Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 21. Dezember 1855 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 10
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber und verehrter Freund,
seitdem wir uns zuletzt gesehen, habe ich ein gutes Stück
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 25; Marty 2014, S. 185-187, Kannenberg 2020.

Die lange Entfernung habe ihn und den E. einander wieder näher gebracht. Möchte Freunden, Freunden im Sinne Wagners nahe sein, die ihm imponieren. Mit der Widmung der drei neuen Claviersoli, die ihm Liszt überbracht habe, habe ihm der E. eine grosse Freude gemacht. Wurde gleich angenehm von der Sonate mit Geige überrascht, die er mit Laub spielen möchte. Möchte mit dem E. über diese Kompositionen konversieren. Sei ein "in die Sackgaße der Bonner Privatheilanstalt verlaufungssüchtiger Beethovenianer", der den Blick ins Weite, Freie zu geniessen glaube. Habe daher eine Antipathie gegen Mendelssohn und Missbehagen an Rubinstein. Äussert Unverständnis an "einer bei Dir zuweilen entdeckt vermeinten – allerdings nichtjüdischen – Verwandtschaft mit Mendelsvaters Enkel". Habe diesen Passus wider seinen Willen geschrieben. Beklagt sich über hiesige Zustände. Hofft, den E. durch das "hiesige jüd. Musikfactotum" hierher zu zitieren. In Kossak habe der E. einen wahren Freund. Weimar sei hier momentan durch Viole und Damrosch vertreten. Empfehlungen an Emilie Genast. Habe vor einem Jahr viel mit Seidelmann über "König Alfred" gesprochen. Dr. Nimbs schulde dem A. manche Gefälligkeiten. Fragt, ob sich da etwas machen liesse.

Berlin 21 Dez. 55. Wilhelmstraße 49. Lieber und verehrter Freund, Seitdem wir uns zuletzt gesehen, habe ich ein gutes Stück Leben durchgemacht, ich hoffe, nach vorwärts. Zugleich haben aber meine äußeren Erfahrungen und meine innere Verarbeitung derselben mich wiederum in die Vergangenheit schauen laßen und mir den lebhaftesten Wunsch rege gemacht, wieder an Das anzuknüpfen, was meinem reiferen Subjectivismus als ausnahmsweise Anknüpfungswerthes erscheint. Möchtest Du doch es Dir nicht allzu befremdend vorkommen laßen, wenn ich Dir sage, daß ich meine, die lange Entfernung hätte uns einander wieder näher gebracht. Ich trage ein wahres Verlangen danach, denjenigen (künstlerischen) Personen, die mir – ich will es gerade heraus sagen – imponiren, als Freund, Freund im Sinne Wagners zur Seite zu gehen, da von stehen gegenwärtig bei mir noch nicht so vollständig die Rede sein kann. Du hast mir durch die Dedication der drei neuen Claviersoli, die mir Hr. Dr. Liszt freundlichst überbracht hat, eine außerordentliche Freude gemacht. Meinen besten Dank dafür. Ich wünschte, ich wäre ein beßerer Pianist, um befähigt zu sein, den Eindruck, den sie mir gemacht, auch Anderen mitzutheilen. Daß die Stücke so leicht spielbar sind, macht sie in gewißer Beziehung schwer. Nun, ich werde versuchen. – Gleich angenehm überrascht wurde ich durch die Sonate mit Geige, mit welcher ich, wenn unsere projectirten Soiréen mit Laub zu Stande kommen, dieselben inauguriren werde. Ich möchte unendlich gern mit Dir des Näheren über diese Compositionen conversiren; aber schriftlich geht das nicht an. Ungeachtet ich nämlich nichts weniger als ein [in] die Sackgaße der Bonner Privatheilanstalt verlaufungssüchtiger Beethovenianer bin, so stehe ich doch mit einer Art von (persönlich bedrückender) Befriedigung auf der breiten Beethovenschen Chaußée, von der ich überallhin den Blick ins Weite, Freie zu genießen glaube; daher meine Antipathie gegen Mendelssohn, mein Mißbehagen an dem dahin gehörigen Splitter ädeså Rubinsteines, mein Unverständniß einer bei Dir zuweilen entdeckt vermeinten – allerdings nichtjüdischen – Verwandtschaft mit Mendelsvaters Enkel. – Doch es ist möglich, daß ich mich allzusehr an Absinth gewöhnt habe, und daß meine Sehnsucht nach der Unendlichkeit des Herben in der starkempfundenen Endlichkeit meines Zuckerstoffes ihren vornehmlichsten Grund hat. Die Feder ist ein böses Werkzeug; es besteht zwischen ihr, Papier und Dinte eine heimliche Verschwörung gegen den gemeinsamen Herrn, der öfters selbst zum Werkzeug herabsinkt und mit Befremden Resultate fixiert sieht, an deren Hervorbringung er kaum ein heimliches Gelüste empfindet. So habe ich den vorigen Paßus gänzlich wider Willen geschrieben. Über unsere hiesigen Unzustände könnte ich Dir Manches schreiben, was vielleicht nicht ohne Intereße für Dich wäre. Es ist aber ein gar kitzliches, schlüpfriges Capitel. Bei strictester Einhaltung der Gesetze gemeiner Höflichkeit würde über meine hiesigen Collegen das Wort ä„Schurke“å gar zu häufig gewaltsam hervorbrechen, und um dann nicht als scheusslicher Verläumder zu erscheinen, müßte ich bogenlange Auseinandersetzungen geben. Denn je glacirter, je „anständiger“ die äSchurkereiå, um so fröhlich wüthiger fühle ich mich zur nacktesten Expectoration gedrängt. Vielleicht sehe ich in einiger Zeit wieder etwas rosiger und dann hoffe ich, bietet sich Gelegenheit, ädurch das hiesige jüd. Musikfactotum å Dich hierher zu citiren. À propos – an Koßak hast Du einen wahren Freund. Weimar ist gegenwärtig hier durch „Viole“ und „Damrosch“ vertreten. Der Dr. med. macht mich dermaßen krank, daß............ — Wenn Du noch was auf mich hältst, woran mich die Widmung glauben macht, so schreibe mir bald. Ich denke wir könnten mit Vielem fertig werden, ohne so und so viel Esel zu liebkosen. äDein Dir ergebener HansvonBülow. Bitte meine besten Empfehlungen an Frl. Emilie Genast auszurichten. ◊1PS. Vor einem Jahre habe ich mit Seidelmann in Breslau viel über „König Alfred“ gesprochen. Er war sehr disponirt. Dr. Nimbs schuldet mir ferner manche Gefälligkeit. Läßt sich was machen?å



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (21. 12. 1855); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.