München, 10 Okt. 73 Verehrter Freund, zunächst besten Dank für das so eben richtig
erhaltene Exemplar Deiner Wiesbadener Organisten-Sinfonie. Werde es mit den ebenfalls
sehr dankenswerthen Autorbemerkungen übermorgen auf der Reise nach Zürich gründlich
im Coupé studieren, dem einzigen Orte, wo ich drgl. unbelästigt u. ununterbrochen
thun kann. Weiter – eine Bitte: die, ädem albernen Kleinkrämerå Lienemann den Kopf
zurecht zu setzen. Vor 8 Tagen bitte ich ihn ä(aus Baden)å mir Abzug des Klavierparts
von Op. 185 hierher zusenden; habe so viel im Kopfe festzuhalten, mußte darum
nothwendig das Werk vor dem Züricher Probieren noch einmal hier in Ruhe durchspielen.
L. schickt das Verlangte nicht u. macht ein großes Wesen daraus daß er sichs so viel
kosten läßt, mir einen Abzug der Orchesterst. nach Zürich zu senden. Das ist denn
doch verkehrte Welt. Vermuthl. treffen die Stimmen (weil er vielleicht einige Porto
ersparen will) zu spät in Zürich ein. Muß wenigstens darauf gefaßt sein. Hatte
versprochen das Conzert auch am 24sten in Kassel zu spielen; bis dahin will er mir
die Stimmen nicht lassen. Ohne nun besonders prätentiös zu sein, will es mir dennoch
als factum gelten, daß ich für ihn, den Verleger (nicht für Dich) bessere Propaganda
bez. Deines 185 machen kann, als „unberühmtere“ Pianisten. Da ich nun aber in
Deutschland diese Saison nicht mehr spielen werde ä(Nov. Dez.=Engl., Jan. Febr=Rußl.
März Apr.=Skandinavien)å so u. s. w. u. s. w. Doch habeat sibi. Um Eines muß ich Dich
aber dringend ersuchen: am 14 Nov. spiele ich Dein Conzert in London. Da muß
schlechterdings das zur Auff. nöthige Material 8 Tage früher eingetroffen sein
ä(Lucas et Weber – 84 New Bond Street W)å Du hast mirs versprochen, daß ich damit in
keine Verlegenheit gerathen werde. äAlso – u. s. w. Sei nicht böse – auch nicht über
diese Schmierage. Meine Landsleute werden mir von Tage zu Tage ekelhafter. Kerle die
zu faul, dumm unpraktisch sind, eine Commission auszuführen, prätendiren eine Mission
zu haben – kurz das Leben ist für mich in Deutschland unmöglich und ich danke Gott,
wenn ich die Gränze über◊1schritten. Eben fällt mir ein daß der Albernste eigentlich
ich selber bin mich über solche Lienelumpen zu ärgern – sollte mich freuen daß so
geniale u. bedeutende Menschen wie Du auch zu gleicher Zeit so präzis, freundlich
hülfreich sein können, wie z. E. gegen mich Du’s immer gewesen u. noch bist. Bitte
also um ein paar Zeilen an Deinen Verleger. Über Carlsruhe falls Änderung einträte
benachrichtige ich Dich natürlich. Schönste Grüße – in Eile Dein getreuer HvBülow.å
Eben einige Deiner „Noten“ gelesen! Bravo dem Dirigenten! Es ist als ob’s Deine
Profession wäre, so genial praktisch. Wird buchstäblich befolgt werden! [copyright
Simon Kannenberg]