Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Hamburg
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Oktober 1873 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 122
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
auf der Durchreise durch Berlin nach Hamburg las ich in den Zeitungen daß Bilse Abends
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 5, S. 105f.; Kannenberg 2020.

Habe auf der Durchreise durch Berlin nach Hamburg gelesen, dass Bilse die "Lenore" op. 177 zum ersten Mal aufführe, sei geblieben und habe es nicht bereut. Das Werk habe ihn noch mehr gepackt als die Waldsymphonie op. 153, insbesondere die erste Abteilung. Bechstein meinte, dass es für Berlin ein ungeheuerer Erfolg gewesen sei. Habe von den sämtlich anwesenden Kritikern nur Wüerst gesprochen. Dieser ziehe die "Waldsymphonie" vor. Glaube nicht, dass Bilse ein Tempo verfehlt habe. Hofft, dass von den Kritiken nur Dorn nicht rosig sei. Fahre in einer halben Stunde nach London. Empfehlungen an die Frau. Aus Kassel werde Reiss geschrieben haben.

Hamburg, 31 Oct. 73 Verehrter Freund, auf der Durchreise durch Berlin nach Hamburg las ich in den Zeitungen daß Bilse Abends (vorgestern) Deine Lenore zum ersten Male aufführen werde, blieb natürlich und hatte es durchaus nicht zu bereuen. Das Werk selbst hat mich außerordentlich gepackt – mehr noch als die Waldsinfonie, ganz besonders die erste Abtheilung. Die zweite gefiel dem Publikum am meisten es wurde so anhaltend enthusiastisch applaudirt daß ich glaubte es müsse zum Da Capo Rufen explodiren. Nächst dem Marschtempo gefiel das Adagio am meisten – beim ersten Satze war es am stillsten – der letzte dagegen endigte mit dem Hervorruf des Dirigenten. Bechstein sagte mir für Berlin sei es ein ungeheurer Succeß gewesen. Anwesende: über 2000 andächtige Zuhörer – sämmtliche Kritiker Berlins, von denen ich nur Würst sprach. Der zieht nun die Waldsinfonie, für dessen◊1 Finale er merkwürdiger Weise am meisten schwärmt, bei Weitestem vor. Ganz natürlich No 3 hatte er in demselben Lokale einstudiert u. mit großem Erfolge dirigirt, in welchem er jetzt zu seinem uneingestandenen Bedauern nichts mehr zu thun hat. Ferner: die Akustik des Saales ist sehr ungünstig, so daß ich ohne Erinnerung an die Lectüre der Correktur mitunter trotz gespanntesten Horchens nicht ganz klug geworden wäre – außerdem war die Stimmung von Flöten zu den übrigen Holzbläsern sehr bedenklich (nb: die Sinf. „ging“ aus hoch F dur) Dies hindert nicht die vollste Anerkennung der Aufführung selbst auszusprechen, die an Präzision u. Correktheit fast nichts zu wünschen übrig ließ, namentlich in Ib u. II nicht. Bilse, (der vorher die Oberonouvertüre mit seltner Abgeschmacktheit dirigirt hatte,)◊2 hat sich bei Einstudierung der Lenore die ersichtlichste Mühe gegeben und man darf ihm aufrichtig danken. Ich glaube nicht (daß man das nicht wissen kann, davon habe ich Dir leider ein mich immer noch drückendes Exempel in Karlsruhe gegeben) daß er irgend ein Tempo verfehlt hat. Die Soli z. B. Horn im Adagio waren sehr fein – wie die kgl. Kapelle in Berlin es sicher nicht prästirt – Geigen strichen sehr einheitlich. ◊3Summa summarum: ich habe einen großen Genuß gehabt, für den ich Dir hiermit danke – mit mir gewiß viele Hunderte. Es war so ersichtlich als möglich, daß Du in Berlin feststehst als beliebte Autorität, als genialer Meister. Kritiken wirst Du wohl unterdessen gelesen haben: Hoffentlich war nur Dorn nicht rosig. äEntschuldige die Flüchtigkeit dieser Buchstaben – ich fahre in einer halben Stunde direkt nach London – es drängte mich als Ohrenzeuge Dir über die Sache zu berichten – genauer konnte es leider nicht geschehen. Behalte mich in freundlichem Andenken und empfiehl mich Deiner verehrten Frau. In alter Bewunderung u. Treue Dein ergebener HvBülow. Aus Kassel wird Dir Reiss geschrieben haben. Es ging recht sehr gut. å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (31. 10. 1873); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.