Verehrter freund! Einer meiner neuesten aber talentvollsten und tüchtigsten Schüler,
der den Winter bei mir in Basel studirt hat und auch schon mit anständigem Erfolge
öffentlich aufgetreten ist, bittet mich inständigst, ihn Dir vorzustellen: er ist ein
ebenso intelligenter als warmer Verehrer Deiner Werke. Herr Julius Levin heisst zwar
Levin ist aber ein so ernster und gescheidter, dabei bescheidener, allseitig
gebildeter und es dennoch gar nicht nöthig habender junger Mann, daß ich es wagen
darf, seine Bitte erfüllend, Dich um freundliche Aufnahme seines gewiß discreten
Besuches zu bitten. Deiner Frau Schwägerin ist er durch seine Schwester die bei
Deinem seligen Schwiegervater viel im Hause ein- und ausging persönlich wohlbekannt.
Der arme Mensch hat vor Kurzem nach schwerer Krankheit seine Mutter verloren und hält
sich mit seinem Vater zur physischen und psychischen Kur auf der Dietenmühle auf. Wie
geht es Dir? Ich habe bis 1 August rasend zu arbeiten. Ich dirigire Trovatore, Tell,
Heiling, Egmontsmusik und werde dadurch heillos populär – Tannhäuser kommt
wahrscheinlich erst am 24 d. heraus – dann Wiederholung davon, zum Schluße dritte
Lohengrinvorstellung. Hierauf endlich meine dringend nothwendige Kur in St. Moritz. –
Conservatorium am 15 Oct. bestimmt eröffnet. Administrative Direction: Baron v.
Perfall – artistische: Dein treuer Herzliche Grüsse von Haus zu Haus. HvBülow. In
großer Eile. [copyright Simon Kannenberg]