Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Mai 1867 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 78
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
trotz meiner heutigen (wie übrigens auch gestrigen und morgigen) Hundsmüdigkeit mag
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, 72, S. 183–186; Kannenberg 2020.

Fragt, warum der "unbefangene Verkehr" zwischen dem E. und ihm ein Ende erreicht habe. Fragt, ob der E. auch ihm wie der gesamten Kapellmeisterzunft Antipathie geschworen habe. Bittet um Zurücknahme des "ungerechtfertigten Misstrauensvotums". Berichtet von der anstehenden Aufführung von "Lohengrin" - Wagner sei krank gewesen. Könne sich noch nicht mit dem Konservatoriumsärger befassen. Wolle auch die "Vestalin" [Spontini], "Euryanthe" [Weber] u. a., wenn möglich auch "El Cid" von Cornelius aufführen. Gebe einem Halbdutzend Schülern und Schülerinnen Unterricht. Bedankt sich für Protektion der "Cäsar"-Ouvertüre. Der "kriegerische Triumphmarsch" habe in Basel Furore gemacht. Der Dedikationssold mit Autogramm des erhabenen Autors sei noch nicht eingetroffen. Verspüre nach der Ankündigung des E.s, das dieser drei Streichquartette [op. 136, op. 137, op. 138] geschrieben habe, Schwindel. Freue sich ungemein auf die Symphonie op. 140. Wagner habe kein Exemplar des "Huldigungsmarsches" [WoO 34A] erhalten. Dieser behaupte, das Originalmanuskript längst an Schotts expediert zu haben. Legt Skizzen von dessen Übertragung für "Civil-Orchester" bei. Grüsse von seiner Frau. Keine Neuigkeiten aus Rom [von Liszt], vermuthe, dass die Abreise nach Pesth erfolgt sei.

Verehrter freund, trotz meiner heutigen (wie übrigens auch gestrigen und morgigen) Hundsmüdigkeit mag ich mich nicht zur Ruhe begeben, bevor ich Dir ein Wort auf Dein diesen Abend vorgefundenes Schreiben erwidert. – Wie heisst? Warum hat ein „unbefangener Verkehr“ zwischen uns sein Ende erreicht? Hast Du der gesammten Kapellmeisterzunft Antipathie geschworen, und nun auch mir, dem Du die zweifelhafte Ehre erweisest, ihn jener Kategorie von nun an einzureihen? Ich verstehe Dich nicht. Mein Bonapartismus mißfällt Dir? Nun, der ist ja ziemlich alten Datums, älteren, möchte ich sagen, als meine Abneigung gegen sogen. „deutsches“ Wesen (sobald es sich nämlich um deßen Erscheinungen in der Realität handelt). Vermeinst Du, ich werde meine neue Stellung zur Erstrebung einer Autokratie benutzen wollen, welche die „neudeutsche Richtung“ (Gott – welcher Blödsinn) in exclusiver Weise hier zu Lande inthronisiren würde? Doch nein – dazu kennst Du mich ja viel zu gut. So weit es mit meinen schwachen Kräften angehen will, werde ich Ordnung und Gerechtigkeit in dem kleinen Kanton der musikalischen Republik, welchen ich bewohne, zu etabliren suchen. Also praktisch angewandten Bonapartismus: Ignoriren, ev. Bekriegen der „alten Partheien“. Wozu hätte ich mir denn meine allgemein anerkannte Objectivität auf Kosten einer vielleicht doch nicht „ganz verwerflichen“ Subjectivität errungen? Doch zu was diese Redensarten! Glaube mir, Künstler, wie Du, sollen meinem Wirken mit Vergnügen zusehen. Ihr (wie viele gibt’s übrigens noch neben Dir?) werdet mit mir zufrieden sein. Also – bitte um Fortsetzung unbefangenen Verkehrs und Zurücknahme eines bis dato sehr befremdlichen weil noch gänzlich ungerechtfertigten Mißtrauensvotums. Oder habe ich den Sinn Deiner Worte falsch gedeutet? — Lohengrin kommt am 10 Juni zur Aufführung. Ich habe rasende Arbeit. In der letzten Woche will mir zwar Wagner helfen, der heute früh nach Starnberg excursirt hat nachdem er – leider krank – acht Tage bei uns in M. zugebracht. Aber die Vorbereitungen mit Soli, Chören, Orchester u. s. w. (auch Regie habe ich treiben müßen und mich ziemlich rasch hineingefunden) waren und sind noch heillos anstrengend. „Defessus sum“. Welch lüderliche Wirthschaft ist hier eingerissen! Welche Mühe kostet es aufzuräumen und welches „odium“ muß ich nicht gleich auf mich laden! KM Jahn scheint die Elisabeth-Aufführung sehr nachsichtig beurtheilt zu haben – ich war wenig erbaut vom Orchester, namentlich empört von der Anarchie im Streichquintett. Doch genug von Mêtier. äWenn wir einmal ein paar ordentliche Leistungen zuwege gebracht, dann gestatte daß ich Dich davon avertire – aus freundschaftlichem Mittheilungsbedürfniß. Mit dem Conservatoriumsärger kann ich mich zur Zeit noch nicht befaßen. Vor der Hand ist die Kapellmeisterei das Wichtigste. Ich denke übrigens mich keineswegs ausschliesslich mit Wagner’s Werken zu befassen: Vestalin, Euryanthe u. drgl. will ich mit Nächstem zur Wiederaufführung bringen, wenn’s irgend angeht auch Cornelii Cid. Die Klavierlehrerei geht übrigens ebenfalls weiter fort. Ein halb Dutzend Männ- u. Fräulein gehen zur Zeit bei mir in die Lehre.å Tausend Dank für Deine gütige Protection der Cäsar-Ouvertüre. Du hast sie nicht wieder erkannt? Ich nehme das als ein Compliment an. Der „kriegerische Triumphmarsch“ ist übrigens weniger gefährlich – in Basel hat er furore gemacht. Mein Dedicationssold – ein Exemplar des Buches mit Autogramm des erhabenen Autors – ist noch nicht eingetroffen. Drei Streichquartette! Ist das erhört? Mir schwindelt wenn ich von Deiner Productivität vernehme und ich kann mich der Furcht nicht entschlagen, als ob Du Deinen Selbstverbrennungsprozess gar zu sehr beschleunigtest, Dein Hirn aufriebest! Auf die Symphonie freue ich mich ungemein. Wagner hat kein Exemplar von seinem Huldigungsmarsch d. h. weder sein Originalmscrpt noch eine Copie. Ersteres behauptet er vor Langem an Schotts expedirt zu haben, die es vermuthlich „verlegt“ hätten. Die paar Seiten Skizze von seiner Übertragung für Civil-Orchester – er verlor bald die Lust dazu – sende ich Dir heute mit dieser Zeile. Dein Briefpapier ist wunderschön – dagegen fliesst das meinige, wie ich eben zu meinem Schrecken sehe. Im Übrigen sehe ich wenig mehr – die Augen fallen mir vor Müdigkeit zu. „Der letzten Tage Last und Hitze◊1 war groß.“ Herzliche Grüsse von meiner Frau und dringende Bitte meinerseits um baldige Beruhigung über Deine unheimlichen Worte ävon Deinem unwandelbar treuergebenen HvBülow. — ◊2Aus Rom seit Monaten unbegreifliches Schweigen. Wir wissen nicht was davon zu denken, können nur nach Zeitungsnotizen vermuthen, daß Abreise nach Pesth schon erfolgt ist. å [Copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (30. 5. 1867); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.