Lieber Freund!
Viel schönen Dank für die freundlichen Nachrichten aus Amsterdam. Sehr freue ich mich, daß aus deinen Zeilen die Zufriedenheit über dein persönliches Ergehen spricht, und soweit das Benehmen der Niederländer hieran Theil hat, sind diese letzteren in meiner Achtung bedeutend gestiegen.
Hast du einen Brief mit dem Postzeichen S. Margarethen, den ich dir nach Brüßel – Windton-hôtel – nachsandte, erhalten? Wenn nicht, reclamire denselben.
Gestern Abend kamen Seyfrieds’ und brachten mir 2 Exemplare deiner büste, worüber wir große Freude hatten. Das eine davon wird alsbald unter das Porträt meiner Frau placirt, wo ich es am meisten vor Augen haben kann. (Du mußt daraus aber nicht etwa den Schluß ziehen, daß ich weniger an dich denken würde, wenn die büste nicht dort stünde.) Wenn ich nicht irre, war es dein Wille, daß das andere Exemplar an Alexandra befördert werde. Nicht so? Bis eine Antwort eingetroffen, bleibt es einstweilen in meinem Verwahr.
Die Variationen habe ich nunmehr in den Druck gegeben. Die Nacht vor deiner Abreise schlief ich wenig. Es wurmte mich höllisch, noch nicht den richtigen Canon gefunden zu haben. Aber siehe da: gegen Morgen fiel mir das Richtige ein, und ich schrieb den neuen Canon noch vor dem frühstücke auf. Er steht im 9/16 und bildet jetzt einen ganz natürlichen und fließenden Uebergang von Var: 12. zu 14. Da und dort habe ich noch kleine Ossia’s angebracht, welche dem Spieler zu Gute kommen. Mitte februar – wenn nicht ein derbes Hinderniß dagegen steht – hoffe ich das Concert in Angriff nehmen zu können.
Wilhelmi hat dieser Tage das Violinconcert in frankfurt gespielt. Gleich drauf kam Joachim und spielte seines. familie Wilhelmi machte wieder die heitersten Zeitungsartikel bei dieser Veranlassung. Joachim hat gestern Abend in frankfurt zum 2ten Male gespielt. Nachmittags war Heermann da u. brachte mir Grüße von ihm. Ich bin fast sicher, daß Alles, was Wilhelmj wegen meines Concerts u. Joachim fabelte, nichts als – Fabel war, ganz so wie die Zeitungsente von der Berufung W’s nach Leipzig sich als gemeine Reclame entpuppte, die von Leipzig aus desavouirt wurde.
Müller ist sehr fleißig. Lisztsche Rhapsodie hat er schon 3 Mal gebracht und \sie/ ist jedes Mal Da Capo verlangt worden. Für den Sommer soll er noch einen Zuwachs zu den Streichern bekommen, dann wird seine Capelle sehr gut sein. Dieser Tage giebt nun auch Jahn sein 3tes Concert. Infandum! sollen 2 Sätze aus Berlioz Romeo darin vorkommen.
Bei Müller habe einen Marsch von Kiel, zahm aber hübsch, u. einen ditto von Joachim, zahmer aber unendlich langweilig gehört. Ausserdem brachte er auch schon Friedensouverture von Reinecke u. anderes. Er steht beim Publicum bereits sehr in Gunst. Auch seine frau bekömmt als Gesangslehrerin schon zu thun.
Urspruch war dieser Tage wieder da. Mußte ihm ein Engagement für den Sommer verschaffen.
Sonst fällt mir kein Klatsch ein; aber bei deiner kargen Zeit ist dessen schon zu viel.
Die Meinigen grüßen schönstens, wobei ich dir nicht verhehlen will, daß Lene den sie betreffenden Reim nicht auf der höhe ihres Geschmackes fand.
Gott behüt’ dich. Viel herzliche Grüße von deinem
Wiesbaden JRaff.
21. Januar 1873.
[copyright Simon Kannenberg]