Amsterdam, 18/19 Jan. 73 Verehrter Freund, Brief – is nich – aber Telegramm in
Briefform – Form is nich. Wollte Dir nur sagen, daß ich Deine Sinfonie mit wahrer
Wollust genossen habe, namentl. I u III Satz die recht gut gegangen sind. Scherzo hat
Verhulst überhetzt, Finale verschleppt – er ist überhaupt ein schlechter Dirigent, so
ein Mittelding zwischen Takthacker u. Breirührer – ohne Rhythmus. Dem Publikum hat
das Werk entschieden gefallen. In einem der nächsten Conzerte macht V. Deine
Waldsinfonie, die er im Haag bereits zur Aufführung gebracht hat. Bronsart-Conzert
ging nicht übel und gefiel – das Conzert (über 1200 andächtige Zuhörer) hatte im
Ganzen einen sehr glücklichen Verlauf. Meine Wenigkeit hat hier, wie in Brüssel und
Antwerpen noch nicht erlebten Succeß gefunden. Einnahmen leider nicht sehr brillant
da stets fixe Honorare. Sei nicht böse über das lakonisch abrupte dieses Grußes.
Ultra posse u. s. w. Morgen mit dem Frühesten nach Deutschland zurück. Regensburg
21sten München Triosoiréen 22 u. 24 dann nach Norden hinauf. Empfiehl mich Deiner
verehrten Frau. Vieles Scheene an Zimmerhelene! Mit herzlichsten Grüßen und innigsten
Wünschen für ungetrübte schaffensfrohe Thätigkeit Dein ganz ergebener HvBülow. Nb:
Vieuxtemps der zwar noch der Routine bedürftig ist, jedoch entschiedene Anlage zeigt,
sich selbige im Dirigententhume bald zu acquiriren, wird \ebenfalls/ nächstens die
Gmoll sinfonie in den Conc. pop. loslassen. Wunderbar schöne, klare und doch
gesättigte Orchestration! Bravo, bravo Maestro, Maestrone! Wenn ich sie doch bald
einmal wo dirigiren könnte! Adieu es ist 2 Uhr 50 Morgens! [copyright Simon
Kannenberg]