Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Luzern
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 22. Februar 1867 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 76
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Besten Dank für freundliche Theilnahme und herzlichen Gruß von mir und der lieben Wöchnerin,
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, 66, S. 175f.; Kannenberg 2020.

Schickt Grüsse von der Wöchnerin, die ein gesundes Töchterlein auf die Welt gebracht habe. Reise morgen nach Basel zurück. Habe neustes Schreiben des E.s (Reinecke, Gewandhaus) nach Rom geschickt. Habe die Herzensgüte des E.s im Falle Goetz bewundert. Dessen Symphonie werde in Basel aufgeführt. Könne nicht zur Aufführung der Symphonie des E.s op. 140 nach Wiesbaden kommen. Konzert in Stuttgart mit "Cäsar-Ouvertüre". Schott habe Wort gehalten. Gehe danach nach München, habe von dort eine neue Offerte. Im Sommer Kur in St. Maurice. Setzt Hoffnungen in Hohenlohe. Wagner sei mit der Komposition der "Meistersinger" fertig - Hans Richter aus Wien schreibe die Gesangspartien aus. Emil Merian habe als Pate bei der Taufe fungiert.

Verehrter freund! äBesten Dank für freundliche Theilnahme und herzlichen Gruß von mir und der lieben Wöchnerin, welche letzten Sonntag Vormittag von einem gesunden Töchterchen entbunden, trefflicher Pflege, vollkommner Ruhe geniessend und ihrer Reconvalescenz normalst, also befriedigendst entgegengeht. Morgen Abend reise ich nach Basel zurück. å Deinen ersten (vorletzten Brief) empfing ich hier. Es ist mir immer ein gutes „omen“ für den Bestand werthvoller Beziehungen gewesen, wenn nach längerem Schweigen beiderseitige Lebenszeichen sich plötzlich kreutzten. Verübelst Du mir’s, wenn ich, oder vielmehr daß ich Dein neuliches Schreiben (Reinecke, Gewandhaus etc.) in naivster Weise nach Rom gesendet habe? Mündlich einmal genauere Erklärung warum ich diess für nöthig, ja convenabel gehalten. Doch Du kennst mich und erräthst wohl meine Absicht, da Du wie Wenige, interlinearisch zu lesen verstehst. Deine Herzensgüte, die zu Allem Zeit findet, habe ich im Punkte „Götz“ wieder einmal recht bewundern müßen. Nota bene: seine Sinfonie ist bedeutend interessanter und tüchtiger. Er konnte sie Dir nicht einsenden, da die Stimmen zur Aufführung in Basel (3 März) ausgeschrieben werden. Herzlichen Dank auch meinerseits für Deine Verwendung. — äEntsetzlich leid thut mir’s zu Deiner Sinfonie nicht nach W. kommen zu können. S’ist aber schlechterdings unmöglich. Die wegen des Familienereignißes versäumte Woche muß ich in Basel wieder einzubringen suchen. Dann am 5. (andrer Tag nicht frei) 7te Triosoirée. Am 12. Conzert in Stuttgart (Hofkapellconzert) dort will ich mit Schotts Unterstützung die Cäsarouvertüre nebst Marsch experimentiren laßen. Schott hat übrigens – Dank Deiner Intervention – Wort gehalten. Habe dieser Tage Marsch-Correctur revidirt. Wie hübsch ist es doch, wenn einmal etwas klappt! å Am 13 resp. 14 März gehe ich von Stuttgart nach München um letzte Entscheidung zu treffen. Neuliche Ablehnung hat erneute Offerte hervorgerufen; aber mein altes Ultimatum bleibt natürlich. Geht man drauf ein – so miethe ich eine neue Wohnung: andrenfalls dirigire ich Effekten äu. s. w.å nach Basel. äDas definitive Établissement an letzterem Orte implizirt die amerikanische Reise – aus pecuniären Rücksichten. Ich will mich schon „im Lande redlich nähren“ aber die Nahrungsmittel muß ich mir theilweise eben ausser Landes suchen. Beklage mich nicht zu sehr – es wird schon gehen – diesen Sommer hilft mir die seit vier Jahren aufgeschobene Kur in St. Maurice. å Nb: Die politische Entwickelung in Baiern influirt wesentlichst auf meine Zukunft. Es ist toll so, aber es ist so. Wenn Hohenlohe stürzt – wozu die Jesuiten Alles aufbieten – so sind wir unmöglich für München, oder M. für uns. äWagner ist mir der Composition der MS. fertig – die Instrumentation soll Ende Juni erledigt sein. Unterdess schreibt Hans Richter aus Wien, trefflicher Musiker, der bei W. wohnt, schon alle einzelnen Gesangspartieen aus. — Mit herzlichsten für alle Theilnahme dankbaren Grüßen von Haus zu Haus Dein Entschuldige den Telegramm- treuergebener stil mit gewohnter Nachsicht. Hans vB. Luzern, 22/2 67.å Emil Merian hat als Pathe fungirt (per procur.) bei der Taufe am Dienstage. Name: Eva-Marie. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (22. 2. 1867); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.