Absender: Kunigunde Heinrich (C00362)
Erstellungsort: Stuttgart
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 7. Januar 1852 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Sammlung: Raffiana I
Umfang: 8 Seiten
Material: Papier
Schreibmittel: schwarze Tinte
Incipit: Mein lieber Freund!
Schon oft wollte ich Ihnen schreiben und herzlich danken
Mein lieber Freund!

Schon oft wollte ich Ihnen schreiben und herzlich danken für das liebe Bild, welches mich außerordentlich erfreute umso mehr als ich es ganz ähnlich finde, allein wenn ich dann Ihren traurigen, muthlosen Brief wieder gelesen, so entsank mir auch der Mut da ich nicht fähig bin Sie zu trösten! Nachdem Ihre Oper so bedeutenden Erfolg gehabt, hegte ich auch die schönsten Hoffnungen für Sie, nur dachte ich nicht daß so schnell, als Sie es hofften eine Kapellmeister-Stelle zu erlangen wäre; aber Musikdirektor, so etwas hoffte ich bestimmt; vielleicht wollten Sie das nicht, ich an Ihrer Stelle hätte mich um diese beworben, die hätte Ihnen wohl nicht gefehlt zu erlangen, u Sie hätten doch eine sorgenfreie Lage; könnten daneben Sich immer noch durch Compositionen den Ruf vergrößern – doch nichts weiter. Wir denken zu verschieden über den Punkt, da ich eine ganz einfache Lebensweise ohne Nahrungsweise, einer brillanten mit denselben, weit den Vorzug gebe, Sie mein guter Freund werden, was ich nun zu meinem Leidwesen glaube, nie sich so einschränken können, daß Sie sorgenfrei leben können, und ich versichre Sie, da ist man am glücklichsten wenns von Aussen auch stürmt u tobt u alle Pläne scheitern, es thut mir wirklich herzlich weh, daß Sie so traurig sind!


Aber nur Muth gefaßt! Sie sind noch so jung, es wird gewiß Alles noch sich freundlich gestalten; denken Sie z. B. an Molique den Sie so hoch stellten, der ist schon ziemlich bejahrt u noch kein Kapellmeister. Mit Liszt hoffe ich sind Sie wieder in alter Liebe; erinnern Sie sich daß Sie mir geschrieben als Sie nicht Lust hatten bei Schubert zu bleiben; daß Sie Liszt nicht verlassen könnten u s. f. Da schienen Sie fast im Sinne zu haben sich ganz ihm zu widmen; so harren Sie noch aus; er wird Ihnen gewiß nicht undankbar sein, so kann er sich nicht verändert haben; Sie haben Ihn ja schon lange genau gekannt u werden Sich wohl reiflich geprüft haben, hoffe ich, ehe Sie die gute Stellung bei Schubert ihm geopfert. Gebe Gott! daß ich bald einen fröhlichen Brief von Ihnen erhalte! Ich hoffe daß Sie nicht wieder meinen Brief 9 Monate unbeantwortet lassen, da ich Ihnen gleich nach dem lesen desselben Ihrigen umgehend geantwortet! - - Ich besinne mich immer auf etwas das Sie zum Lachen bringt – was macht die schöne Schülerin. Hat sie heuer wieder einen Weihnachtsbaum geschmückt? Schreiben Sie es mir, hieß sie G oder ist eine andre nun begünstigt? wie siehts mit der Brautschaft wo Sie mir ge


