Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Bad Eilsen
Empfänger: Kunigunde Heinrich (C00362)
Zielort: Stuttgart
Datierung: 9. Dezember 1849 (Quelle)
10. Dezember 1849 (Poststempel)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana II
Umfang: 7 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Ihrer wohlgeboren Madame Kunigunde Heinrich Franco in Stuttgart Friedrichstraße No. 25. III. Liebe!
Dass Sie keinen Augenblick Zeit und kein Wort für mich übrig haben, ist so traurig dass ich gar keinen Namen dafür habe.
Ihrer wohlgeboren Madame Kunigunde Heinrich Franco in Stuttgart Friedrichstraße No. 25. III.
Liebe!

Daß Sie keinen Augenblick Zeit und kein Wort für mich übrig haben, ist so traurig daß ich gar keinen Namen dafür habe. Sind Sie mir böse? Leicht möglich; aber dann schreiben Sie mir wenigstens, daß Sie mich nicht mehr ausstehen können. Wenn ich innert 14 Tagen noch keinen Brief von Ihnen habe, so laß' ich Sie durch einen 3ten anfragen, was Sie haben, nehmen Sie sich also gehörig in Acht! –

Doch nun zu meinen Neuigkeiten! –

Es war am 2ten dieses daß ich Hamburg verließ. Ein eisgrauer Nebel bedeckte die Stadt als Schuberth und ich zusammen die No 16 der Bergstraße verließen. Wir fuhren in einem Wagen vor die Stadt an die Elbe. Man setzte uns in einen kleinen Kahn nach Wilhelmsburg über, ein preußischer Officier und zwey Gemeine sowie ein junger Irrman von dem «Herrmann» waren unsere Reisegenossenschaft. In Wilhelmsburg bestiegen wir einen Wagen und gelangten in einer starken Stunde abermals an die Elbe. Hier setzten wir zu Fuße über die stark mit Eis bedeckte Elbe, und waren nun an der Eisenbahnstation Harburg. Der Morgen war kalt aber die Sonne schien jetzt bereits und verhieß einen hübschen Tag. Zu meiner Schande (muß man sich nicht schämen in alten Tagen noch so schwach zu seyn?) gestehe ich, daß ich vom Harburger Ufer aus einen feuchten Abschiedsblick nach Hamburg hinübersandte. Vor mehr als 2 Monaten hatte ich die Stadt mit schwachen Hoffnungen und ohne eine definitive Aussicht betreten; jetzt verließ ich sie wohl gepflegt, gutliquirt, mit gutem Rufe, mit Gelde versehen und was noch mehr ist, mit der Sicherheit wieder unter noch günstigeren Verhältnissen zurückkehren zu können. [1v]


Schuberth hatte mir die definitive Zusicherung gegeben, wenn ich mir bey Liszt nicht gefiele, wieder zu ihm zurückkehren zu können. Ich sollte alsdann bey ihm bleiben, bis ich genug Lectionen hätte um allein fortkommen zu können und monatlich freie Station nebst 60 Mark (24 Thlr preußisch Courant oder 42 fl rheinisch) empfangen. –

Das Geräusch der Eisenbahn zerschnitt den Faden meiner nicht ganz unangenehmen Betrachtungen.

Es war Nacht als wir in Bückeburg ankamen. – Das ist die Hauptstadt des deutschen Fürstenthumes Schaumburg-Lippe . Eine Stunde davon in einem rings von anmuthigen kleinen Bergen umgebenen Thälchen liegt das Bad Eilsen wo ich diese Zeilen schreibe. – Liszt umarmte mich diesmal bey meiner Ankunft mit aller Zärtlichkeit, die ich früher an ihm gewohnt war. Zu meiner Aufnahme waren in dem [Reimer'schen [?] Hause?] welches den Bedarf unserer Tafel besorgt, zwei anständige Zimmer eingerichtet. Liszt wohnt in der fürstlichen Wohnung vis-a-vis. In Gegenwart Schuberths eröffnete er mir sodann, er wünsche daß ich nunmehr meine Carrière für einige Jahre an die seinige bände, er wolle mir während dieser Zeit freie Station und jährlich 600 Thaler (1050 fl) Gehalt geben, dagegen aber beanspruche er meine Mitwirkung an seinen nächsten zahlreichen Arbeiten und rechne in jedem Bezug auf meine Anhänglichkeit. –

Schuberth reiste am 4. wieder ab, ich begleitete ihn bis Bückeburg. Er wiederholte seine Zusicherung, meinte aber, ich müsse ihm den doch binnen jetzt und 2 Monaten sagen, was ich wolle, damit er sich nicht auf Un[2r]


gewisses verlasse. – Sie sehen Liebe! daß ich jetzt wie der Esel zwischen den beiden Heubündeln dastehe. –

