Verehrter freund, äDein Schreiben kann ich kaum lesen, geschweige beantworten. Warum
– wirst Du ungefähr aus der nachfolgenden authentischen Notiz über meine Situation
ersehen. Ich gehe morgen auf 8 Tage ins Gebirge um mich körperlich insoweit zu
kräftigen, daß ich im Stande bin, meine letzten Abschiedsverfügungen von München zu
treffen, z. b. Möbelverkauf, Kleider u. Bücherverpackung. Ruhe und Erholung sind
leider noch nicht an der Zeit – die finde ich erst ausserhalb Deutschlands – im
October zu Florenz, wohin ich mit meiner Mutter gehe. Vorher habe ich eine schwere
aber unabweisbar nothwendige Sache zu vollbringen: meine Ehescheidung. Wenn es irgend
möglich ist, betreibe ich die Sache in Wiesbaden – es wäre mir entsetzlich, desshalb
nach Berlin zu reisen – gehts aber nicht anders, so muß natürlich auch in diesen
bittren Apfel gebissen werden. Bevor ich jene schlimme Sache – hoffentlich auf
convenablem, glatten Wege – erledigt habe – gibt’s keine Existenz resp.
Reconvalescenz-Möglichkeit für mich.å Unter diesen Umständen wirst Du und Deine
verehrte Frau wenig Freude am Wiedersehen Eures langjährigen Sommergastes empfinden.
Ich bin halt ein ruinirter Mensch. Ob die Ruine als Grundlage zu einem Neubau taugt –
ist eine Frage, über welche die Zukunft allein entscheiden kann. Nicht aus
Anhänglichkeit am Leben oder Vertrauen in ein besseres Später – sondern – gestehe
ich’s nur offen ein – aus Mangel an physischer Courage habe ich mich nicht zum
Hinunterschlucken irgend eines passenden „braunen Saftes“ entschliessen können.
Details kann ich Dir schriftlich nicht geben. — Rheingold am 29 August statt 25.
unter Richters Leitung. Für die Sache geht übrigens durch meinen Abgang nichts
verloren – sie ist im besten Gange – die fünf Prüfungsconzerte (sie haben mich
äübrigenså vollends „fertig gemacht“) waren eminent glänzend – namentlich auch
Compositionsfach. u. s. w. — Nach Tisch befand ich mich etwas wohler und vermochte
Deinen Brief zu lesen. Es hat mich herzlich gefreut zu ersehen daß Du guter Laune
bist, daß Deine Thätigkeit prosperirt und Dein und Deiner Lieben Gesundheitszustand
ein ganz befriedigender ist. Ich fürchte nur, daß das Erscheinen eines so durch und
durch kranken Menschen wie ich jetzt bin in solchem Kreise einen sehr unbehaglichen
Eindruck machen werde. Es wäre mir fatal, wenn ich an freundschaftliche Nachsicht
appeliren müßte – ich bliebe dann lieber ganz weg. Vielleicht kräftige ich mich in
den nächsten Tagen ein wenig und diesesfalls würde ich dann gegen den 18 in Wiesbaden
eintreffen, sei es als Passant, wenn mich mein Vorhaben nach Berlin zwingt, oder auch
als mehrwöchentlicher „Fremder“ wenn – ich will mir jedenfalls bei dem vortrefflichen
Seyfried Raths erholen – meine Angelegenheiten von Wiesbaden aus zu Ende dirigirt
werden könnten. äIch berichte hierüber – nämlich über das Eintreffen – nach meiner
Rückkehr also etwa übernächste Woche – vielleicht früher. Einstweilen bitte ich Dich
um „stille Theilnahme“ auch insoweit, daß Du Dich meinetwegen nicht weiter
beunruhigst.å Ich habe so viel des Abscheulichen ertragen, daß es möglich ist, ich
arbeite mich noch durch den Rest durch. äMit vielen freundschaftlichen Grüssen Dein
treuergebner München, 6 August 1869 HvBülow. a. D.å [copyright Simon Kannenberg]