London, 3 Mai Abends 35 Great Marlborough Street Regent Str. W. Verehrter Freund,
Bravo – schön Dank – das heiße ich Wort halten! Ich freue mich – wie übrigens schon
aus vielen andren Gründen – ganz unendlich auf die Sommerruhe, um Dein Conzert
ordentlich zu studieren und hoffe mich damit ebenso anständig aus der Affaire zu
ziehen, wie mit dem Bronsartschen obgleich das Deinige meiner Finger nicht bedarf, um
in Circulation zu kommen. Ich versichere Dir, ein Klavierconzert von Dir wird heute
eine Nachfrage finden derart, daß dessen Verleger Dich ob Deiner vermuthl.
Genügsamkeit noch gründlicher auslachen kann als Deine sonstigen Verleger. Doch zur
Sache. Also: ich acceptire mit Vergnügen die Aussicht, dasselbe in Wiesbaden 8 Aug zu
spielen. Die 30 Frd’d or gebühren Dir, dem Autor von Rechts wegen. Glaube mir, ich
hätte auch mit der bloßen Ehre gern vorlieb genommen. Pläne: bis Ende Mai (könnte ich
doch gleich wieder fort) hier – dann Weimarer Besuch um den Christus anzuhören, den
Liszt Anfangs Juni aufführen will – nach dem letzten Takte marschire ich aber auch
gleich nach Baden Baden um auszuschnaufen, auszuschlafen. Ich bin entsetzlich
nervenangegriffen und spielmüde, obgleich man mirs nicht ansehen soll. Mit einer
furchtbaren großh. bad. Grippe ausgestattet (der musikalisch allerdings reüssirte
Spaß in Karlsruhe wurde wieder einmal theuer bezahlt) traf ich hier ein –
unglücklicherweise zugleich in das scheußlichste Aprilwetter (Schnee, Regen, Stürme,
Kälte) das besagte Grippe in vollster Integrität erhält. Keine Möglichkeit mich zu
schonen – was ich sehr nöthig hätte – sondern hinein ins Vergnügen oder Geschäft. Nb:
Geschäfte mache ich natürlich dießmal hier noch nicht – doch werde ich die Kosten
herausschlagen, was nicht wenig besagen will, da ich z. B. für meine wenn auch kalte
doch sehr comfortable elegante im Centrum gelegene Wohnung wöchentlich allein 4 Pfund
zahlen muß. Entsetzliches Geschäftstreiben musikalisch: verbrecherische Dirigenten,
zusammengeflickte handwerkende Orchester, absurde Programme, monströse Säle, in denen
ein Broadwood (Mechanik gut – Klang tief unter Bechstein) wie ein Spinett klingt u.
s. w. u. s. w. Mit dem Publikum habe ich weit mehr Ursache zufrieden zu sein, als mit
mir, der ich nur „halb“ gespielt habe. Ich habe nie einen so kolossalen Empfang
erlebt. Versch. Kritiker werden sehr schimpfen – bis jetzt haben die betr. Gottlob
noch geschwiegen – Echo u. Athenaeum haben dagegen bereits brillante Berichte über
mich losgelassen. Höchst widerwärtig ist die Pest der Landsleute hier wie allerorten
(in Paris u. Petersburg, beinahe auch in Florenz haben sie mir seinerzeit schon die
Zeit gestohlen, den Humor verdorben.) Von der Stadt noch wenig gesehen, da viel zu
Hause, Proben, Besuche, Broadwoodstudien u. s. w. Das Monstrum (jetzt circa 4 Mill.)
ist übrigens über alle Vorstellung großartig, imposant, unermeßlich und doch gar
nicht unbehaglich. Wenn ich nur die Sprache gelernt hätte! Diese Unterlassung bereue
ich sehr. Übrigens sehe ich doch, daß ich ein ächter schwerfälliger Deutscher bin –
ich brauche enorm viel Zeit zur Acclimatisation, hielte übrigens diese hier schon für
möglich. Hartvigson erwarten wir morgen von seinen russ. Triumphen zurück – er hat
dort – in Petersburg und Moskau – enorm gefallen, wird wahrscheinlich dahin
übersiedeln. Frau Doris und Frl. Helene geht’s hoffentlich gut? Bitte schönstens zu
grüßen. In treuester Ergebenheit Dein HvBülow. Also C moll. Hoffentlich nicht zu viel
Oktavenkreuzungen! Bin unendlich begierig. [copyright Simon Kannenberg]