Absender: Emilie Merian (C00273)
Erstellungsort: [Weimar]
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 5. Oktober 1872 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana VIII, Merian, Emilie
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Mein lieber Raff!
Dorchen muss mir verzeihen, wenn ich meinen Dank für ihre gütige

Bleibe Dorchen den Dank für die gütigen Besorgungen noch schuldig. Toni werde in den nächsten Tagen die Übersendung ihrer Schuld besorgen. Nur etwas Wichtiges bewege sie zum Schreiben an den E.: Klughardt habe sie zum Befeiern seiner zweiten Symphonie eingeladen: «mit welchem Programm? Lenore! 4 Sätze 1. Lenorens Verzweiflung 2. Marsch der heimkehrenden Soldaten 3. Liebessehnsucht und Erinnerung 4. Todtenritt» . Habe die Absicht des E.s niemandem erzählt, weder Liszt noch Lassen. Wollte dies dem E. sofort mitteilen, da er vielleicht seine Symphonie schon begonnen habe. Die Klughardt'sche sei «über alles Erwarten bedeutend» . Berichtet vom schlechten Gesundheitszustand von Emil. Goullon befürchte, es könne eine innerliche Auflösung werden.

Mein lieber Raff!

Dorchen muß mir verzeihen, wenn ich meinen Dank für ihre gütige Besorgung noch schulde. Toni ist nächster Tage wohl so gut und besorgt mir die Uebersendung meiner Schuld – mir steht der Sinn so wenig nach Schreiben, daß mich nur eine wichtige Sache an Dich dazu nöthigen kann. Denke, daß mich gestern Klughardt zum Anhören seiner zweiten Symphonie einladet – mit welchem Programm? Lenore! 4 Sätze 1. Lenorens Verzweiflung 2. Marsch der heimkehrenden Soldaten 3. Liebessehnsucht und Erinnerung 4. Todtenritt. Ich war wie aus den Wolken gefallen. Ist solch ein Zufall möglich? Von mir wußte es Niemand, weder Liszt, noch Lassen, denen ich aber nun mein großes Erstaunen mittheilte – hast Du selbst etwa irgend eine Äußerung gethan? Ich dachte daß Du es jedenfalls augenblicklich erfahren müßtest, vielleicht ist Deine Symphonie schon begonnen, dann kommt sie, da Dir der Druck jeden Augenblick möglich ist, doch früher in die Oeffentlichkeit. Die Klughardtsche ist noch dazu über alles Erwarten bedeutend, d. h. ich habe auch vor Allem wahrgenommen welch ein prächtiger Stoff die Lenore ist – Du erinnerst Dich wie sehr er mir von jeher gefiel.

Weiter kann ich nicht – es geht Emil schlecht – so schlecht, daß Goullon befürchtet es könnte eine innerliche Auflösung werden. Das sagte er mir gestern Abend und es trifft mich, trotz jahrelanger Vorbereitung fassungslos. Noch giebt es Hoffnung, daß die Symptome täuschen können, es hat sich nämlich Blut in dem Urin ergeben, was ihn sehr besorgt macht; es kann aber auch hämorrhoidal sein, dann wäre es ungefährlich. Aber mein armer Emil ißt gar nichts und leidet entsetzlich unter fortwährenden Uebelkeit. – Lebt wohl, tausend Grüße

von Eurer

Emilie

den 5tn Otb. 72.


Zitiervorschlag: Genast, Emilie: Brief an Joachim Raff (5. 10. 1872); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 6 2026.