schrieben aus, haben Sie noch keine Zeit dazu? a propos da hats H. v Hayn viel genialer gemacht als Sie, der verliebte sich in einem Tag in Hohenheim, verlobte sich, u kam dann zu seinem Vater, dessen Geburtstag war, u sagte daß er zum Geschenk dazu, ihm sich eine Braut geholt; er war auch so gut es mir gleich nachher mitzutheilen, da ich aber das Fräulein nicht kenne, so nahm ich wenig Antheil, dieweil alle seine Bekannte mit mir glaubten, daß er E. v Hayn heurathen würde, u wenn er nur 2 Stunden in Stuttg war, dort Besuch machte, oder sich bei mir, oder andern danach erkundigte. Das Fräulein ist 30 Jahre alt, nicht von, soll aber, als Tochter des Professor Gmelin in Tübingen, alle Sprachen sprechen sogar Latein? und sehr schön oder (wundervoll ich weiß nicht mehr) (wie mir Hayn sagte) Klavier spielen, was ihn am meisten angezogen; ich wünsche daß er das von nie vermißt, da er so großen Werth auf dieses legt; sie wohnen auf dem Gut: Uhenfels bei Urach Sie standen vor 2 Jahren noch in seinem Andenken, er erzählte mir daß Breier ihm gesagt daß Sie abgereist u noch sein Schuldner wären; dieses fand H. unbegreiflich, wie man das thun könne etc. Sie sehen er ist Ihnen nicht sehr hold daß Fräulein v. Hayn Hofdame ist werden Sie so gut als ich wissen; diese erzählte mir auch, daß sie die Moritz in einem Hofconcerte habe singen hören, aber nicht in Ihr der Oper, während Frau Moritz doch an eine hiesige Frau geschrieben daß sie durch den vertretenden Kapellmeister (oder sonst jemand?) zur Verherrlichung der Tage wo die hohen Herrschaften in Weimar wären, Gastrollen geben müsse; in dem Briefe war ein Gedicht voll Ruhmes auf das edle Hauß Würtemberg, was sie oder er, Moritz wünschte daß die Damen gelegentlich der Königin geben sollte – ich habe den Brief nicht selbst gelesen, sagte aber gleich (mit bekannter
Lachlust) daß Sie es wären, weil es mir schnell einfiel wie verliebt Sie, waren! Doch kam es mir kaum glaublich vor, weil Sie immer gesagt: die Person wäre schön, aber der Gesang nicht weit her. Da ists am Ende ein Glück für die Frau daß sie nicht in Weimar blieb u für den Herrn Moritz nochmehr, sonst hätten Sie dieselbe am Ende gar entführt, oder doch ein Tauerspiel aufgeführt, denn einer mußte da unglücklich werden – Sie oder Er! am Ende sind Sie auch deshalb so traurig! Ach wären Sie doch bei mir, wie wollte ich allem aufbieten Sie zu trösten! (oder [...] ich würde Sie wieder wie früher, halb zu Tode ärgern u Sie kämen dann 8 Tage nicht mehr zu mir, u schickten mir, wie früher schrecklich grobe Briefe, aber auch wie sonst, müßten Sie Abbitten u alles Gute versprechen! ach sehen Sie ich habe mich ganz lustig geschrieben, wenn ich an die Zeit denke, wo Sie so viel bei mir waren, u wir so vergnügt waren, aber auch so viel Ärger an einander hatten!! Wirklich besucht mich zuweilen Herr Hensel (er studirt in Hohenheim) ein Neffe von Mendelsohn; dessen der Vater ist Hofmaler in Berlin; die Mutter, die leider noch vor Mendelsohn gestorben hatte auch alle 14 Tage, Sonntag von 12-2 Concerte wo aber nur Vorzügliches geleistet worden sein muß, Hensel besitzen
u. p. haben Sie mein gemaltes Bild (aus der Jugendzeit mitgenommem? ich finde es nirgends u Sie erzählen mir von einem, ist es so? u Sie sehen es alle Jahr einmal an? das ist sehr freundlich von Ihnen, es rührt mich wirklich! ein Saal wo 300 Personen Platz finden; ich lachte als ich ihn einlud in meine kleinen Concertchen, u [...] mein kleines Sälchen, der junge Mann kömmt aber doch gerne. Herr Kücken brachte mir auch seine Frau, sie scheint lieb u einfach, soll sehr reich sein. Man sagt sich hier daß Gall dem König so vorgebracht daß man nun Lindpaintner zu unterstützen weil er schon alt, Kücken haben muß; u der König sehr erfreut gewesen als darauf Lindpaintner sein Entlassungsgesuch eingereicht, was der König auch gleich abgeschlagen; ich weiß nichts bestimmtes u bin froh daß ich mich nichts zu kümmern habe; aber gegen Kücken ist durch die Art, daß alles hinter dem Rücken Lindpaintners abgemacht worden, das Publikum u hauptsächlich das Orchester nicht ganz freundlich gestimmt, seine früheren Verehrer : Bandel, Sukow, La Corr, natürlich nicht!

