Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 10. Oktober 1873 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 121
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
zunächst besten Dank für das so eben richtig erhaltene Exemplar Deiner Wiesbadener Organisten-Sinfonie
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 5, S. 99f.; Kannenberg 2020.

Bedankt sich für das Exemplar der "Wiesbadener Organisten-Sinfonie" op. 153. Werde sie und die Eintragungen auf der Reise nach Zürich gründlich studieren. Ärgert sich darüber, dass Linnemann ihm den Klavierpart vom Konzert op. 185 noch nicht zugestellt habe. Möchte es am 24. [Oktober] in Kassel spielen, am 14. November in London. Bitte den E., dem Verleger zu schreiben. Würde berichten, wenn es Änderungen für Karlsruhe gäbe. Habe die "Noten" des E.s gelesen: "Bravo dem Dirigenten". Wolle die Notizen buchstäblich verfolgen.

München, 10 Okt. 73 Verehrter Freund, zunächst besten Dank für das so eben richtig erhaltene Exemplar Deiner Wiesbadener Organisten-Sinfonie. Werde es mit den ebenfalls sehr dankenswerthen Autorbemerkungen übermorgen auf der Reise nach Zürich gründlich im Coupé studieren, dem einzigen Orte, wo ich drgl. unbelästigt u. ununterbrochen thun kann. Weiter – eine Bitte: die, ädem albernen Kleinkrämerå Lienemann den Kopf zurecht zu setzen. Vor 8 Tagen bitte ich ihn ä(aus Baden)å mir Abzug des Klavierparts von Op. 185 hierher zusenden; habe so viel im Kopfe festzuhalten, mußte darum nothwendig das Werk vor dem Züricher Probieren noch einmal hier in Ruhe durchspielen. L. schickt das Verlangte nicht u. macht ein großes Wesen daraus daß er sichs so viel kosten läßt, mir einen Abzug der Orchesterst. nach Zürich zu senden. Das ist denn doch verkehrte Welt. Vermuthl. treffen die Stimmen (weil er vielleicht einige Porto ersparen will) zu spät in Zürich ein. Muß wenigstens darauf gefaßt sein. Hatte versprochen das Conzert auch am 24sten in Kassel zu spielen; bis dahin will er mir die Stimmen nicht lassen. Ohne nun besonders prätentiös zu sein, will es mir dennoch als factum gelten, daß ich für ihn, den Verleger (nicht für Dich) bessere Propaganda bez. Deines 185 machen kann, als „unberühmtere“ Pianisten. Da ich nun aber in Deutschland diese Saison nicht mehr spielen werde ä(Nov. Dez.=Engl., Jan. Febr=Rußl. März Apr.=Skandinavien)å so u. s. w. u. s. w. Doch habeat sibi. Um Eines muß ich Dich aber dringend ersuchen: am 14 Nov. spiele ich Dein Conzert in London. Da muß schlechterdings das zur Auff. nöthige Material 8 Tage früher eingetroffen sein ä(Lucas et Weber – 84 New Bond Street W)å Du hast mirs versprochen, daß ich damit in keine Verlegenheit gerathen werde. äAlso – u. s. w. Sei nicht böse – auch nicht über diese Schmierage. Meine Landsleute werden mir von Tage zu Tage ekelhafter. Kerle die zu faul, dumm unpraktisch sind, eine Commission auszuführen, prätendiren eine Mission zu haben – kurz das Leben ist für mich in Deutschland unmöglich und ich danke Gott, wenn ich die Gränze über◊1schritten. Eben fällt mir ein daß der Albernste eigentlich ich selber bin mich über solche Lienelumpen zu ärgern – sollte mich freuen daß so geniale u. bedeutende Menschen wie Du auch zu gleicher Zeit so präzis, freundlich hülfreich sein können, wie z. E. gegen mich Du’s immer gewesen u. noch bist. Bitte also um ein paar Zeilen an Deinen Verleger. Über Carlsruhe falls Änderung einträte benachrichtige ich Dich natürlich. Schönste Grüße – in Eile Dein getreuer HvBülow.å Eben einige Deiner „Noten“ gelesen! Bravo dem Dirigenten! Es ist als ob’s Deine Profession wäre, so genial praktisch. Wird buchstäblich befolgt werden! [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (10. 10. 1873); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.