London 8 Jan 75 Verehrter Meister und Freund, wenn ich, wie das so zur Jahreswende
sich unwillkürlich ergibt, einmal Revue halte über meine versch. Erwerbe und Verluste
so freue ich mich jedesmal über die Conservirung eines der werthvollsten meiner
Besitzthümer, nämlich Deiner stets bewährten Freundschaft. Habe herzlichsten Dank
meiner wiederum gedacht zu haben. Das eigentliche Neujahrsgratuliren sollte man
eigentlich denjenigen Personen überlassen, die damit den verständigen Zweck einer
Trinkgeldeinnahme verfolgen: Dennoch genehmige meine besten Wünsche für Deine
häusliche Dreieinigkeit. Hoffentlich hat sich Deine verehrte Frau physisch und
psychisch wieder erholt. „Viele Familienglieder, häufige Todesfälle.“ Das ist
eigentlich sehr natürlich. Aber ich begreife daß der letzterlebte ganz besonders
schmerzlich sein mußte. Doch die Hauptsache bleiben ja nicht die Personen, sondern
die Ideen und \als/ deren einer hervorragender Träger mögest Du Dich ungetrübter
Gesundheit, [...] \der/ ersten Bedingung, Deine künstlerische Mission zu erfüllen,
fortwährend erfreuen. Ich seufze darnach. Ich habe das neue Jahr schlecht begonnen
mit rheumatischen Schmerzen an allen Ecken und Enden, unvermeidliche Folge der auf
einen so ungewöhnlich harten Winter, wie den laufenden, ganz und gar nicht
eingerichteten Beschaffenheit aller Lokalitäten. Ich habe die belgische Tournée, die
ich in diesem Monate projectirt hatte, darum aufgeben müssen, raste jetzt leider ohne
brauchbare Muße infolge der Schmerzen und des gedrückten Hirnschädels und beginne
mein Concertvagabundenthum Ende nächster Woche (nein, am 19ten ist das erste
Provinz-Recital) in diesem zum redlich-gewährt-werden, wohlgeeigneten Lande. Wie
lange, das ist noch unsicher, wenn es geht, bis in den April hinein, da (man gesteht
so etwas eigentlich ungern ein) ich leider noch nicht um so viele Pfunde schwerer
wiege, als ich erwartet hatte. Auch mein Cornac ist nicht unfehlbar, so treffliche
Qualitäten er auch sonst hat, und so hat er manche Mißgriffe in seinen Arrangements
gemacht. Jedenfalls spreche ich bei Rückkehr nach Deutschland bei Dir vor, wenn ich
auch (mit meinen vielen Koffern ist das schon ein Ding der Unthunlichkeit) Dein
gastfreundliches Beherbergungsanerbieten nicht anzunehmen vermag. Dank für alle
Notizen die von Dir selbst handeln; da ist mir jedes Detail interessant. Gernsheim
aber und selbst der „démollirende“ Rubinsteinheim reizen mich nicht mehr als Mr D.
Mehul in Glasgow, der sich gar nicht beruhigen will, daß Du ihm nicht schreibst. Laß
es gut sein, übrigens; in meinem letzten wurde ich grob und habe ihm den Standpunkt
klar zu machen gesucht. S’ nächste Mal in Spa nimm Dich mit Deiner
gut-edel-Hilfreichigkeit in Acht, d. h. laß dieses moralische Übergewicht daheim bei
Deiner Frau, die sie ja wohl vor Mottenschaden bewahren wird. Wenn mir Alles so
deutlich wäre, wie daß der große Anton, dieser Giacomo-Felix weder eine Wagnersche
„Oper“ noch eine Raffsche Sinfonie zu Stande bringen wird! Übrigens hat er als
Componist wirklich – ausgespielt. Die Leute fangen an nichts mehr von ihm wissen zu
wollen und hinter die Schablone oder vielmehr das jüdische „Gethue“ zu kommen. Nb:
wenn das Celloconzert nicht effekvoller ist als das Violinconz. so wird Davidoff
ebenso wenig darauf reisen, wie Wieniawski auf das ihm gewidmete. Warum hat denn sein
erstes nichts gemacht zu einer Zeit wo man vom Schumannschen nichts wissen wollte?
Wird letzteres nicht trotz allem Unpraktischen doppelt so oft gespielt? Enfin –
habeat sibi. Ich verstehe aber nicht, wie Dich dergl. Mock-Concurrenz überhaupt
anfechten kann. — Wann kommt nun Deines? æLasserre hat Deine „Begegnung“ neulich (mit
mir) zauberhaft schön gespielt, weit feiner als Coßmann. Alles können die Juden doch
eben nicht machen: Verschiedenes ist ihnen gerade quâ Juden, unmöglich. Wenn ich
manchmal an mir und meinem relativ verfehlten Künstlerleben verzweifle, so erfrischt
und erhebt mich dann wieder der Gedanke, daß ich eine gewisse Bedeutung als Nichtjude
habe und ich bestrebe mich dann, dieser Mission (gegen das Musikjudenthum nach
Kräften positiv, praktisch zu protestiren) Ehre zu machen.ç◊2 Genug. æ„Cäsar“ war
unreif und ist nun – faul. Lassen wir ihn ruhen. Doch Dank für das freundschaftliche
Interesse! Musik zu Schauspiel ist übrigens ein – nonsens. Kein Mensch mag dergl. und
es ist Keinem dieses Nichtmögen zu verdenken. Und ich hatte dabei doch speziell an
die Bühne gedacht!ç◊1 Lassen’s Nibelungenmusik kenne ich nur aus dem Klavierauszuge,
habe aber keinen Begriffe von ihrer Wirkung. Über jeden Erfolg dieses gentleman werde
ich mich aber stets von Herzen freuen. — Deine freundl. Grüße an die Sydenhamer werde
Sonntag (übermorgen) bestellen wenn ich wohl genug zu diesem Ausfluge sein werde. Mit
bestem Dank – mit allseitigen Wünschen – treulichst Dein alter Bewunderer Bülow.
[copyright Simon Kannenberg]