Verehrter freund ähätte ich nicht heute Morgen meine Mama auf den Bahnhof gebracht –
übermorgen siehst Du sie in Wiesbaden – mit andren Worten – wäre ich nicht
extraordinär früh aufgestanden – ich wüsste nicht, ob ich einen freien Augenblick
finden würde, Dir in Ermangelung der Muße zu einer anständigen Antwort darauf,
wenigstens für Deinen letzten Brief zu danken.å IV Kammermusiksoirée mußte erstlich
wegen Krankheit des Bratschisten dann wegen 8tägigen Unwohlseins Schreibers
(Nicht-Mignon) verschoben werden. Schönes Wetter that gestern dem Besuch viel
Abbruch. Dein Quintett ging aber sehr schön (wir hatten gehörig probirt) und gefiel
ganz ungeheuer. Du bist hier unter allen Musikern u. gebildeten Musikfreunden
populär. Rubinstein’s Quartett fiel dagegen durch – trotz der durch Wagners Broschüre
erwachten Sympathie für Judenmusik. Kann nicht umhin, daß Dein Quintett wie Dein
bestes so das bedeutendste Werk im Gebiete der Kammermusik seit Beethoven ist,
nochmals aus vollster Überzeugung zu erklären. Stimmen (Part. ditto) von Deiner II
Sinfonie sind gekauft und doublirt – aber ich kann sie leider jetzt nicht aufführen.
Nach der Lachnerei habe ich die Direktion der übrigen 2 Conzerte an Musikdir. Meyer
cedirt. Perfall äintriguirt übrigens fleissig – erå will seinem Dutzbruder Wüllner
die Leitung des ganzen Conzertwesens zuschanzen – er hat ferner (ihm steht die
Anberaumung der Daten zu) die beiden letzten Conzerte so rasch auf einander
ordonnirt, daß keine Zeit zu gehörigen Proben vorhanden. – Wenn ichs vermag, lege ich
übrigens dem angehenden Dingelsedt◊1 No 2 ä(dem Charakter, nicht der Intelligenz und
dem „Schneid“ nach) viâ Luzern-kgl. Residenz å das Handwerk – wo nicht thunlich,
reiche ich meine Entlaßung ein – doch werde ich mich keiner Übereilung schuldig
machen. Eben bringt Postbote Brief v. Liszt, äder heute nach Pesth reist, wo am 22 u.
26 Conzerte unter Erkels Dir. zu seiner Fêtirung stattfinden. Darauf reist er direkt
nach Rom zurück. – Nächsten Samstags spiele ich Regensburg zu Gunsten des
Peterspfennigs. Dieses „Attentat“ war ursprünglich ebenfalls zu Ehren von Liszts (nun
abgesagter) Dahinkunft angesetzt – muß aber, da Vorbereitungen zu weit gediehen sind,
dennoch statthaben. Mama wird Dir im Übrigen Mancherlei erzählen, wenn Du Genaueres
wißen magst. Erfreuliches ist im Allgemeinen u. Besonderen nicht viel zu melden.
Hoffentlich geht’s Dir vortrefflich und Deine verehrte Frau, der ich mich herzlich
freundschaftlichst zu empfehlen bitte, läßt Dich nicht bis zum Krank-Arbeiten am
Schreibpulte sitzen. Schönen Gruss auch der Zimmer-Lene. München Dein treuergebner 13
April 1869 HvBülow.å ◊2Eine Bitte: Bedanke Dich nicht mehr, wenn ich was von Dir –
nicht aus Gefälligkeit – hier aufführe! [copyright Simon Kannenberg]