Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Romanshorn
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 29. September 1853 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 8
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Mein lieber Freund!
So eben habe ich das Haus meines verewigten Vaters
Veröffentlichung: Bülow 1895 II, S. 96ff.; Marty 2014, S. 156f.; Kannenberg 2020.

Beklagt den Tod seines Vaters. Wollte sich diesem nach dem Musikfest widmen. Bittet den E. um erneute freundliche Gemeinsamkeit. Möchte den gegenüber Liszt geäusserten Wunsch des E.s erfüllen, sobald er ein den "Frühlingsboten" op. 55 würdiges Wort hervorstammeln könne. Grüsse an Klindworth.

Mein lieber Freund! So eben habe ich das Haus meines verewigten Vaters, die Stätte seines Todes verlaßen, an die ich von Carlsruhe aus durch die ebenso tiefschmerzliche als unerwartete, nie gefürchtete Schreckensbotschaft gerufen worden war. Es war ein harter, herber Schlag des Schicksals und noch ist es mir kaum gelungen jene nöthige Faßung und Ergebung zu gewinnen, durch welche der Empfänger – seiner Herzenswunden gewachsen, fähig sie zu tragen wird. Nach langer Trennung hatte ich sehnlich gehofft, wenn das Musikfest vorübergewesen, einige Wochen in seiner Nähe zuzubringen mich Ihm◊1 da ganz zu widmen, und uns Beiden die namentlich mir so dringende Wohlthat eines erneuerten innigen geistigen Verkehrs zu gewähren. Wir hatten so viel Verwandtes und waren uns durch meine Schuld und gewißermaßen wieder nicht durch meine Schuld so sehr entfremdet worden. Die eiserne schonungslose Nothwendigkeit hat es nicht gestattet, Ihn◊2 wiederzusehn und Er◊3 mußte ohne Abschied, ohne mich gesegnet zu haben, von hinnen scheiden. Er ist schmerzlos und ganz plötzlich am 16 September Morgens 8 Uhr verschieden; ein einziger und letzter Seufzer bezeichnete sein augenblickliches Ende, das Niemand voraussah oder ahnte; ein von Ihm◊4 wenig beachtetes Leiden, das plötzlich den Bruch des Herzens herbeiführte, brachte ihm den Tod, der schön wie ein griechischer, ohne häßliche Zerstörung ä– auch als Leiche nicht – wie ein christlicherå Ihm entgegentrat. Eine Woche später erfuhr ich Unglücklicher erst, daß ich verwaist und vaterlos sei. Ich will jedoch nicht weiter einen Schmerz durch Äußerung profaniren, der zum Inhalte ein so heiliges Andenken hat. Bedauern Sie mich, lieber Freund. Ich melde Ihnen diese Trauerkunde hier aus Romanshorn, wo ich das Dampfboot erwarte, das mich wieder nach Carlsruhe und zu einer energischen Thätigkeit überhaupt, hoffe ich, äwiederå bringen soll – –; ich thue es namentlich deßwegen von hier aus, weil ich mich Ihrer hier lebhaftest wieder erinnere – ich habe so das Gefühl, als seien wir Beide hier, diesem Lande verwandt und also Landsleute. Sie haben Ihre◊5 Wiege nicht fern vom Grabe meines seligen Vaters. Und darum bitte ich Sie nun auch, laßen Sie wieder eine freundliche Gemeinsamkeit unter uns treten, jene frühere Herzlichkeit, die es mir weh thut verschwunden zu wißen. Nicht blos unsere künstlerischen auch unsere sozialen Intereßen und Verhältniße haben ja etwas Solidarisches. Vergeben Sie mir, was ich etwa aus Unüberlegtheit nicht aus bösem Willen gegen Sie gefehlt. Seien Sie mir wieder Freund wie ehemals – ich bin Ihnen gewiß im Andenken an frühere Zeit lebhaft dankbar. Sobald ich über mein Denken wieder einigermaßen Herr geworden bin und im Stande, ein Ihrer Frühlingsboten würdiges Wort hervorzustammeln, werde ich Ihren Liszt ausgesprochenen Wunsch erfüllen. Leben Sie wohl – möchte Ihr Geschick bald die erfreulichste, die verdienteste Wendung nehmen! Grüßen Sie Klindworth herzlich. Noch vielen Dank für den reiseverkürzenden Psalm, der mich sehr angemuthet hat. äIhr Romanshorn tiefbetrübter 29 Sept. 1853. HansvBülowå [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (29. 9. 1853); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.