Von Glogau weiß ich Ihnen nichts zu sagen, als daß man in seinem Hause sagt: er wäre samt der Mutter von hier fort u niemand, so gar in seiner Wohnung nicht, wisse wohin. Abschied hat er auch bei mir nicht genommen. Daß Litolff hier war werden Sie wissen, er ist nicht gut auf Sie zu sprechen, wegen einer Recension. Sie sagten mir doch Sie schrieben nie in Blättern dergleichen? - Eben sehe ich auch daß Sie eine goldne Kette tragen, also der frühre Grundsatz nichts der Art zu tragen, war nicht sehr ernstlich gemeint! Sieh doch den eitlen Mann an! ei! ei!

Daß Bülow bei Ihnen ist wird Ihnen angenehm sein, ich möchte


ihn wohl einmal wieder hören.

Von Schilling weiß u kann ich Ihnen nichts Nähres erfahren, er hat ich glaube schon 14 Schüler, die er nach seiner frühern Methode unterrichtet u durch ganz leichte Sonaten v Clementi, soll jetzt einer die Cis mol Sonate v Beethoven lernen, das begreife ich kaum. Bitte machen Sie keinen Gebrauch [...] von dem was ich so eben geschrieben. da ich durchaus kein Verlangen habe von Schilling in Zeitungen verunglimpft zu werden u dieß führt er aus wenn er böse ist. - Krüger spielte hier im Theater u gab 2 Concerte das erste, das Billet 48 u das zweite 3 billet 1f30, sie waren beide sehr besucht, doch wenig vom Hof. Er war auch bei mir, u ich führte ihn auch zu A. v König (auch Litolff) was dort sehr große Freude machte. So können nun die Stutg doch nicht mehr sagen: daß ich nur für Raff zu meinem Freunde gebracht. Sie wollten ja nicht, freilich kann ich mir die Gründe jezt denken, denn in Weimar scheints gehen Sie überall hin. - Aber jezt vergehen mir die Augen ich muß mit Schreiben endigen u füge nur noch den innigen Wunsch bei: daß ich bald ein liebes, wieder heitres Briefchen erhalten möchte, wo Sie mir sagen, daß der Muth wieder erstarkt u die Leistungen nur herrlicher werden! u aber auch daß Sie mir immer unverändert gut blieben, so wie ich stets bleibe Ihre

treue Freundin Heinrich. Stutg d. 7./1. 52.

Auf diesem Umschlag kann ich Ihnen noch einiges erzählen.

M. v Wächter ist nun die Frau des Directors der Hofbank, Kiderlen, er kennt auch noch Hof. Frl. Emilie Ebner ist Braut mit H. Souchaÿ, der in der Nähe von Lübek ein schönes Gut besitzt, Souchay spiele sehr gut Violine, hat in beiden letzten Concerten mitgewirkt, einmal mit der Braut das Trio op. 11 v Beethoven, u einmal mit Mina Ebner eine Sonate v Vieuxtemps, diese ist auch Braut mit Kaufherr Reiniger hier. - Denken Sie daß ich meine Wohnung verlassen, aber nicht weit, sondern nur über den Flur, die Zimmer bezogen die Fräulein Roth hatte, das ist neu gemacht, hier habe ich leider die schöne Aussicht nicht mehr, aber die liebe Sonne den ganzen Tag, deshalb bin ich herüber gezogen. - Nächsten Dienstag geben Schills einen großen Ball, ich habe mich bereits entschuldigt. Jetzt fällt mir doch nichts mehr ein als noch ein herzliches Lebewohl!

Gräfin la Corré hat heute Gesellschaft mit Kücken u. s. f. ich bin schon wo anders geladen, u geh aber diesen Winter fast nie Abends aus, hie u da ins Theater oder Concert. Schreiben Sie mir doch auch bei wem Sie ihre freie Zeit zubringen; ich muß dieses recht von Andern mir erzählen lassen, u billig sollten Sie selbst mirs erzählen.


Zitiervorschlag: Heinrich, Kunigunde: Brief an Joachim Raff (7. 1. 1852); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 8. 10. 2026.