Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: London
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 8. Januar 1875 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 126
Umfang: 7 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Meister und Freund,
wenn ich, wie das so zur Jahreswende sich unwillkürlich ergibt,
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Neujahrswünsche an die häusliche Dreieinigkeit [Doris, Helene]. Hofft, dass sich die Frau physisch und psychisch wieder erholt habe [nach dem Tod von ihrem Vetter Ernst Genast]. Klagt über körperliche Leiden. Habe die belgische Tournee aufgeben müssen. Auch sein "Cornac" sei nicht unfehlbar. Gernsheim und Rubinstein reizen ihn nicht mehr als D. Méhul in Glasgow. Der E. soll sich das nächste Mal in Spa vor seiner "gut-edel-Hilfreichigkeit" in Acht nehmen. Wünschte, dass ihm alles so deutlich sei wie, dass der "grosse Anton", dieser Giacomo-Felix, weder eine Wagnersche "Oper", noch eine Raffsche Symphonie zu Stande bringen werde. Wenn dessen Cellokonzert nicht effektiver sei als das Violinkonzert werde Davidoff ebenso wenig darauf reisen wie Wieniawski auf das ihm gewidmete. Fragt, warum dessen erstes nichts gemacht habe, als man vom Schumannschen nichts wissen wollte. Verstehe nicht, wie solche "Mock-Concurrenz" den E. anfechten könne. Fragt, wann jenes des E.s [op. 193] komme. Lasserre habe die "Begegnung" [op. 86, Nr. 1] zauberhaft gespielt, feiner als Cossmann. "Cäsar" sei unreif gewesen und nun faul. Musik zu Schauspiel sei Nonsens. Kenne Lassens "Nibelungenmusik" nur aus dem Klavierauszug. Werde die Grüsse des E.s an die Sydenhamer [Straus, Grove, Manns] am Sonntag bestellen.

London 8 Jan 75 Verehrter Meister und Freund, wenn ich, wie das so zur Jahreswende sich unwillkürlich ergibt, einmal Revue halte über meine versch. Erwerbe und Verluste so freue ich mich jedesmal über die Conservirung eines der werthvollsten meiner Besitzthümer, nämlich Deiner stets bewährten Freundschaft. Habe herzlichsten Dank meiner wiederum gedacht zu haben. Das eigentliche Neujahrsgratuliren sollte man eigentlich denjenigen Personen überlassen, die damit den verständigen Zweck einer Trinkgeldeinnahme verfolgen: Dennoch genehmige meine besten Wünsche für Deine häusliche Dreieinigkeit. Hoffentlich hat sich Deine verehrte Frau physisch und psychisch wieder erholt. „Viele Familienglieder, häufige Todesfälle.“ Das ist eigentlich sehr natürlich. Aber ich begreife daß der letzterlebte ganz besonders schmerzlich sein mußte. Doch die Hauptsache bleiben ja nicht die Personen, sondern die Ideen und \als/ deren einer hervorragender Träger mögest Du Dich ungetrübter Gesundheit, [...] \der/ ersten Bedingung, Deine künstlerische Mission zu erfüllen, fortwährend erfreuen. Ich seufze darnach. Ich habe das neue Jahr schlecht begonnen mit rheumatischen Schmerzen an allen Ecken und Enden, unvermeidliche Folge der auf einen so ungewöhnlich harten Winter, wie den laufenden, ganz und gar nicht eingerichteten Beschaffenheit aller Lokalitäten. Ich habe die belgische Tournée, die ich in diesem Monate projectirt hatte, darum aufgeben müssen, raste jetzt leider ohne brauchbare Muße infolge der Schmerzen und des gedrückten Hirnschädels und beginne mein Concertvagabundenthum Ende nächster Woche (nein, am 19ten ist das erste Provinz-Recital) in