Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 11. September 1868 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 89
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Nimm doch ja nicht den von mir verprobten Weg!
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, 102, S. 248–250; Kannenberg 2020.

Berichtet von Rückreise. Dankt dem E. und dessen Frau für die angenehmen Tage. Mag kein Hofbräu mehr und Anna könne kein Rindfleisch mehr zu Danke kochen. Für Sonntag "Hugenotten" mit Sigl und Kindermann überlasse er die Einstudierung Richter, der Hofmusikdirektor geworden sei. "Meistersinger" sei auf den 4. Oktober angesetzt. Aus dem Wesen von Cornelius habe wohltätige Erfrischung gesprochen. "König und Bauer" von Halm sei leider durchgefallen, "Maske für Maske" [Scholz] wurde angenommen. Frl. Klein sei für langweilig befunden worden. Jenke empfehle sich der Gattin des E.s. William Steinway habe ihn verfehlt. Am 23. "Jessonda" für die Kaiserin von Russland. Albert biete seine Wohnung an. Höre viel Scheussliches aus Baden über das Dirigentengenie von Eckert. Pohl soll sich als Entrepreneur gerieren. Bittet um Empfehlungen bei Barth. Grüsse an Cousine Marie. Cornelius habe sich mit Paul überworfen, nachdem Cornelius den infamen Artikel von Laube in der "Tonhalle" gelesen habe.

Verehrter freund! Nimm doch ja nicht den von mir verprobten Weg! Aussteigen in Darmstadt, in Heidelberg, in Bruchsal, in Stuttgart! Mit Handgepäck sehr fatal! Auch hier ist das Wetter prachtvoll aber das Wetter war’s ja nicht allein, das mir Wiesbaden so sehr avignonisirte! Vor Allem vermiße ich die süsse Gewohnheit des freundlichen Daseins. Und die Lebhaftigkeit dieses Vermissens ruft mir um so lebhafter die angenehmen Tage zurück, welche ich Deiner und Deiner verehrten Frau unendlicher Liebenswürdigkeit seit drei Wochen verdanke. Also nochmals herzlichen Händedruck und Handkuss dafür. Eure Pflege ist mir so wohl bekommen, daß die gestern begegneten Hofmusiker und Mimen mir zu meinem Fettansatz gratulirt haben! Werde schon wieder einhagern! Hofbräu will mir nicht schmecken, Anna kann mir kein Rindfleisch zu Danke kochen und die Leute, die mich ansprechen, muß ich angähnen! Sonntag Hugenotten – ausserdem Meistersingerproben mit Sigl (Beckmesser) – den Hans Sachs (Kindermann ) überlaße ich Richter einzustudiren, deßen Ernennung zum Hofmusikdirektor gestern erfolgt ist. Meistersinger sind nun vorläufig auf 4 Oct. angesetzt. Kämst Du dazu? Der Gedanke daran gibt mir schon jetzt eine wohlthätige Erfrischung ähnlich wie sie aus Cornelius Wesen sprach, der mich auf dem Bahnhofe abholte. Hoffnungen sind eine Mast – vielleicht nicht für Kapaunen aber – wir sind, ich denke es wenigstens, auch keine Kapaunen. Theaterrepertoire nicht eben anlockend. König und Bauer von Halm neulich leider durchgefallen. äMaske für Maske ist angenommen. Frl. Klein (erste Liebhaberin – neu) langweilig befunden. Jenke empfiehlt sich Deiner Frau Gemahlin. Ein Anderer würde ihn nicht empfehlen, nämlich ein Anderer als er selbst.å Durchreisende Fremde verlangen Wagnersche Opern und sind sehr verdutzt, daß Alles Mögliche Andere hier gegeben wird. äWilliam Steinway hier – hat mich verfehlt. å Am 23. Jessonda für die Kaiserin von Russland. Heirath scheint doch im Werke. äSiehst Du Russland? Hofphotograph Albert, mit dem ich die Reise gemacht, bietet seine Wohnung für 1500 fl (früher mußten Mischloschwitzens 2000 zahlen) an und würde eventuell ungeheuren Salon umbauen laßen, nämlich theilen. Dieser quasi-Auftrag entspringt nicht aus Frivolität oder Spieltrostbedürfniss!å Aus Baden höre ich viel Scheussliches über Eckert’s Dirigentengenie. Pohl soll sich jetzt als „Pollini“ geriren, als Entrepreneur. Hast Du was davon gehört? Wäre nicht unmöglich, aber sehr komisch. äEmpfiehl mich doch Barth, ich bitte. War oft auf dem Punkte ihn zu besuchen. Ergebenste Grüsse an die Cousine Marie, nicht Mariechen.å Cornelius überworfen mit Paul. Als er den infamen Artikel von Laube in derselben Tonhalle gelesen, wo der Anfang seines Mscrpts abgedruckt, hat er dieses zurückgefordert und dem Redakteur unverblümt einen Lumpen an die Nase geworfen. Laube’s Aufsatz ist nichts weiter als die Rache für Nichtanstellung als Intendant, worauf er brannte. Wir haben Briefe, die das erläutern. Übrigens gebe ich Cornelius Unrecht – Kratzbürstchen wäre sammtner gewesen. Doch genug des vorklavierlectionmäßigen Geschwätzes. Seid (Styl Maximilian ) nochmals herzlich bedankt in allen Ton- und Taktarten äund behaltet in freundlichem, bald zu renovirendem Andenken Euren treuergebenen München, 11 Sept. 1868 Bülow. Schönen Gruss an Lene. å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (11. 9. 1868); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.