Verehrter Freund, doch – ich war Donnerstag früh 940 in Frankfurt, aber
untopographischer Weise eilte ich gleich nach dem Hanauer Bahnhofe, in der irrigen
Vermuthung, derselbe läge in noch näherer Nachbarschaft zur Leerbachstraße. Auf dem
Wege – als er sich zu meiner Verwunderung immer mehr durch die Zeile ausdehnte –
merkte ich zu spät, welch ein Esel ich war. Tausendmal Pardon und tausend Dank Dir
und Deiner verehrten Frau, daß Ihr auf den verwegenen Vorschlag des leiter◊1
vereitelten Stelldicheins eingegangen. In Würzburg wars sehr nett. Du hast doch
seiner Zeit umgehende Antwort von mir in der Klavierlehrerfrage erhalten? Ist selbige
befriedigend erledigt? Habe hier jetzt ein famos taugliches Subjekt, Hrn Max Schwarz
aus Berlin als Schüler, will ihn aber selbst als Adjutanten auch an der Oper
(Solorepetitor u. drgl.) behalten, schicke ihn im Sommer zu Liszt, dessen 12 Etüden
er spielt, was die frühere Generation bekanntlich unterlassen. Die Joachim-Kunde, mir
ganz neu, erweckt allerlei vielleicht phantastische Verdächte. Rubinstein gestern
Conzert, heute Makkabäer, Mittwoch Conzert, Donnerstag Feramors (z. e. M.) – am
Freitag kommt er zu uns, wird Sonnabend Sinf. Trammatique dirigiren und C dur
Phantasie (Quasiconzert) mit Orch. spielen. Hier gehts rüstig vorwärts – ich fange an
Luft und Licht zu bekommen. Nächste Saison werden wir die restirenden faulen u.
φαῦλen Elemente noch los. Einstweilen florirt – Berlioz, der Dir mit Recht am meisten
unten den Neuthüringern sympathisch war. Wo und wann hast Du über ihn Dich des
Breiteren expectorirt? Vielleicht ist Deine Frau so gütig diese Anfrage gelegentlich
zu beantworten. Einstweilen genehmige für Dein Album den ersten hiesigen Abdruck der
letzten Pariser Photographie des Meisters, die ich von Hannover aus der Musikwelt
octroyire – so wie die herzlichsten allseitigen Grüße Deines treuen Bewunderers
Hannover, 24 Februar 1879 Hans vBülow. ◊2Sollte Dich einmal mein alter Schüler,
jetziger Dir. der kgl. Musikschule in Würzburg, Dr. jur. Kliebert aufsuchen – ich
habe ihm gerathen, sich einmal Deine Musterorganisation anzusehen – so sei er Dir
bestens empfohlen. Er hat in seiner Art außerordentlich Tüchtiges geleistet; seine
Ballade Wittekind (Soli, Chor, Orchester) ist ein vorzügliches Musikstück, mir
zehnmal lieber als Bruchiana u. drgl. Alex. Ritter hat æeine sehr anständige Operç in
1 Akt geschrieben (Buch u. Musik) æ„der faule Hans“ – gar nicht übel. Im Übrigen ist
er kgl. bayr. Hofmusikh[än]dl[e]r und kämpft ganz wacker ums Dasein.ç [copyright
Simon Kannenberg]