Verehrter freund, trotz meiner heutigen (wie übrigens auch gestrigen und morgigen)
Hundsmüdigkeit mag ich mich nicht zur Ruhe begeben, bevor ich Dir ein Wort auf Dein
diesen Abend vorgefundenes Schreiben erwidert. – Wie heisst? Warum hat ein
„unbefangener Verkehr“ zwischen uns sein Ende erreicht? Hast Du der gesammten
Kapellmeisterzunft Antipathie geschworen, und nun auch mir, dem Du die zweifelhafte
Ehre erweisest, ihn jener Kategorie von nun an einzureihen? Ich verstehe Dich nicht.
Mein Bonapartismus mißfällt Dir? Nun, der ist ja ziemlich alten Datums, älteren,
möchte ich sagen, als meine Abneigung gegen sogen. „deutsches“ Wesen (sobald es sich
nämlich um deßen Erscheinungen in der Realität handelt). Vermeinst Du, ich werde
meine neue Stellung zur Erstrebung einer Autokratie benutzen wollen, welche die
„neudeutsche Richtung“ (Gott – welcher Blödsinn) in exclusiver Weise hier zu Lande
inthronisiren würde? Doch nein – dazu kennst Du mich ja viel zu gut. So weit es mit
meinen schwachen Kräften angehen will, werde ich Ordnung und Gerechtigkeit in dem
kleinen Kanton der musikalischen Republik, welchen ich bewohne, zu etabliren suchen.
Also praktisch angewandten Bonapartismus: Ignoriren, ev. Bekriegen der „alten
Partheien“. Wozu hätte ich mir denn meine allgemein anerkannte Objectivität auf
Kosten einer vielleicht doch nicht „ganz verwerflichen“ Subjectivität errungen? Doch
zu was diese Redensarten! Glaube mir, Künstler, wie Du, sollen meinem Wirken mit
Vergnügen zusehen. Ihr (wie viele gibt’s übrigens noch neben Dir?) werdet mit mir
zufrieden sein. Also – bitte um Fortsetzung unbefangenen Verkehrs und Zurücknahme
eines bis dato sehr befremdlichen weil noch gänzlich ungerechtfertigten
Mißtrauensvotums. Oder habe ich den Sinn Deiner Worte falsch gedeutet? — Lohengrin
kommt am 10 Juni zur Aufführung. Ich habe rasende Arbeit. In der letzten Woche will
mir zwar Wagner helfen, der heute früh nach Starnberg excursirt hat nachdem er –
leider krank – acht Tage bei uns in M. zugebracht. Aber die Vorbereitungen mit Soli,
Chören, Orchester u. s. w. (auch Regie habe ich treiben müßen und mich ziemlich rasch
hineingefunden) waren und sind noch heillos anstrengend. „Defessus sum“. Welch
lüderliche Wirthschaft ist hier eingerissen! Welche Mühe kostet es aufzuräumen und
welches „odium“ muß ich nicht gleich auf mich laden! KM Jahn scheint die
Elisabeth-Aufführung sehr nachsichtig beurtheilt zu haben – ich war wenig erbaut vom
Orchester, namentlich empört von der Anarchie im Streichquintett. Doch genug von
Mêtier. äWenn wir einmal ein paar ordentliche Leistungen zuwege gebracht, dann
gestatte daß ich Dich davon avertire – aus freundschaftlichem Mittheilungsbedürfniß.
Mit dem Conservatoriumsärger kann ich mich zur Zeit noch nicht befaßen. Vor der Hand
ist die Kapellmeisterei das Wichtigste. Ich denke übrigens mich keineswegs
ausschliesslich mit Wagner’s Werken zu befassen: Vestalin, Euryanthe u. drgl. will
ich mit Nächstem zur Wiederaufführung bringen, wenn’s irgend angeht auch Cornelii
Cid. Die Klavierlehrerei geht übrigens ebenfalls weiter fort. Ein halb Dutzend Männ-
u. Fräulein gehen zur Zeit bei mir in die Lehre.å Tausend Dank für Deine gütige
Protection der Cäsar-Ouvertüre. Du hast sie nicht wieder erkannt? Ich nehme das als
ein Compliment an. Der „kriegerische Triumphmarsch“ ist übrigens weniger gefährlich –
in Basel hat er furore gemacht. Mein Dedicationssold – ein Exemplar des Buches mit
Autogramm des erhabenen Autors – ist noch nicht eingetroffen. Drei Streichquartette!
Ist das erhört? Mir schwindelt wenn ich von Deiner Productivität vernehme und ich
kann mich der Furcht nicht entschlagen, als ob Du Deinen Selbstverbrennungsprozess
gar zu sehr beschleunigtest, Dein Hirn aufriebest! Auf die Symphonie freue ich mich
ungemein. Wagner hat kein Exemplar von seinem Huldigungsmarsch d. h. weder sein
Originalmscrpt noch eine Copie. Ersteres behauptet er vor Langem an Schotts expedirt
zu haben, die es vermuthlich „verlegt“ hätten. Die paar Seiten Skizze von seiner
Übertragung für Civil-Orchester – er verlor bald die Lust dazu – sende ich Dir heute
mit dieser Zeile. Dein Briefpapier ist wunderschön – dagegen fliesst das meinige, wie
ich eben zu meinem Schrecken sehe. Im Übrigen sehe ich wenig mehr – die Augen fallen
mir vor Müdigkeit zu. „Der letzten Tage Last und Hitze◊1 war groß.“ Herzliche Grüsse
von meiner Frau und dringende Bitte meinerseits um baldige Beruhigung über Deine
unheimlichen Worte ävon Deinem unwandelbar treuergebenen HvBülow. — ◊2Aus Rom seit
Monaten unbegreifliches Schweigen. Wir wissen nicht was davon zu denken, können nur
nach Zeitungsnotizen vermuthen, daß Abreise nach Pesth schon erfolgt ist. å
[Copyright Simon Kannenberg]