Mein verehrter Freund, keinen Brief – sondern nur eine flüchtige Anzeige – daß mein
Fatum dießmal keinen Besuch bei Dir zuläßt. Ich halte es zwar hier nicht länger aus –
Hoffnung und Geduld sind bis auf die Hefe erschöpft (ich selber leider auch) – „wir
sind vergebens hier gewesen“ – allein es drängt mich in mein provisorisches
Winterquartier. Dieses soll für den Rest des Jahres das für mich einestheils ganz
neutrale (ich bin dort nur mäßig „berühmt“) anderentheils durch unseres trefflichen
Bronsart’s und eines guten Dauer-Arztes (nicht blos zum Consultiren) Gesellschaft
lockende – Hannover sein. Br. besuchte mich auf der Rückkehr von B–th und schlug
meiner durch die schlechten Umstände hervorgerufenen Planlosigkeit seine Residenz als
retiro vor. Ich acceptirte in einem seltnen raptus Vorschlag und die von ihm für mich
entdeckte Wohnung (vom 1 Okt. – 8 Marienstr.) Ich hatte stets noch auf Besserung und
infolge dessen Möglichkeit nach Wiesbaden zu exkurriren gehofft: leider ists nun –
besser, daß Ihr mich jetzt nicht zu sehen bekommt. Nimm mirs nicht übel, daß ich Euch
gewissermaßen so lange in der Schwebe gelassen. „Kommt er nun, oder kommt er nicht“?
– „Weiß ichs“? – „Das ist aber recht langweilig“ – Solcherlei Redensarten denke ich
mir bei Euch jüngster Zeit des Häufigen lautbar geworden. So mögen denn nun diese
Zeilen ein interessanteres Thema aufs Tapet bringen! Hättest Du die Güte,
landsleutigen Tonkünstlern, Musikhändlern u. dgl. – falls sie Dich darob belästigen
sollten, meine provisorische Adresse zu verschweigen? Ich bin jeden Verkehres noch
gänzlich unfähig – ungewiß, ob es überhaupt nicht dabei bleiben wird! Sobald diese
Befürchtung sich als unbegründet auflöst, bin ich so frei, es Deiner
freundschaftlichen Theilnahme kund zu thun. Einstweilen herzlichste Grüße und Wünsche
für Euer Aller Wohlergehn! Dein treuergebener heruntergekommener Godesberg, 17 Sept.
HvB. [copyright Simon Kannenberg]