Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: London
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 3. Mai 1873 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 113
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
Bravo – schön Dank – das heiße ich Wort halten!
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Freut sich auf die Sommerruhe, um das Konzert op. 185 zu studieren und sich ebenso anständig aus der Affaire zu ziehen wie mit dem Bronsartschen. Akzeptiert den Vorschlag, es am 8. August in Wiesbaden zu spielen. Pläne: Besuch in Weimar, um den "Christus" [Liszt] zu hören, dann Baden-Baden. Bezahlte den Spass in Karlsruhe mit einer Grippe. Beklagt sich über das entsetzliche musikalische Geschäftstreiben. Brillante Berichte von "Echo" und "Athenaeum". "Athenaeum". Ärgert sich über die Pest der Landsleute. Habe noch wenig von der Stadt gesehen. Erwartet morgen Hartvigson von seinen russischen Triumphen zurück. Grüsse an Doris und Helene.

London, 3 Mai Abends 35 Great Marlborough Street Regent Str. W. Verehrter Freund, Bravo – schön Dank – das heiße ich Wort halten! Ich freue mich – wie übrigens schon aus vielen andren Gründen – ganz unendlich auf die Sommerruhe, um Dein Conzert ordentlich zu studieren und hoffe mich damit ebenso anständig aus der Affaire zu ziehen, wie mit dem Bronsartschen obgleich das Deinige meiner Finger nicht bedarf, um in Circulation zu kommen. Ich versichere Dir, ein Klavierconzert von Dir wird heute eine Nachfrage finden derart, daß dessen Verleger Dich ob Deiner vermuthl. Genügsamkeit noch gründlicher auslachen kann als Deine sonstigen Verleger. Doch zur Sache. Also: ich acceptire mit Vergnügen die Aussicht, dasselbe in Wiesbaden 8 Aug zu spielen. Die 30 Frd’d or gebühren Dir, dem Autor von Rechts wegen. Glaube mir, ich hätte auch mit der bloßen Ehre gern vorlieb genommen. Pläne: bis Ende Mai (könnte ich doch gleich wieder fort) hier – dann Weimarer Besuch um den Christus anzuhören, den Liszt Anfangs Juni aufführen will – nach dem letzten Takte marschire ich aber auch gleich nach Baden Baden um auszuschnaufen, auszuschlafen. Ich bin entsetzlich nervenangegriffen und spielmüde, obgleich man mirs nicht ansehen soll. Mit einer furchtbaren großh. bad. Grippe ausgestattet (der musikalisch allerdings reüssirte Spaß in Karlsruhe wurde wieder einmal theuer bezahlt) traf ich hier ein – unglücklicherweise zugleich in das scheußlichste Aprilwetter (Schnee, Regen, Stürme, Kälte) das besagte Grippe in vollster Integrität erhält. Keine Möglichkeit mich zu schonen – was ich sehr nöthig hätte – sondern hinein ins Vergnügen oder Geschäft. Nb: Geschäfte mache ich natürlich dießmal hier noch nicht – doch werde ich die Kosten herausschlagen, was nicht wenig besagen will, da ich z. B. für meine wenn auch kalte doch sehr comfortable elegante im Centrum gelegene Wohnung wöchentlich allein 4 Pfund zahlen muß. Entsetzliches Geschäftstreiben musikalisch: verbrecherische Dirigenten, zusammengeflickte handwerkende Orchester, absurde Programme, monströse Säle, in denen ein Broadwood (Mechanik gut – Klang tief unter Bechstein) wie ein Spinett klingt u. s. w. u. s. w. Mit dem Publikum habe ich weit mehr Ursache zufrieden zu sein, als mit mir, der ich nur „halb“ gespielt habe. Ich habe nie einen so kolossalen Empfang erlebt. Versch. Kritiker werden sehr schimpfen – bis jetzt haben die betr. Gottlob noch geschwiegen – Echo u. Athenaeum haben dagegen bereits brillante Berichte über mich losgelassen. Höchst widerwärtig ist die Pest der Landsleute hier wie allerorten (in Paris u. Petersburg, beinahe auch in Florenz haben sie mir seinerzeit schon die Zeit gestohlen, den Humor verdorben.) Von der Stadt noch wenig gesehen, da viel zu Hause, Proben, Besuche, Broadwoodstudien u. s. w. Das Monstrum (jetzt circa 4 Mill.) ist übrigens über alle Vorstellung großartig, imposant, unermeßlich und doch gar nicht unbehaglich. Wenn ich nur die Sprache gelernt hätte! Diese Unterlassung bereue ich sehr. Übrigens sehe ich doch, daß ich ein ächter schwerfälliger Deutscher bin – ich brauche enorm viel Zeit zur Acclimatisation, hielte übrigens diese hier schon für möglich. Hartvigson erwarten wir morgen von seinen russ. Triumphen zurück – er hat dort – in Petersburg und Moskau – enorm gefallen, wird wahrscheinlich dahin übersiedeln. Frau Doris und Frl. Helene geht’s hoffentlich gut? Bitte schönstens zu grüßen. In treuester Ergebenheit Dein HvBülow. Also C moll. Hoffentlich nicht zu viel Oktavenkreuzungen! Bin unendlich begierig. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (3. 5. 1873); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.