Der Aufenthalt Liszts inhier währt daher, daß die Fürstin Wittgenstein die hiesigen Bäder zu brauchen angewiesen ist, deßgleichen die Princessin. – Es ist bestimmt daß Belloni am 14 Januar mit Liszts Mutter in Weimar ankömmt, und werden wir alsdann dorthin übersiedeln. Schuberth reist Anfangs Januar nach Paris und wird am 10 Januar noch mit Belloni dortselbst zusammentreffen. –

Um noch von Schuberth zu sprechen: Meine Arbeiten dort beendigte ich mit einer Großen Fantasie u. einem Valse Rondino über das «Diamantkreuz» von Saloman, wovon ich erstere dem August dedicirt habe. Ich werde selbe seiner Zeit an ihn einsenden mit einem freundlichen Dankschreiben rücksichtlich der mir von seinem Vater [...] erwiesenen Güte. – Die Oper wird ohne Zweifel in Stuttgart gegeben werden, und Sie haben alsdann Gelegenheit die Geschicklichkeit zu würdigen, welche Ihr «Kind» in den Arrangements an den Tag gelegt hat. –

Lindpaintner der Herrn Schuberth braucht so sehr als er ihn, verwendet sich dort dafür, und der Text hat schon den Beyfall der Regie für sich. In dem diesseitigen Brief Lindpaintners, den ich gelesen habe, befindet sich eine larmoyante Stelle, worin er sich über die Tagespresse und Herrn Jay (sprich Schah [?]) bitter beklagt und große Angst vor Kücken an den Tag legt. – Sapiente satis. [2v]


Ich habe die letzte Woche Liszts erstes Concerto Symphonique bereinigt, heute war ich mit der Copie u. Uebersetzung des umgearbeiteten «Field-Artikel» beschäftigt. – Dann folgt die Instrumentation und Reinschrift von einer Ouverture betitelt «Ce qu'on entend sur la montagne» nach einem weitläufigen Programm in Versen abgefaßt.

Ich gestehe daß ich Liszt ausserordentlich verändert finde. Er nimmt meinen Tadel mit aller Geduld auf und zeigt daß er noch etwas lernen will. Es ist daher nicht Chrisam und Taufe an ihm verloren wie wir Catholiken sagen. (Sie wissen daß ich ein guter Catholik bin. – ) Seine Absicht ist sich 2-3 Jahre in aller Stille auf die Carrière eines Componisten vorzubereiten und alsdann in Paris aufzutreten.

Unser Haushalt besteht an Damen: in der Fürstin Wittgenstein und ihrer Tochter von ungefähr 13 Jahren, deren Gouvernante Mistreß Andersen und der Kammerzofe Jungfer Alexandra; an Herren, Liszt, meine Wenigkeit und der Kammerdiener Heinrich, welcher zugleich auch meine geringer Person zu serviren hat. – Wir frühstücken alle à part und sehen uns erst beim gemeinschaftlichen Diner um 4 Uhr (NB. Es ist ausser uns keine fremde noch einheimische Seele hier als Badegast) dann kömmt der Kafé und die obligate Whistparthie, hernach trennen wir uns wieder und soupiren gar nicht oder à part. In meinem nächsten Briefe werde ich Ihnen vielleicht [3r]


ausführlich über die einzelnen Personen schreiben können. –

Liszt ist tiefgebeugt durch den Verlust seiner besten Freunde in Ungarn unter denen Herr Haynau so schrecklich gehaust hat, und durch den Verlust den er bey der schlechten Finanzwirthschaft in Frankreich und Oestreich an seinem Vermögen erlitten hat. –

Ich bin zu wenig herzlos, um nicht unter solchen Umständen Alles zu thun, was in meinen Kräften steht, um seine zukünftige Carrière zu fördern. Lachen Sie mich aus, schelten Sie mich einen gutmüthigen Dummkopf; aber ich kann nicht anders. Wenn Sie meiner so bedürften, ich würde augenblicklich bey der Hand seyn, und wenn ich mich in Kamtschaka befände, nicht blos in Eilsen. –

Jeden Morgen nach zehn Uhr kömmt Liszt auf mein Zimmer, wo wir uns über die Arbeit des Tages unterhalten. –

Er hat meine Klaviersachen, so schwer sie auch sind, wieder vom Blatte gespielt. –

Letzte Tage lasen wir auch die Correctur der beiden fertig gestochenen Stücke über den Propheten . Ebenso kommt nun von ihm die Übertragung des Beethovenschen Liedercyklus «an die ferne Geliebte» und 6 kleine Originalstücke, betitelt «Consolations» bey Härtel heraus, die Correctur liegt uns bereits vor. –


Hier schließe ich meinen Zettel; machen Sie, daß Sie mir sogleich einen langen, langen Brief schreiben, und schicken Sie mir auch die übrigen Briefe wieder, da ich Sie nicht da habe,

so grüße und küße ich Sie einstweilen im Bilde, und höre nicht auf zu seyn von ganzer Seele

Ihr

getreuer Joachim Raff

Eilsen bey Bückeburg am 9ten December 1849.

pr. Adresse Dr. Franz Liszt

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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Kunigunde Heinrich (9. 12. 1849); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 8. 10. 2026.