Lieber Freund! Bevor ich mich im Auftrage Liszt’s officiell an dich wende, schicke
ich dir zu zuvorderst so freundlich herzlichen Gruß, als nur immer durch ein
gegittertes Carcer-Fenster zu dringen vermag. Von Liszt in diesem Verhältnisse
eingeweiht, muß ich dir in Seinem Namen schreiben, daß er, nach reiflichem Überlegen,
keinesfalls das beiliegende zurückfolgende Dokument zu unterschreiben gesonnen sei,
weil er die äußerste Consequenz von deiner Seite den Gläubigern einzig und allein für
ungemessen [??] hält, nachdem du nochmal von vornherein erklärt hast, dich auf kein
Bezahlen einzulassen. Gern will Liszt indeß dazu beitragen, dir die Haft erträglich
zu machen, indem er dir vorschlägt, dich auf deiner Stube bewachen zu lassen, was,
deinem Brief gemäß, gegen einen Thaler pro Tag zu bewerkstelligen ist. Diesen und die
nöthige Beköstigung aus seinen Mitteln dir zur Disposition zu stellen, ist er bereit.
Er glaubt, ihr müßtet noch hinlänglich mit Geld versorgt sein, um für die ersten 8
Tage das dazu Nöthige dazu aufzutreiben; nach dieser Zeit wird dich Hermann, der dann
in Weimar eintreffen soll, mit neuem Geld versorgen. Soweit mein von Liszt kommender
Auftrag. – Auch mir, wenn du einem Freund, wie sonst, ein Meinungswort gestattest,
scheint es ungemessen, daß du nicht nachgiebst, und [keinen?] Frieden zeigst, wie du
auch im Leben den Grundsatz der Unbeugsamkeit, den du so tapfer auf [der?] Bahn der
Kunst-Kritik aufrecht hältst, durchführen könntest [?]. Deine Weigerung anfangs die
Schuld durch Freundeshand tilgen zu lassen, müßte sonst in ihren [?] Augen aus einer
Tugend in eine Schwäche umschlagen. Ich sage das, obwohl ich das ganze deprimierende
des Gefangenseins kenne. Was haben mir Universitäts-Freunde [?] schon nach einigen im
Carcer verlebten Tagen vorklagen können! Und nun erst ein Weimarsches Clichy – Aber
bedeutenden Naturen ist Unglück nur ein Schwungbrett zu höheren Volllkommenheiten;
das tröstet mich. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß du nun nicht bei uns sein
kannst, daß wir einmal wieder in Weimarscher gewohnter Art verkehren sollten. Nun,
ich besuche Euch bald einmal im Ilm-Städtchen. Hier will ich mich einstweilen an die
Ekloge [Aus der Schweiz, op. 57; Joachim gewidmet] halten, die hoffentlich bald
eintrifft. – Verzeihe mein eiliges Schreiben; Cornelius und Bruckner machen einen
heillosen Spektakel – ich muß aufhören und um in den trüben Regen von [….] zu
donnern. Auch muß ich gleich in’s Theater, das Orchestergerüst zu betrachten. Liszt
ist in Baden. Morgen gehen die Proben los: Adieu, lieber Raff – […] daß durch Alles
Gute zu dir dringt die herzliche… deines Joseph Joachim Karlsruhe, den 30ten
September