Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Weimar
Empfänger: Kunigunde Heinrich (C00362)
Datierung: 15. April 1850 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana II
Umfang: 8 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit:
Gewiss haben Sie hundert Gründe mir Ihre Zuneigung zu entziehen.

Gewiß haben Sie hundert Gründe mir Ihre Zuneigung zu entziehen, aber nicht einen einzigen mir diese Gründe zu verschweigen.

Warum Sie mich auf meinen letzten vielleicht allzu weitläufigen Brief keiner Antwort würdigten, weiß ich nicht. Gestern kam der Hoffmann'sche Bote. Ich erwartete den endlichen Bruch Ihres Schweigens, und ich gestehe zu meiner Schwäche, daß diese Erwartung mich mit seltsamer Freude erfüllte; aber es sollte sich mir zu schnell aufklären, daß ich mich in bitterem Irrthume befände. – Der Bote brachte einen kurzen Brief Logaus, der mich wegen meines langen Schweigens gegen ihn abkapitelt und mir die Annahme seines Stückes in Stuttgart anzeigt.

Ich gestehe, daß ich durch nichts unangenehmer berührt werden kann, als durch eine Unterbrechung unsrer Beziehungen, wie Sie sie jetzt anbahnen. Sollte ich auch mittelbar dazu Anlaß gegeben haben, so kann ich ja das nicht wissen, und jedenfalls bin ich sicher, daß ich unmittelbar keine Schuld trage. – Also, Liebe, thun Sie mir wenigstens den Gefallen, und schreiben Sie mir, daß Sie mich darum und darum – Gott weiß wegen was – nicht mehr ausstehen können, so weiß ich wenigstens woran ich bin. Zwar wird mich das nicht davon abbringen, Ihnen wieder zu schreiben. Denn wenn man sagt: Wir sprachen nicht mehr miteinander, so gehören dazu immer zwei Entschlüsse, zwei Willen. Thun Sie was Sie wollen. Ich habe nicht im Sinne, mich zu ändern. Also sind Sie vor meinen Briefen auch dann nicht sicher, wenn Sie sich denselben zu entziehen bemühen. Nur würde ich alsdann nicht mehr so lang, so frei, so aufrichtig und zu kummervoll schreiben, allerdings heute noch immer


thue, weil ich noch keinen Fehdebrief von Ihnen vorliegen habe. –

Uebrigens, aufrichtig gesagt, ist es lächerlich von mir, zu glauben, daß Sie noch ein Interesse an meinen persönlichen Erlebnissen haben könnten. Es würde der Beweis von einer Eigenliebe und Eitelkeit seyn, die mir in der That nicht eigen sind. Ich will daher heute auch blos von Dingen sprechen, die Sie von musicalischem Standpunkte möglicherweise interessiren können. Von Opern, die mir unbekannt waren hatten wir zuletzt «Graf Ory» von Rossini , der sehr hübsch orchestrirt und voll graziöser Melodien aber mit einem schlüpfrigen Buche ausgestattet ist. Ein Graf, der auf die Frauenzimmer eine förmliche Hezjagd anstellt, und der, um in das Zimmer seiner Base zu gelangen die Tracht einer Nonne braucht! Das Sujet hat hier einen gehörigen Abscheu hervorgerufen, denn Weimar ist als eine kleine deutsche Stadt nicht in der Lage sich über ein gewisses Decorum wegzusetzen. Freilich geht's in Figaro's Hochzeit , in Don Juan , im Vampyr , im Tannhäuser u. s. w. auch bunt her, aber das Trivial-Frivole tritt nicht so nackt heraus. Es war Liszts Wahl. Damit genug gesagt. Uebrigens bestehen hier 3/4 des Publicums aus Damen, was schauerlich auszusehen ist. –

Eine neue Oper von Hoven (Staatsrath Vesque v. Püttlingen in Wien «Ein Abentheuer Carls des Zweiten» ) in einem Acte hatte gleichfalls mittelmäßigen Erfolg. Wenn Sie das Sujet, welches nicht schlecht ist, interessirt, so will ich's Ihnen mal schreiben, wenn ich mehr Zeit habe. – Während der Charwoche hatten wir in der Schloßkirche eine Aufführung alter geistlicher Musik; im Montagschen Verein bereitet man jetzt die Aufführung des «Elias» vor. Dieser Tage gab der Organist Kloss von Berlin ein Concert, was sehr schlecht besucht war.


Von neuen Opern kommen zunächst «Die Favoritin» von Donizetti und «König Alfred» von einem gewissen Raff, den Sie früher gekannt zu haben sich vielleicht noch dunkel erinnern, von dem Sie aber nichts mehr wissen wollen. – Die Favoritin würde schwerlich gegeben; aber sie liegt schon lange ausgeschrieben da, und nachdem man die Kosten gehabt hat u. vor Ablauf der Saison eine größere neue Oper – schwerere – wollte ich sagen, nicht mehr wohl zu Stande bringt, so läßt man's dabei bewenden. –

Der «König Alfred» wird mit Anfangs Juli ausgeschrieben und mit Beginn Sept. einstudirt, so daß er, wenn nicht Krankheiten oder andere Hindernisse einlenken, etwa im October in Scene gehen kann. Die Sängerinnen, der Bariton und vielleicht auch der Tenor werden sehr gut seyn, die 3 andern Parthien manquiren etwas, doch geht's noch immer passabel.

Meine Vorarbeiten mit dem Regisseur sind beendigt. In den nächsten 2 Monaten habe ich nichts geringeres zu thun, als meine Partitur nochmals zu schreiben. Sie werden, troz Ihrer Theilnahmslosigkeit finden, daß das etwas mühselig ist, wenn man noch so viel andres zu thun hat, wie ich. Egal! Es muß durch!

Spaßhaft! Als Logau und ich in der letzten Zeit zu Stuttgart hie und da noch zusammenkamen, so trösteten wir einer den andern mit jener bitter-scherzhaften Ironie, die man aus fehlgeschlagenen Hoffnungen zu schöpfen pflegt, daß wir im Winter auf einmal alle beide ans Licht treten würden. Und jetzt merkwürdigerweise (freilich ein Jahr später) wird Spaß zum Ernst. Ich bin begierig auf meine Hh. Concurrenten für kommenden Winter. Denn sobald die Oper hier gegeben ist, muß die Partitur nach Dresden u. Berlin. –


Aber nun, Adieu, adieu..

Ich grüße u. küsse Sie tausendmal u. verharre wie immer Ihr treuer J. Raff Weimar 15. April 1850.

Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Kunigunde Heinrich (15. 4. 1850); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 9. 2026.