Verehrter freund! äBesten Dank für freundliche Theilnahme und herzlichen Gruß von mir
und der lieben Wöchnerin, welche letzten Sonntag Vormittag von einem gesunden
Töchterchen entbunden, trefflicher Pflege, vollkommner Ruhe geniessend und ihrer
Reconvalescenz normalst, also befriedigendst entgegengeht. Morgen Abend reise ich
nach Basel zurück. å Deinen ersten (vorletzten Brief) empfing ich hier. Es ist mir
immer ein gutes „omen“ für den Bestand werthvoller Beziehungen gewesen, wenn nach
längerem Schweigen beiderseitige Lebenszeichen sich plötzlich kreutzten. Verübelst Du
mir’s, wenn ich, oder vielmehr daß ich Dein neuliches Schreiben (Reinecke, Gewandhaus
etc.) in naivster Weise nach Rom gesendet habe? Mündlich einmal genauere Erklärung
warum ich diess für nöthig, ja convenabel gehalten. Doch Du kennst mich und erräthst
wohl meine Absicht, da Du wie Wenige, interlinearisch zu lesen verstehst. Deine
Herzensgüte, die zu Allem Zeit findet, habe ich im Punkte „Götz“ wieder einmal recht
bewundern müßen. Nota bene: seine Sinfonie ist bedeutend interessanter und tüchtiger.
Er konnte sie Dir nicht einsenden, da die Stimmen zur Aufführung in Basel (3 März)
ausgeschrieben werden. Herzlichen Dank auch meinerseits für Deine Verwendung. —
äEntsetzlich leid thut mir’s zu Deiner Sinfonie nicht nach W. kommen zu können. S’ist
aber schlechterdings unmöglich. Die wegen des Familienereignißes versäumte Woche muß
ich in Basel wieder einzubringen suchen. Dann am 5. (andrer Tag nicht frei) 7te
Triosoirée. Am 12. Conzert in Stuttgart (Hofkapellconzert) dort will ich mit Schotts
Unterstützung die Cäsarouvertüre nebst Marsch experimentiren laßen. Schott hat
übrigens – Dank Deiner Intervention – Wort gehalten. Habe dieser Tage
Marsch-Correctur revidirt. Wie hübsch ist es doch, wenn einmal etwas klappt! å Am 13
resp. 14 März gehe ich von Stuttgart nach München um letzte Entscheidung zu treffen.
Neuliche Ablehnung hat erneute Offerte hervorgerufen; aber mein altes Ultimatum
bleibt natürlich. Geht man drauf ein – so miethe ich eine neue Wohnung: andrenfalls
dirigire ich Effekten äu. s. w.å nach Basel. äDas definitive Établissement an
letzterem Orte implizirt die amerikanische Reise – aus pecuniären Rücksichten. Ich
will mich schon „im Lande redlich nähren“ aber die Nahrungsmittel muß ich mir
theilweise eben ausser Landes suchen. Beklage mich nicht zu sehr – es wird schon
gehen – diesen Sommer hilft mir die seit vier Jahren aufgeschobene Kur in St.
Maurice. å Nb: Die politische Entwickelung in Baiern influirt wesentlichst auf meine
Zukunft. Es ist toll so, aber es ist so. Wenn Hohenlohe stürzt – wozu die Jesuiten
Alles aufbieten – so sind wir unmöglich für München, oder M. für uns. äWagner ist mir
der Composition der MS. fertig – die Instrumentation soll Ende Juni erledigt sein.
Unterdess schreibt Hans Richter aus Wien, trefflicher Musiker, der bei W. wohnt,
schon alle einzelnen Gesangspartieen aus. — Mit herzlichsten für alle Theilnahme
dankbaren Grüßen von Haus zu Haus Dein Entschuldige den Telegramm- treuergebener stil
mit gewohnter Nachsicht. Hans vB. Luzern, 22/2 67.å Emil Merian hat als Pathe fungirt
(per procur.) bei der Taufe am Dienstage. Name: Eva-Marie. [copyright Simon
Kannenberg]