Absender: Joseph Joachim (C00433)
Erstellungsort: Karlsruhe
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: September 1853 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I
Umfang: 7 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Lieber Freund!
Bevor ich mich im Autrage Liszt’s officiell

Sendet dem E., der »durch ein vergittertes Carcer-Fenster« blicken müsse, Grüsse. Liszt sei nicht dazu bereit, ein vom E. vorbereitetes Dokument zu unterschreiben. Die Weigerung des E.s, seine Schulden zu bezahlen, sei »ungemessen«. Liszt schlage indessen vor, für den E. bewachten Hausarrest zu erwirken, um diesem »die Haft erträglich zu machen« und möchte die Kosten dafür tragen. Zeigt Unverständnis für die unnachgiebige Haltung des E.s und hofft auf baldige Zusendung der Ekloge ["Aus der Schweiz" op. 57]. Schreibe kurz, da Cornelius und Pruckner ein "heillosen Spektakel" veranstalten.

Lieber Freund! Bevor ich mich im Auftrage Liszt’s officiell an dich wende, schicke ich dir zu zuvorderst so freundlich herzlichen Gruß, als nur immer durch ein gegittertes Carcer-Fenster zu dringen vermag. Von Liszt in diesem Verhältnisse eingeweiht, muß ich dir in Seinem Namen schreiben, daß er, nach reiflichem Überlegen, keinesfalls das beiliegende zurückfolgende Dokument zu unterschreiben gesonnen sei, weil er die äußerste Consequenz von deiner Seite den Gläubigern einzig und allein für ungemessen [??] hält, nachdem du nochmal von vornherein erklärt hast, dich auf kein Bezahlen einzulassen. Gern will Liszt indeß dazu beitragen, dir die Haft erträglich zu machen, indem er dir vorschlägt, dich auf deiner Stube bewachen zu lassen, was, deinem Brief gemäß, gegen einen Thaler pro Tag zu bewerkstelligen ist. Diesen und die nöthige Beköstigung aus seinen Mitteln dir zur Disposition zu stellen, ist er bereit. Er glaubt, ihr müßtet noch hinlänglich mit Geld versorgt sein, um für die ersten 8 Tage das dazu Nöthige dazu aufzutreiben; nach dieser Zeit wird dich Hermann, der dann in Weimar eintreffen soll, mit neuem Geld versorgen. Soweit mein von Liszt kommender Auftrag. – Auch mir, wenn du einem Freund, wie sonst, ein Meinungswort gestattest, scheint es ungemessen, daß du nicht nachgiebst, und [keinen?] Frieden zeigst, wie du auch im Leben den Grundsatz der Unbeugsamkeit, den du so tapfer auf [der?] Bahn der Kunst-Kritik aufrecht hältst, durchführen könntest [?]. Deine Weigerung anfangs die Schuld durch Freundeshand tilgen zu lassen, müßte sonst in ihren [?] Augen aus einer Tugend in eine Schwäche umschlagen. Ich sage das, obwohl ich das ganze deprimierende des Gefangenseins kenne. Was haben mir Universitäts-Freunde [?] schon nach einigen im Carcer verlebten Tagen vorklagen können! Und nun erst ein Weimarsches Clichy – Aber bedeutenden Naturen ist Unglück nur ein Schwungbrett zu höheren Volllkommenheiten; das tröstet mich. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß du nun nicht bei uns sein kannst, daß wir einmal wieder in Weimarscher gewohnter Art verkehren sollten. Nun, ich besuche Euch bald einmal im Ilm-Städtchen. Hier will ich mich einstweilen an die Ekloge [Aus der Schweiz, op. 57; Joachim gewidmet] halten, die hoffentlich bald eintrifft. – Verzeihe mein eiliges Schreiben; Cornelius und Bruckner machen einen heillosen Spektakel – ich muß aufhören und um in den trüben Regen von [….] zu donnern. Auch muß ich gleich in’s Theater, das Orchestergerüst zu betrachten. Liszt ist in Baden. Morgen gehen die Proben los: Adieu, lieber Raff – […] daß durch Alles Gute zu dir dringt die herzliche… deines Joseph Joachim Karlsruhe, den 30ten September


Zitiervorschlag: Joachim, Joseph: Brief an Joachim Raff (30. 9. 1853); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 5 2026.