehmen. Wilhelmj habe diese Tage das Violinkonzert in Frankfurt gespielt, gleich darauf Joachim seines. Die Familie Wilhelmj jabe die heitersten Zeitungsartikel bei dieser Veranlassung gemacht. Joachim habe gestern zum zweiten Male gespielt, nachmittags sei Heermann da gewesen und habe Grüsse von diesem gebracht. Glaube, dass Wilhelmj gefabelt habe wie mit seiner Berufung nach Leipzig. Müller sei sehr fleissig und habe die Liszt'sche Rhapsodie bereits 3mal bebracht. Auch Jahn gebe dieser Tag sein drittes Konzert mit zwei Sätzen aus "Romeo" von Berlioz. Habe bei Müller einen Marsch von Kiel und einen von Joachim gehört, zudem Friedensouvertüre von Reinecke. Auch dessen Frau bekomme als Gesangslehrerin zu tun. Urspruch sei dieser Tage wieder da gewesen. Musste diesem ein Engagement verschaffen. Grüsse der Frau und Kind.

Lieber Freund! Viel schönen Dank für die freundlichen Nachrichten aus Amsterdam. Sehr freue ich mich, daß aus deinen Zeilen die Zufriedenheit über dein persönliches Ergehen spricht, und soweit das Benehmen der Niederländer hieran Theil hat, sind diese letzteren in meiner Achtung bedeutend gestiegen. Hast du einen Brief mit dem Postzeichen S. Margarethen, den ich dir nach Brüßel – Windton-hôtel – nachsandte, erhalten? Wenn nicht, reclamire denselben. Gestern Abend kamen Seyfrieds’ und brachten mir 2 Exemplare deiner büste, worüber wir große Freude hatten. Das eine davon wird alsbald unter das Porträt meiner Frau placirt, wo ich es am meisten vor Augen haben kann. (Du mußt daraus aber nicht etwa den Schluß ziehen, daß ich weniger an dich denken würde, wenn die büste nicht dort stünde.) Wenn ich nicht irre, war es dein Wille, daß das andere Exemplar an Alexandra befördert werde. Nicht so? Bis eine Antwort eingetroffen, bleibt es einstweilen in meinem Verwahr. Die Variationen habe ich nunmehr in den Druck gegeben. Die Nacht vor deiner Abreise schlief ich wenig. Es wurmte mich höllisch, noch nicht den richtigen Canon gefunden zu haben. Aber siehe da: gegen Morgen fiel mir das Richtige ein, und ich schrieb den neuen Canon noch vor dem frühstücke auf. Er steht im 9/16 und bildet jetzt einen ganz natürlichen und fließenden Uebergang von Var: 12. zu 14. Da und dort habe ich noch kleine Ossia’s angebracht, welche dem Spieler zu Gute kommen. Mitte februar – wenn nicht ein derbes Hinderniß dagegen steht – hoffe ich das Concert in Angriff nehmen zu können. Wilhelmi hat dieser Tage das Violinconcert in frankfurt gespielt. Gleich drauf kam Joachim und spielte seines. familie Wilhelmi machte wieder die heitersten Zeitungsartikel bei dieser Veranlassung. Joachim hat gestern Abend in frankfurt zum 2ten Male gespielt. Nachmittags war Heermann da u. brachte mir Grüße von ihm. Ich bin fast sicher, daß Alles, was Wilhelmj wegen meines Concerts u. Joachim fabelte, nichts als – Fabel war, ganz so wie die Zeitungsente von der Berufung W’s nach Leipzig sich als gemeine Reclame entpuppte, die von Leipzig aus desavouirt wurde. Müller ist sehr fleißig. Lisztsche Rhapsodie hat er schon 3 Mal gebracht und \sie/ ist jedes Mal Da Capo verlangt worden. Für den Sommer soll er noch einen Zuwachs zu den Streichern bekommen, dann wird seine Capelle sehr gut sein. Dieser Tage giebt nun auch Jahn sein 3tes Concert. Infandum! sollen 2 Sätze aus Berlioz Romeo darin vorkommen. Bei Müller habe einen Marsch von Kiel, zahm aber hübsch, u. einen ditto von Joachim, zahmer aber unendlich langweilig gehört. Ausserdem brachte er auch schon Friedensouverture von Reinecke u. anderes. Er steht beim Publicum bereits sehr in Gunst. Auch seine frau bekömmt als Gesangslehrerin schon zu thun. Urspruch war dieser Tage wieder da. Mußte ihm ein Engagement für den Sommer verschaffen. Sonst fällt mir kein Klatsch ein; aber bei deiner kargen Zeit ist dessen schon zu viel. Die Meinigen grüßen schönstens, wobei ich dir nicht verhehlen will, daß Lene den sie betreffenden Reim nicht auf der höhe ihres Geschmackes fand. Gott behüt’ dich. Viel herzliche Grüße von deinem Wiesbaden JRaff. 21. Januar 1873. [copyright Simon Kannenberg]


Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (21. 1. 1873); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 6 2026.