Verehrter Freund! ..... „und ihres Bellens lauter Schall beweist nur daß wir reiten.“
Das Londoner Publikum ist – soweit das mögl. – ein Prachtkerl, weit spontaner,
independenter als unser continentalen.◊1 Samstag 24 im Krystallpallast exquisite
Aufführung Deines Cmoll conzerts (ich spiele es jetzt um 2 Jahre besser) und enormer
Beifall; ziemlich dasselbe zu gleicher Stunde in St. James Hall widerfuhr der
„Leonore“ – deren Marsch dacapirt werden mußte. Scheer Dich den Teufel um das
Geschreibe – die Engländer haben Dich adoptirt – rascher als sie es mit Brahms, weit
rascher als sie’s mit Schumann seiner Zeit nb. unter weit bissigeren Hundegebelle
gethan. Du wirst in Bälde hiervon die unwiderleglichsten Beweise erhalten. Macte
virtute tua u. s. w. Herzlichsten Dank für Deinen theilnahmvollen Brief.. Ich
schweige von meinen eignen Affairen – erwarte dieser Tage Ullman u. schließe
definitiv ab für Amerika (Abreise Ende August) Gegen den 12 Mai verlasse ich London
und wenns Dir convenirt besuche ich Dich auf zwei Tage auf der Durchreise nach
München. Im Juni gehe ich ins Tyrol zu Klindworth. Was dann weiter ist noch nicht
fixirt – Klavierspielen, näml. öffentliches unter keinen Bedingungen; ich habe mich
absolut „ausgegeben“. Also bitte ums Himmelswillen keine Engagementsvermittlung; in
Geldverlegenheit bin ich ja nicht; wenn mich der Raubanfall auch ein weiteres
Lebensjahr kostet. Herzliche Empfehlungen Deiner verehrten Frau, schönste und über
ihre Verslein beifallnickendste Grüße an Frl. Helene. In „Kürze“ Dein treuergebener
28 April 1875 Bewunderer Bülow. ◊2Dem Fritz Hartvigson habe ich in meinen neulichen
Zeilen an Dich (unmuthsvoll) doch Unrecht gethan; er ist seit 10 Tagen wieder hier
und seine vielen guten Qualitäten haben mich genügend mit seinen schlechten –
ausgesöhnt. Ein gew. Barry hat Dir geschrieben – ein etwas lederner, aber honnetter
und nicht dummer Gesell. Wie kannst Du die Zopffzeitung zu anderem Zwecke in die Hand
nehmen als zu exkrementalem Epilochisiren? [copyright Simon Kannenberg]