Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Basel
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 16. Februar 1867 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 75
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
es liegt mir schwer auf der Seele, Dir so lange nicht geschrieben zu haben.
Veröffentlichung: Bülow, Briefe 4, S. 172–174; Kannenberg 2020.

Berichtet von langen, erfolglosen Verhandlungen mit dem Sekretär des Königs. Wolle wegen ungenügenden "Propositionen" nicht mehr nach München, sondern im April nach Basel ziehen. Gehe morgen nach Luzern, da er die Niederkunft seiner Frau erwarte. Beklagt, dass er so lange ohne die Seinen [Cosima, Daniela und Blandine] sei und wie ein alter Garçon vegetiere. Habe nun wieder eine "individuelle Existenz", dass diese nicht mehr mit den Plänen von Richard Wagner verknüpft sei, tue der Freundschaft keinen Abbruch. Will im Herbst einer Einladung von Steinway nach Amerika folgen. Wäre schon in Luzern, wenn er nicht Walter versprochen hätte, in einem Konzert mitzuwirken (Werke von "Schreiber" [Beethovens Sonate cis-Moll und Bach]). Schicke Konzertprogramme mit Werken des E.s an dessen Frau. Die Suite op. 72 habe Musikern und Publikum gefallen. Spiele am 5. März die dritte Sonate op. 128 des E.s mit Abel. "Was Du mir einmal über Brahms geschrieben habe ich bei jener Cellosonate wieder vollkommen bewährt u. gerechtfertigt gefunden." Hier grassiere eine kleine "Brahmskirche". Hofft, dass die Sekte nicht zu imposant wachse. Die Verwandten des E.s waren wegen der Schwägerin in Angst. Befürchtet den Zorn des "King of Bavaria" und den Entzug des Hofkapellmeister-Titels.

Verehrter freund, es liegt mir schwer auf der Seele, Dir so lange nicht geschrieben zu haben. äWas wirst Du Dir darüber für Gedanken machen? Die Erklärungsgründe sind aber eigentlich sehr einfach. Ich hatte mir vielerlei aufgeladen (Conzerte, Cursusse in Mühlhausen u. s. w.) – dazu hat (Gottlob!) meine Lehrerpraxis bedeutend zugenommen /: das Gottlob wird ebenfalls explizirt) Mit der Gesundheit stands auch nicht zum Besten und steht es leider gar nicht besonders. Fasten-Thee, Soda und Chininpulver halten übrigens die Maschine noch im Gange. Endlichå – hatte lebhafte Unterhandlungen, mündliche und schriftliche mit dem neuen Secretär des Königs – ich wartete das Dich interessiren könnende Resultat ab. Nun – die Sache ist entschieden: ich habe am 13ten d. (oder war’s der 12te?) meine definitive Ablehnung der ungenügenden Propositionen nach München telegrafirt. Ich athme wieder – die Übersiedelung nach Basel findet im April statt und da ich hier ruhig leben und arbeiten will (es auch sehr nöthig habe) so freut michs, daß ich allmälig eine ordentliche Lehrerpraxis gefunden habe. Morgen reise ich nach Luzern – äweil ich dieser Tage die Niederkunft meiner Frau erwarteå –Ist’s nicht traurig für mich, daß das Ereigniss in fremdem Hause vorgeht? Ist’s nicht traurig, daß ich seit einem halben Jahre die Meinigen entbehre und wie ein alter Garçon vegetire? Nun – Gottlob – jetzt habe ich mein Schicksal in Händen – es gibt für mich wieder eine individuelle Existenz; daß dieselbe mit den Plänen u. s. w. Rich. Wagner’s nicht mehr verknüpft ist, thut, da wir so nahe bei Luzern wohnen werden, und W. ohne mich nicht nach Monaco zurückkehrt, unserem alten Freundschaftsverhältniss keinen Abbruch. Nächsten Herbst gehe ich nach Amerika, um ein Stück materieller Independenz zu gewinnen. Die mir von Steinway’s gemachte Offerte ist sehr acceptabel. Meine liebe Frau ist übrigens leider gar nicht wohl – so daß ich dem sonst erfreulichen Ereigniß nicht ohne Besorgniss entgegensehe. Ich wäre schon in Luzern, wenn ich nicht Walter mein Wort halten wollte, sein Conzert zu verschönern, das ohne meine Mitwirkung (Cis moll Sonate von Schreiber und Tripelconzert von Bach ) abgesagt werden müßte. Bin ich nicht in meiner Gewissenhaftigkeit ein guter Deutscher? äDaß ich übrigens in der Zeit des Nichtschreibens mich häufig mit Dir beschäftigt, davon geben Conzertzettel, von denen ich einen für die etwaige Collection Deiner verehrten Frau die ich ergebenst zu grüßen bitte, beilege. Musikern und Publikum hat Deine Suite (meiner Ansicht die praktischeste Introduction Deines Namens in uncivilisirten Gegenden) ganz ungemein gefallen. In der nächsten Triosoirée (5 März) spiele ich mit Abel Deine dritte Sonate. Die vorige (sechste) hat ein Programm, welches Dir documentiren wird, wie ich bemüht bin, meiner zuweilen gerühmten Vielseitigkeit und Nichtexclusivität Ehre zu machen. Was Du mir einmal über Brahms geschrieben habe ich bei jener Cellosonate wieder vollkommen bewährt u. gerechtfertigt gefunden. (Nb. hier grassirt auch eine kleine Brahmskirche – wollen hoffen, daß die Secte nicht zu imposant zuwächst.) Herr Gott – ich plaudre heute nur von mir. Nun es ist diess eben eine Einladung, meinem Beispiele zu folgen. Ich sehne mich wahrhaft nach Nachrichten von Dir. Deine überaus liebenswürdigen und für mich hier in jeder Hinsicht unschätzbaren Verwandten – waren neulich in ziemlich großer Angst wegen Deiner Fräulein Schwägerin. Wie geht es Dir und den Deinigen? Schreibe mir, wenn Du Zeit hast, nach Luzern. Dort bleibe ich bis alle Gefahr vorüber. Der King of Bavaria wird wahrscheinlich sehr zornig über mich sein und mir den Hofkapellmstr titel entziehen. Ich erwarte es: aber trotzdem ich kein Republikaner bin, würde ich doch nur einem Könige zu dienen vermögen, der königlich denkt u. handelt (nicht blos künstlerisch empfindet). Da diess seinerseits in Bezug auf mich nicht geschehen – so .... verliere ich, denke ich, nichts von Deiner Freundschaft durch mein Herunterkommen in der Musikerhierarchie. äMit vielen Grüssen Dein herzlich treuer Basel, den 16 februar 1867. Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (16. 2. 1867); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.