Verehrter freund, herzlichen Dank für Deine freundl. Theilnahme – aber Du mußt sie
mir schon für ein ander Mal reservieren – warum – sagt die Beilage. Hast also gestern
an mich gedacht – Kreuzung! Deine Sonate ist famos gespielt worden, wirklich perfect
und hat nicht blos sehr, nein ganz enorm gefallen, wahrhaft gezündet. Im
Palmsonntagconzert mache ich die mir gewidmete Ouvertüre – wie soll ich sie betiteln?
„Zu einem Drama aus dem 30jährigen“ – ist etwas zu langstielig. Hoffe, die 2te
Sinfonie noch in diesem Cyclus herauszukriegen. æBin leider noch nicht ganz Herr im
Hause und von allerlei Zufällen, Vorfällen, Perfällen abhängig.ç In der 4ten
Kammermusiksoirée spiele ich Dein Quintett. War in Wien, d. h. 3 Nächte und 2 Tage
von M. abwesend. Am 9. Soirée bei Baron Sina (Millioneser40)◊1 der fürstlich bezahlt
hat (600 fl.) Mehr Musiker gesehen als mein Bedürfniß war. Übrigens jetzt nicht
gerade überangestrengt. Hätte mehr arbeiten können. Beethoven-Ausgabe stockt ein
wenig. Ende Mai auf Kgl. Befehl Tristan u. Isolde mit Herrn u. Frau Vogl (Nothbehelf
= Notenbehelf) Kämst Du? Liszt trifft 25 d. in Wien ein. Zwischen 16 u. 20 April hält
er sich in Regensburg auf, wo ich ihm zu begegnen gedenke und zum Besten des – – –
Peterspfennig Klavierhämmern werde. Hm? Wenn Du vielleicht so freundlich sein
möchtest, Frl. A. vM. ein Exemplar meiner Meistersingerquintettparaphrase zu geben?
Bin zu schreibfaul; desshalb sende ich das Stück nicht von hier aus, da ich es mit
einem aimablen Begleitbillet ausstatten müßte. Sage dem lieben Backfisch, ich würde
später noch einige andere Paraphrasen hinzuarbeiten, selbige ihr gleichfalls widmen
und dann den Complex schön dedicationsmäßig eingebunden und goldbeschnitten
feierlichst – in persona – überreichen. Wie gehts Deiner Frau Gemahlin? Bitte
verehrungsvollen Gruss auszurichten. Was macht Zimmerlenchen? Endlich und zuvörderst
wie steht’s mit Deiner Gesundheit? Und wie schonst Du gefälligst Dich selber? Von Dir
Schonungsvorschriften annehmen – unjeheuer lächerbar! Nimm die Kürze und dennochige
Unkurzweiligkeit dieser Buchstaben nicht übel! Hanslick wer mehr thut als er kann!
Nb. Hiller wohnt mit Brahms u. Stockhausen zusammen in einem Wiener Vorstadthotel.
Oberbürgerm. Schott soll, wie ich gestern im Cabinet erfahren, durch R W ’s
Protection knopflochgeflickt werden. Somit hätte Betty geb. v. Braunrasch jetzt Ruhe
und wird Frau Doris bei der nächsten Tuchumschlägerei nicht mit feinen Anspielungen
mehr belästigen. Nun sollte der – – – – aber auch seine Schuld an Tausig abtragen.
Doch wohin verliere ich mich? Leb wohl, theurer Freund! Dein stets ergebener München,
13 März 1869 Bülow. ◊2Kannst Du nicht die Grandaurschen Propyläen protegiren? Haben
übrigens bereits 1400 Abonnenten und sind wirklich recht „gediegen“ im anständigen
Wortsinne. [copyright Simon Kannenberg]