Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 6. August 1869 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 99
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
Dein Schreiben kann ich kaum lesen, geschweige beantworten.
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, S. 305–307; Kannenberg 2020.

Gehe acht Tage ins Gebirge, um sich körperlich zu kräftigen, um danach die letzten Abschiedsverfügungen von München zu treffen. Gehe im Sommer mit seiner Mutter nach Florenz. Vorher müsse die Ehescheidung vollbracht werden. Möchte die Sache in Wiesbaden betreiben. Sei ein ruinierter Mensch. "Rheingold" unter Richters Leitung. Wolle sich bei Seyfried Rat holen.

Verehrter freund, äDein Schreiben kann ich kaum lesen, geschweige beantworten. Warum – wirst Du ungefähr aus der nachfolgenden authentischen Notiz über meine Situation ersehen. Ich gehe morgen auf 8 Tage ins Gebirge um mich körperlich insoweit zu kräftigen, daß ich im Stande bin, meine letzten Abschiedsverfügungen von München zu treffen, z. b. Möbelverkauf, Kleider u. Bücherverpackung. Ruhe und Erholung sind leider noch nicht an der Zeit – die finde ich erst ausserhalb Deutschlands – im October zu Florenz, wohin ich mit meiner Mutter gehe. Vorher habe ich eine schwere aber unabweisbar nothwendige Sache zu vollbringen: meine Ehescheidung. Wenn es irgend möglich ist, betreibe ich die Sache in Wiesbaden – es wäre mir entsetzlich, desshalb nach Berlin zu reisen – gehts aber nicht anders, so muß natürlich auch in diesen bittren Apfel gebissen werden. Bevor ich jene schlimme Sache – hoffentlich auf convenablem, glatten Wege – erledigt habe – gibt’s keine Existenz resp. Reconvalescenz-Möglichkeit für mich.å Unter diesen Umständen wirst Du und Deine verehrte Frau wenig Freude am Wiedersehen Eures langjährigen Sommergastes empfinden. Ich bin halt ein ruinirter Mensch. Ob die Ruine als Grundlage zu einem Neubau taugt – ist eine Frage, über welche die Zukunft allein entscheiden kann. Nicht aus Anhänglichkeit am Leben oder Vertrauen in ein besseres Später – sondern – gestehe ich’s nur offen ein – aus Mangel an physischer Courage habe ich mich nicht zum Hinunterschlucken irgend eines passenden „braunen Saftes“ entschliessen können. Details kann ich Dir schriftlich nicht geben. — Rheingold am 29 August statt 25. unter Richters Leitung. Für die Sache geht übrigens durch meinen Abgang nichts verloren – sie ist im besten Gange – die fünf Prüfungsconzerte (sie haben mich äübrigenså vollends „fertig gemacht“) waren eminent glänzend – namentlich auch Compositionsfach. u. s. w. — Nach Tisch befand ich mich etwas wohler und vermochte Deinen Brief zu lesen. Es hat mich herzlich gefreut zu ersehen daß Du guter Laune bist, daß Deine Thätigkeit prosperirt und Dein und Deiner Lieben Gesundheitszustand ein ganz befriedigender ist. Ich fürchte nur, daß das Erscheinen eines so durch und durch kranken Menschen wie ich jetzt bin in solchem Kreise einen sehr unbehaglichen Eindruck machen werde. Es wäre mir fatal, wenn ich an freundschaftliche Nachsicht appeliren müßte – ich bliebe dann lieber ganz weg. Vielleicht kräftige ich mich in den nächsten Tagen ein wenig und diesesfalls würde ich dann gegen den 18 in Wiesbaden eintreffen, sei es als Passant, wenn mich mein Vorhaben nach Berlin zwingt, oder auch als mehrwöchentlicher „Fremder“ wenn – ich will mir jedenfalls bei dem vortrefflichen Seyfried Raths erholen – meine Angelegenheiten von Wiesbaden aus zu Ende dirigirt werden könnten. äIch berichte hierüber – nämlich über das Eintreffen – nach meiner Rückkehr also etwa übernächste Woche – vielleicht früher. Einstweilen bitte ich Dich um „stille Theilnahme“ auch insoweit, daß Du Dich meinetwegen nicht weiter beunruhigst.å Ich habe so viel des Abscheulichen ertragen, daß es möglich ist, ich arbeite mich noch durch den Rest durch. äMit vielen freundschaftlichen Grüssen Dein treuergebner München, 6 August 1869 HvBülow. a. D.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (6. 8. 1869); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 21. 4 2026.