Godesberg, 27. August 1876. Verehrtester Freund, nur lamentieren hätte ich können
seit dem Eintreffen Deines liebenswürdigen Antwortschreibens; deßhalb habe ich es
stets aufgeschoben, Dir meinen Dank zu sagen. Fast fürchte ich mit dem Wasser-Régime
auf dem Holzweg gewesen zu sein, da nach 9 Wochen dieses elenden Patientenvegetirens
keine irgendwie erhebliche Besserung meiner Nervenleiden (zu denen sich allerhand
rheumatische Übel gesellt haben) zu constatiren ist. Doch werde ich suchen noch
vierzehn Tage auszuharren. Dann – möchte ich Dr. Genth consultiren, da derselbe in
Deiner Residenz zu Hause ist und als Praktiker wohl tüchtiger sein mag, als die
hiesige Celebrität, die mich etwas sorglos behandelt hat, und dieser Tage nach Berlin
übersiedelt. Ach, wäre doch Dein neulicher Vorwurf, daß ich abscheulich übertrieben,
gerechtfertigt gewesen! Es ist, ich versichere Dir, kaum möglich, mehr auf den Hund
zu kommen, als ich es durch mein wüstes „fahrendes“ Leben fertig gebracht. Doch – ich
will lieber die Tinte halten – da ich nicht von meiner Haut abstrahiren kann, die
sehr elend und demgemäß nur Elendes berichten könnte. Eine Bitte – hast Du von Deinen
neueren Partituren ein überzähliges Exemplar zum Ausleihen (nicht zum Verschenken)?
Seit einer Woche sehne ich mich, endlich wieder einmal zu versuchen, ob meine Augen
noch zu hören fähig sind. Also – könntest Du mir einigen Raff senden, Quartette oder
Schweizer Sinfonie, so würde ich dankbarlich verpflichtet sein, die Werke auch in
gutem Zustande persönlich (in 14 Tagen spätestens) wieder abliefern.◊1 Lächeln muß
ich nachträglich, daß auf der ersten Zeile Deines Briefes jener ominöse Name
figurirte, der mir eigentlich Gewissensbisse hervorrufen sollte. Habe ich mich doch
Alles in Allem recht schlecht gegen das gute arme Geschöpf benommen! Aber wie kommst
Du auf die höchst absonderliche Idee Dich bez. der Entdeckung meines Aufenthaltes –
nach Rußland – in Paris zu wenden? Vor einigen Wochen präsentirte sich ein Rüpel mit
zwei „p“ an hier – als von Dir abgesandt, worauf ich ihm Rede stand, so weit es mein
chronischer Schwindel gestattete. Hat der Mann geflunkert? Er machte mir nämlich den
Eindruck eines Naumburger Weinreisenden. æGottlob, daß Bayreuth nun bald vorüber.
Kannst Du Dir denken, daß ich schlaflose Nächte und halbwachende◊2 Tage über dem
Gedanken daran verlebt und findest Du, daß es zu entschuldigen ist? Ach – wenn man
doch mit der Vergangenheit brechen könnte – es scheint aber unmöglich.ç Viele
Empfehlungen an Frau Doris und freundlichste Grüße an Fräulein Helene, von der ich
mir vorstelle, daß sie mich jetzt um einen guten Kopf überragt. In alter treuer
Verehrung freundschaftlichst Dein Hans v. Bülow. [copyright Simon Kannenberg]