Verehrter freund! Nimm doch ja nicht den von mir verprobten Weg! Aussteigen in
Darmstadt, in Heidelberg, in Bruchsal, in Stuttgart! Mit Handgepäck sehr fatal! Auch
hier ist das Wetter prachtvoll aber das Wetter war’s ja nicht allein, das mir
Wiesbaden so sehr avignonisirte! Vor Allem vermiße ich die süsse Gewohnheit des
freundlichen Daseins. Und die Lebhaftigkeit dieses Vermissens ruft mir um so
lebhafter die angenehmen Tage zurück, welche ich Deiner und Deiner verehrten Frau
unendlicher Liebenswürdigkeit seit drei Wochen verdanke. Also nochmals herzlichen
Händedruck und Handkuss dafür. Eure Pflege ist mir so wohl bekommen, daß die gestern
begegneten Hofmusiker und Mimen mir zu meinem Fettansatz gratulirt haben! Werde schon
wieder einhagern! Hofbräu will mir nicht schmecken, Anna kann mir kein Rindfleisch zu
Danke kochen und die Leute, die mich ansprechen, muß ich angähnen! Sonntag Hugenotten
– ausserdem Meistersingerproben mit Sigl (Beckmesser) – den Hans Sachs (Kindermann )
überlaße ich Richter einzustudiren, deßen Ernennung zum Hofmusikdirektor gestern
erfolgt ist. Meistersinger sind nun vorläufig auf 4 Oct. angesetzt. Kämst Du dazu?
Der Gedanke daran gibt mir schon jetzt eine wohlthätige Erfrischung ähnlich wie sie
aus Cornelius Wesen sprach, der mich auf dem Bahnhofe abholte. Hoffnungen sind eine
Mast – vielleicht nicht für Kapaunen aber – wir sind, ich denke es wenigstens, auch
keine Kapaunen. Theaterrepertoire nicht eben anlockend. König und Bauer von Halm
neulich leider durchgefallen. äMaske für Maske ist angenommen. Frl. Klein (erste
Liebhaberin – neu) langweilig befunden. Jenke empfiehlt sich Deiner Frau Gemahlin.
Ein Anderer würde ihn nicht empfehlen, nämlich ein Anderer als er selbst.å
Durchreisende Fremde verlangen Wagnersche Opern und sind sehr verdutzt, daß Alles
Mögliche Andere hier gegeben wird. äWilliam Steinway hier – hat mich verfehlt. å Am
23. Jessonda für die Kaiserin von Russland. Heirath scheint doch im Werke. äSiehst Du
Russland? Hofphotograph Albert, mit dem ich die Reise gemacht, bietet seine Wohnung
für 1500 fl (früher mußten Mischloschwitzens 2000 zahlen) an und würde eventuell
ungeheuren Salon umbauen laßen, nämlich theilen. Dieser quasi-Auftrag entspringt
nicht aus Frivolität oder Spieltrostbedürfniss!å Aus Baden höre ich viel
Scheussliches über Eckert’s Dirigentengenie. Pohl soll sich jetzt als „Pollini“
geriren, als Entrepreneur. Hast Du was davon gehört? Wäre nicht unmöglich, aber sehr
komisch. äEmpfiehl mich doch Barth, ich bitte. War oft auf dem Punkte ihn zu
besuchen. Ergebenste Grüsse an die Cousine Marie, nicht Mariechen.å Cornelius
überworfen mit Paul. Als er den infamen Artikel von Laube in derselben Tonhalle
gelesen, wo der Anfang seines Mscrpts abgedruckt, hat er dieses zurückgefordert und
dem Redakteur unverblümt einen Lumpen an die Nase geworfen. Laube’s Aufsatz ist
nichts weiter als die Rache für Nichtanstellung als Intendant, worauf er brannte. Wir
haben Briefe, die das erläutern. Übrigens gebe ich Cornelius Unrecht – Kratzbürstchen
wäre sammtner gewesen. Doch genug des vorklavierlectionmäßigen Geschwätzes. Seid
(Styl Maximilian ) nochmals herzlich bedankt in allen Ton- und Taktarten äund
behaltet in freundlichem, bald zu renovirendem Andenken Euren treuergebenen München,
11 Sept. 1868 Bülow. Schönen Gruss an Lene. å [copyright Simon Kannenberg]