diesem zum redlich-gewährt-werden, wohlgeeigneten Lande. Wie lange, das ist noch unsicher, wenn es geht, bis in den April hinein, da (man gesteht so etwas eigentlich ungern ein) ich leider noch nicht um so viele Pfunde schwerer wiege, als ich erwartet hatte. Auch mein Cornac ist nicht unfehlbar, so treffliche Qualitäten er auch sonst hat, und so hat er manche Mißgriffe in seinen Arrangements gemacht. Jedenfalls spreche ich bei Rückkehr nach Deutschland bei Dir vor, wenn ich auch (mit meinen vielen Koffern ist das schon ein Ding der Unthunlichkeit) Dein gastfreundliches Beherbergungsanerbieten nicht anzunehmen vermag. Dank für alle Notizen die von Dir selbst handeln; da ist mir jedes Detail interessant. Gernsheim aber und selbst der „démollirende“ Rubinsteinheim reizen mich nicht mehr als Mr D. Mehul in Glasgow, der sich gar nicht beruhigen will, daß Du ihm nicht schreibst. Laß es gut sein, übrigens; in meinem letzten wurde ich grob und habe ihm den Standpunkt klar zu machen gesucht. S’ nächste Mal in Spa nimm Dich mit Deiner gut-edel-Hilfreichigkeit in Acht, d. h. laß dieses moralische Übergewicht daheim bei Deiner Frau, die sie ja wohl vor Mottenschaden bewahren wird. Wenn mir Alles so deutlich wäre, wie daß der große Anton, dieser Giacomo-Felix weder eine Wagnersche „Oper“ noch eine Raffsche Sinfonie zu Stande bringen wird! Übrigens hat er als Componist wirklich – ausgespielt. Die Leute fangen an nichts mehr von ihm wissen zu wollen und hinter die Schablone oder vielmehr das jüdische „Gethue“ zu kommen. Nb: wenn das Celloconzert nicht effekvoller ist als das Violinconz. so wird Davidoff ebenso wenig darauf reisen, wie Wieniawski auf das ihm gewidmete. Warum hat denn sein erstes nichts gemacht zu einer Zeit wo man vom Schumannschen nichts wissen wollte? Wird letzteres nicht trotz allem Unpraktischen doppelt so oft gespielt? Enfin – habeat sibi. Ich verstehe aber nicht, wie Dich dergl. Mock-Concurrenz überhaupt anfechten kann. — Wann kommt nun Deines? æLasserre hat Deine „Begegnung“ neulich (mit mir) zauberhaft schön gespielt, weit feiner als Coßmann. Alles können die Juden doch eben nicht machen: Verschiedenes ist ihnen gerade quâ Juden, unmöglich. Wenn ich manchmal an mir und meinem relativ verfehlten Künstlerleben verzweifle, so erfrischt und erhebt mich dann wieder der Gedanke, daß ich eine gewisse Bedeutung als Nichtjude habe und ich bestrebe mich dann, dieser Mission (gegen das Musikjudenthum nach Kräften positiv, praktisch zu protestiren) Ehre zu machen.ç◊2 Genug. æ„Cäsar“ war unreif und ist nun – faul. Lassen wir ihn ruhen. Doch Dank für das freundschaftliche Interesse! Musik zu Schauspiel ist übrigens ein – nonsens. Kein Mensch mag dergl. und es ist Keinem dieses Nichtmögen zu verdenken. Und ich hatte dabei doch speziell an die Bühne gedacht!ç◊1 Lassen’s Nibelungenmusik kenne ich nur aus dem Klavierauszuge, habe aber keinen Begriffe von ihrer Wirkung. Über jeden Erfolg dieses gentleman werde ich mich aber stets von Herzen freuen. — Deine freundl. Grüße an die Sydenhamer werde Sonntag (übermorgen) bestellen wenn ich wohl genug zu diesem Ausfluge sein werde. Mit bestem Dank – mit allseitigen Wünschen – treulichst Dein alter Bewunderer Bülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (8. 1. 1875); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.