Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: London
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 12. April 1875 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 127
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
seit 14 Tagen unsäglich an Nevralgie und fliegender Gicht leidend
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Berichtet von Leiden und Dolbys Betrug. Müsse weitläufig mit Ullmann feilschen. Habe den Brief des E.s an Klindworth geschickt. Müsse Hartvigson gänzlich désavouieren. Sehe mit Schadenfreude auf das von "Wagnerianern" verschuldete Fiasko der "Makkabäer" [Rubinstein] entgegen. Dessen neues Klavierkonzert sei auch eine "schöne Gegend". Habe dem E. einen Artikel über dessen sechs Symphonien zugesandt. Heute Mittag Ella Musical Union: Trio G-Dur op. 112. Abends in der Old Philharmonic "Im Walde" op. 153 und in der New Philharmonic nächstens "Lenore" op. 177. Spiele vielleicht übermorgen op. 74, Nr. 3. "Rauenthalerinski" habe keinen grösseren Erfolg hier als er just verdiene.

London, 12 April 75 27 Duke Street Manchester Square W Verehrter Freund, seit 14 Tagen unsäglich an Nevralgie und fliegender Gicht leidend – dennoch aber spielen müssend – mit unerhörter Anstrengung, weil Nichtspielen ein neues Defizit „erzielen“ würde. Ein Jahr meines Lebens verloren, weil durch den bisher für einen Ehrenmann gehaltenen Agenten um die Bagatelle von 30,000 Reichsmark (1493 Pfund Sterl.) betrogen! Prozeß – bei dem schwerlich etwas Anderes herauskommen wird als der Bankerutt des Hrn Dolby – dessen Ende ich jedoch hier abwarten muß. Violà in Kürze meine charmante Situation. Könnte noch eine kleine Jeremiade hinzufügen über die widerlich weitläufige briefliche Feilscherei mit dem Juden Ullmann bez. der (wenn ich bis dahin nicht ganz „leck“ geworden) Ende August anzutretenden amerikanischen Tournée – eines nun ganz unausweichlichen letzten Versuchs-Übels.* Unter so bewandten „angustis“ kannst, mußt Du mich entschuldigen, auf Deinen gütigen Brief vom 17 vor. noch nicht dankend geantwortet zu haben. Hatte selbigen übrigens an Klindworth gesendet, erhalte ihn eben zurück; ich schicke Dir den seinigen, der Dich besser als meine gegenwärtige Expektoration amüsiren wird; bitte um freundl. einfache Retournirung nachdem Du ihn gelesen. Nb: Mr. Hartvigson bin ich in der unangenehmen Lage gänzlich désavouiren zu müssen. Jüdisches Ferkel! À propos von Ferkelei: Makkabäer – kennst Du sie? Ich sehe mit aufrichtiger Schadenfreude ihrem natürlich nur durch die Intriguen der „Wagnerianer“ (sancta simplicitas) verschuldeten Fiasko entgegen. Sein neues Klavierconzert ist auch eine schöne Gegend. Heiliger Moscheles! Habe Dir letzten Samstag einen Artikel über Deine 6 Sinfonieen zugesendet, den ich nb. noch nicht gelesen hatte – bitte dringend, mich für den Inhalt nicht verantwortlich zu machen. Der Esel hat ein langes Ohr Was kann das Elentthier davor? — Heute Mittag (Ella – Musical Union) G dur Trio von Raff – Abends in der Old Philharmonic z. e. M. Im Walde. – In der New Phil. nächstens Leonore. Ignorirt wirst Du hier in keiner Weise mehr. \Übermorgen spiele ich das alte liebe Op. 74 No 3. / Genug. Mitte Mai besuche ich Dich vielleicht auf einen Tag bei Durchreise. Bist Du zu der Zeit noch im Nerothale? Die Vorsehung annehme sich gegen Dich und die Deinigen so maßvoll unanständig als ihr möglich! Dein treuer HvBülow. Rauenthalerinski hat hier keinen größeren Erfolg als er just verdiente. Bei flüchtiger Begegnung erschien er mir etwas gehirnweich. ◊1*Hätte doch vielleicht besser dran gethan, die bess[a]rabische Pille zu schlucken! [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (12. 4. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.