Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Godesberg
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 27. August 1876 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 133
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrtester Freund,
nur lamentieren hätte ich können seit dem Eintreffen
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 5, S. 387 (Auszug); Kannenberg 2020.

Berichtet von seinem Gesundheitszustand. Möchte Genth konsultieren. Bittet um neuere Partituren des E.s zur Leihe: Quartette [op. 192 Nr. 1, op. 192 Nr. 2, op. 192 Nr. 3] und die Schweizer Symphonie [op. 201]. Habe sich schlecht gegenüber dem "ominösen Namen" [Miloschewitsch] verhalten. Ist froh, dass Bayreuth vorbei sei. Empfehlungen an Doris, Grüsse an Helene.

Godesberg, 27. August 1876. Verehrtester Freund, nur lamentieren hätte ich können seit dem Eintreffen Deines liebenswürdigen Antwortschreibens; deßhalb habe ich es stets aufgeschoben, Dir meinen Dank zu sagen. Fast fürchte ich mit dem Wasser-Régime auf dem Holzweg gewesen zu sein, da nach 9 Wochen dieses elenden Patientenvegetirens keine irgendwie erhebliche Besserung meiner Nervenleiden (zu denen sich allerhand rheumatische Übel gesellt haben) zu constatiren ist. Doch werde ich suchen noch vierzehn Tage auszuharren. Dann – möchte ich Dr. Genth consultiren, da derselbe in Deiner Residenz zu Hause ist und als Praktiker wohl tüchtiger sein mag, als die hiesige Celebrität, die mich etwas sorglos behandelt hat, und dieser Tage nach Berlin übersiedelt. Ach, wäre doch Dein neulicher Vorwurf, daß ich abscheulich übertrieben, gerechtfertigt gewesen! Es ist, ich versichere Dir, kaum möglich, mehr auf den Hund zu kommen, als ich es durch mein wüstes „fahrendes“ Leben fertig gebracht. Doch – ich will lieber die Tinte halten – da ich nicht von meiner Haut abstrahiren kann, die sehr elend und demgemäß nur Elendes berichten könnte. Eine Bitte – hast Du von Deinen neueren Partituren ein überzähliges Exemplar zum Ausleihen (nicht zum Verschenken)? Seit einer Woche sehne ich mich, endlich wieder einmal zu versuchen, ob meine Augen noch zu hören fähig sind. Also – könntest Du mir einigen Raff senden, Quartette oder Schweizer Sinfonie, so würde ich dankbarlich verpflichtet sein, die Werke auch in gutem Zustande persönlich (in 14 Tagen spätestens) wieder abliefern.◊1 Lächeln muß ich nachträglich, daß auf der ersten Zeile Deines Briefes jener ominöse Name figurirte, der mir eigentlich Gewissensbisse hervorrufen sollte. Habe ich mich doch Alles in Allem recht schlecht gegen das gute arme Geschöpf benommen! Aber wie kommst Du auf die höchst absonderliche Idee Dich bez. der Entdeckung meines Aufenthaltes – nach Rußland – in Paris zu wenden? Vor einigen Wochen präsentirte sich ein Rüpel mit zwei „p“ an hier – als von Dir abgesandt, worauf ich ihm Rede stand, so weit es mein chronischer Schwindel gestattete. Hat der Mann geflunkert? Er machte mir nämlich den Eindruck eines Naumburger Weinreisenden. æGottlob, daß Bayreuth nun bald vorüber. Kannst Du Dir denken, daß ich schlaflose Nächte und halbwachende◊2 Tage über dem Gedanken daran verlebt und findest Du, daß es zu entschuldigen ist? Ach – wenn man doch mit der Vergangenheit brechen könnte – es scheint aber unmöglich.ç Viele Empfehlungen an Frau Doris und freundlichste Grüße an Fräulein Helene, von der ich mir vorstelle, daß sie mich jetzt um einen guten Kopf überragt. In alter treuer Verehrung freundschaftlichst Dein Hans v. Bülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (27. 8. 1876); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 21. 4 2026.