Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Hannover
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 24. Februar 1879 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 145
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
doch – ich war Donnerstag früh 940 in Frankfurt,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Berichtet, weshalb er den E. verpasst habe. Fragt, ob der E. Antwort in der Klavierlehrerfrage erhalten habe. Habe hier ein famos taugliches Subjekt, Max Schwarz aus Berlin. Wolle diesen im Sommer zu Liszt schicken. Die Joachim-Kunde sei ihm neu. Berichtet von Rubinsteins Anwesenheit. Berlioz, der dem E. "mit Recht am meisten unter den Neuthüringern sympathisch" gewesen sei, floriere. Fragt, wo und wann der E. sich des Breiteren über diesen expektoriert habe. Die Frau des E.s sei vielleicht so gütig, dies zu beantworten. Empfiehlt den ehemaligen Schüler Kliebert. Dessen Ballade "Wittekind" sei ihm lieber als Bruchiana. Alexander Ritter habe eine sehr anständige Oper geschrieben.

Verehrter Freund, doch – ich war Donnerstag früh 940 in Frankfurt, aber untopographischer Weise eilte ich gleich nach dem Hanauer Bahnhofe, in der irrigen Vermuthung, derselbe läge in noch näherer Nachbarschaft zur Leerbachstraße. Auf dem Wege – als er sich zu meiner Verwunderung immer mehr durch die Zeile ausdehnte – merkte ich zu spät, welch ein Esel ich war. Tausendmal Pardon und tausend Dank Dir und Deiner verehrten Frau, daß Ihr auf den verwegenen Vorschlag des leiter◊1 vereitelten Stelldicheins eingegangen. In Würzburg wars sehr nett. Du hast doch seiner Zeit umgehende Antwort von mir in der Klavierlehrerfrage erhalten? Ist selbige befriedigend erledigt? Habe hier jetzt ein famos taugliches Subjekt, Hrn Max Schwarz aus Berlin als Schüler, will ihn aber selbst als Adjutanten auch an der Oper (Solorepetitor u. drgl.) behalten, schicke ihn im Sommer zu Liszt, dessen 12 Etüden er spielt, was die frühere Generation bekanntlich unterlassen. Die Joachim-Kunde, mir ganz neu, erweckt allerlei vielleicht phantastische Verdächte. Rubinstein gestern Conzert, heute Makkabäer, Mittwoch Conzert, Donnerstag Feramors (z. e. M.) – am Freitag kommt er zu uns, wird Sonnabend Sinf. Trammatique dirigiren und C dur Phantasie (Quasiconzert) mit Orch. spielen. Hier gehts rüstig vorwärts – ich fange an Luft und Licht zu bekommen. Nächste Saison werden wir die restirenden faulen u. φαῦλen Elemente noch los. Einstweilen florirt – Berlioz, der Dir mit Recht am meisten unten den Neuthüringern sympathisch war. Wo und wann hast Du über ihn Dich des Breiteren expectorirt? Vielleicht ist Deine Frau so gütig diese Anfrage gelegentlich zu beantworten. Einstweilen genehmige für Dein Album den ersten hiesigen Abdruck der letzten Pariser Photographie des Meisters, die ich von Hannover aus der Musikwelt octroyire – so wie die herzlichsten allseitigen Grüße Deines treuen Bewunderers Hannover, 24 Februar 1879 Hans vBülow. ◊2Sollte Dich einmal mein alter Schüler, jetziger Dir. der kgl. Musikschule in Würzburg, Dr. jur. Kliebert aufsuchen – ich habe ihm gerathen, sich einmal Deine Musterorganisation anzusehen – so sei er Dir bestens empfohlen. Er hat in seiner Art außerordentlich Tüchtiges geleistet; seine Ballade Wittekind (Soli, Chor, Orchester) ist ein vorzügliches Musikstück, mir zehnmal lieber als Bruchiana u. drgl. Alex. Ritter hat æeine sehr anständige Operç in 1 Akt geschrieben (Buch u. Musik) æ„der faule Hans“ – gar nicht übel. Im Übrigen ist er kgl. bayr. Hofmusikh[än]dl[e]r und kämpft ganz wacker ums Dasein.ç [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (24. 2. 1879); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.