Mein lieber Freund! So eben habe ich das Haus meines verewigten Vaters, die Stätte
seines Todes verlaßen, an die ich von Carlsruhe aus durch die ebenso tiefschmerzliche
als unerwartete, nie gefürchtete Schreckensbotschaft gerufen worden war. Es war ein
harter, herber Schlag des Schicksals und noch ist es mir kaum gelungen jene nöthige
Faßung und Ergebung zu gewinnen, durch welche der Empfänger – seiner Herzenswunden
gewachsen, fähig sie zu tragen wird. Nach langer Trennung hatte ich sehnlich gehofft,
wenn das Musikfest vorübergewesen, einige Wochen in seiner Nähe zuzubringen mich
Ihm◊1 da ganz zu widmen, und uns Beiden die namentlich mir so dringende Wohlthat
eines erneuerten innigen geistigen Verkehrs zu gewähren. Wir hatten so viel
Verwandtes und waren uns durch meine Schuld und gewißermaßen wieder nicht durch meine
Schuld so sehr entfremdet worden. Die eiserne schonungslose Nothwendigkeit hat es
nicht gestattet, Ihn◊2 wiederzusehn und Er◊3 mußte ohne Abschied, ohne mich gesegnet
zu haben, von hinnen scheiden. Er ist schmerzlos und ganz plötzlich am 16 September
Morgens 8 Uhr verschieden; ein einziger und letzter Seufzer bezeichnete sein
augenblickliches Ende, das Niemand voraussah oder ahnte; ein von Ihm◊4 wenig
beachtetes Leiden, das plötzlich den Bruch des Herzens herbeiführte, brachte ihm den
Tod, der schön wie ein griechischer, ohne häßliche Zerstörung ä– auch als Leiche
nicht – wie ein christlicherå Ihm entgegentrat. Eine Woche später erfuhr ich
Unglücklicher erst, daß ich verwaist und vaterlos sei. Ich will jedoch nicht weiter
einen Schmerz durch Äußerung profaniren, der zum Inhalte ein so heiliges Andenken
hat. Bedauern Sie mich, lieber Freund. Ich melde Ihnen diese Trauerkunde hier aus
Romanshorn, wo ich das Dampfboot erwarte, das mich wieder nach Carlsruhe und zu einer
energischen Thätigkeit überhaupt, hoffe ich, äwiederå bringen soll – –; ich thue es
namentlich deßwegen von hier aus, weil ich mich Ihrer hier lebhaftest wieder erinnere
– ich habe so das Gefühl, als seien wir Beide hier, diesem Lande verwandt und also
Landsleute. Sie haben Ihre◊5 Wiege nicht fern vom Grabe meines seligen Vaters. Und
darum bitte ich Sie nun auch, laßen Sie wieder eine freundliche Gemeinsamkeit unter
uns treten, jene frühere Herzlichkeit, die es mir weh thut verschwunden zu wißen.
Nicht blos unsere künstlerischen auch unsere sozialen Intereßen und Verhältniße haben
ja etwas Solidarisches. Vergeben Sie mir, was ich etwa aus Unüberlegtheit nicht aus
bösem Willen gegen Sie gefehlt. Seien Sie mir wieder Freund wie ehemals – ich bin
Ihnen gewiß im Andenken an frühere Zeit lebhaft dankbar. Sobald ich über mein Denken
wieder einigermaßen Herr geworden bin und im Stande, ein Ihrer Frühlingsboten
würdiges Wort hervorzustammeln, werde ich Ihren Liszt ausgesprochenen Wunsch
erfüllen. Leben Sie wohl – möchte Ihr Geschick bald die erfreulichste, die
verdienteste Wendung nehmen! Grüßen Sie Klindworth herzlich. Noch vielen Dank für den
reiseverkürzenden Psalm, der mich sehr angemuthet hat. äIhr Romanshorn tiefbetrübter
29 Sept. 1853. HansvBülowå [copyright Simon Kannenberg]