Godesberg, 1/IX 76. Verehrter Freund, besten Dank für Mittheilungen. Ich vermag
leider noch nicht so bald zu reisen, da das ungünstige Wetter meine Leiden wieder
verschlimmert. Außerdem ist es mißlich einen Arzt zu consultiren, der selber Patient
ist – ich habe das schon des Öfteren erfahren – ; auch wäre es mit einer einzelnen
Consultation nicht abgethan; ich bedürfte wiederholter Examination, da mein Zustand
ein höchst complizirter ist. Erwarte mich also vorläufig noch nicht: Dir wird es
übrigens ebenfalls wohl thun, eine Zeitlang wieder unbesucht zu bleiben, namentlich
von einem so berechtigt hypochondrischen Menschen, der seinen Freunden vor Allem die
Höflichkeit schuldet, sich versteckt zu halten, bis er wieder etwas erträglicher sich
ausnimmt. Entschuldige die Mißbezeichnung Deiner Sinfonie. Ich habe seit Anfang des
Jahres keine Musikzeitung zu Augen bekommen. Von den Klavierquartetten wußte ich noch
nichts – Du bist ein wahres Erdenwunder! – es schwindelt Einem nur davon zu hören,
was Du Alles leistest – ich hatte die mir noch fremden neuen drei Streichquartette im
Sinne. Du magst übrigens Recht haben – daß ich besser thue, mich aller geistigen
Anregung noch zu enthalten; die vorigen Herbst ziemlich entwichenen Folgen meines vor
anderthalb Jahren erlittenen „leichten“ Gehirnschlages – sind stärker hervorgetreten
– neuerdings. Der halbe Taumel in dem ich mich den größten Theil des Tages befinde,
die Incohärenz im Denken und Sprechen macht mich deßhalb auch für mündl. wie
schriftl. Verkehr ziemlich ungeeignet. O ich büße recht hart, glaube mir! War sehr
gerührt über die liebenswürdigen Zeilen Deiner verehrten Frau Schwägerin; bitte ihr
vielmals zu danken. Es schmerzt mich sehr, daß ich sie verfehlen werde; aber .... es
würde ihr leid thun, mich in dem reduzirten gegenwärtigen Zustande wiederzusehen und
mir wäre das auch sehr peinlich, ihr „leid zu thun“. Ich fühle mich sehr schwach
heute – wollte aber nicht zögern, Dich zu benachrichtigen, daß ich mich durch die
Meldung von Dr. Genths bevorstehender Abreise nicht zu früherem Verlassen dieser
hiesigen Besserungsanstalt (ohne Erfolg) bestimmen lassen kann, leider ....
Herzlichste Grüße und Wünsche allerseits. Treulichst Dein ganz ergebener HansvBülow.
[copyright Simon Kannenberg]