Verehrter freund, es liegt mir schwer auf der Seele, Dir so lange nicht geschrieben
zu haben. äWas wirst Du Dir darüber für Gedanken machen? Die Erklärungsgründe sind
aber eigentlich sehr einfach. Ich hatte mir vielerlei aufgeladen (Conzerte, Cursusse
in Mühlhausen u. s. w.) – dazu hat (Gottlob!) meine Lehrerpraxis bedeutend zugenommen
/: das Gottlob wird ebenfalls explizirt) Mit der Gesundheit stands auch nicht zum
Besten und steht es leider gar nicht besonders. Fasten-Thee, Soda und Chininpulver
halten übrigens die Maschine noch im Gange. Endlichå – hatte lebhafte
Unterhandlungen, mündliche und schriftliche mit dem neuen Secretär des Königs – ich
wartete das Dich interessiren könnende Resultat ab. Nun – die Sache ist entschieden:
ich habe am 13ten d. (oder war’s der 12te?) meine definitive Ablehnung der
ungenügenden Propositionen nach München telegrafirt. Ich athme wieder – die
Übersiedelung nach Basel findet im April statt und da ich hier ruhig leben und
arbeiten will (es auch sehr nöthig habe) so freut michs, daß ich allmälig eine
ordentliche Lehrerpraxis gefunden habe. Morgen reise ich nach Luzern – äweil ich
dieser Tage die Niederkunft meiner Frau erwarteå –Ist’s nicht traurig für mich, daß
das Ereigniss in fremdem Hause vorgeht? Ist’s nicht traurig, daß ich seit einem
halben Jahre die Meinigen entbehre und wie ein alter Garçon vegetire? Nun – Gottlob –
jetzt habe ich mein Schicksal in Händen – es gibt für mich wieder eine individuelle
Existenz; daß dieselbe mit den Plänen u. s. w. Rich. Wagner’s nicht mehr verknüpft
ist, thut, da wir so nahe bei Luzern wohnen werden, und W. ohne mich nicht nach
Monaco zurückkehrt, unserem alten Freundschaftsverhältniss keinen Abbruch. Nächsten
Herbst gehe ich nach Amerika, um ein Stück materieller Independenz zu gewinnen. Die
mir von Steinway’s gemachte Offerte ist sehr acceptabel. Meine liebe Frau ist
übrigens leider gar nicht wohl – so daß ich dem sonst erfreulichen Ereigniß nicht
ohne Besorgniss entgegensehe. Ich wäre schon in Luzern, wenn ich nicht Walter mein
Wort halten wollte, sein Conzert zu verschönern, das ohne meine Mitwirkung (Cis moll
Sonate von Schreiber und Tripelconzert von Bach ) abgesagt werden müßte. Bin ich
nicht in meiner Gewissenhaftigkeit ein guter Deutscher? äDaß ich übrigens in der Zeit
des Nichtschreibens mich häufig mit Dir beschäftigt, davon geben Conzertzettel, von
denen ich einen für die etwaige Collection Deiner verehrten Frau die ich ergebenst zu
grüßen bitte, beilege. Musikern und Publikum hat Deine Suite (meiner Ansicht die
praktischeste Introduction Deines Namens in uncivilisirten Gegenden) ganz ungemein
gefallen. In der nächsten Triosoirée (5 März) spiele ich mit Abel Deine dritte
Sonate. Die vorige (sechste) hat ein Programm, welches Dir documentiren wird, wie ich
bemüht bin, meiner zuweilen gerühmten Vielseitigkeit und Nichtexclusivität Ehre zu
machen. Was Du mir einmal über Brahms geschrieben habe ich bei jener Cellosonate
wieder vollkommen bewährt u. gerechtfertigt gefunden. (Nb. hier grassirt auch eine
kleine Brahmskirche – wollen hoffen, daß die Secte nicht zu imposant zuwächst.) Herr
Gott – ich plaudre heute nur von mir. Nun es ist diess eben eine Einladung, meinem
Beispiele zu folgen. Ich sehne mich wahrhaft nach Nachrichten von Dir. Deine überaus
liebenswürdigen und für mich hier in jeder Hinsicht unschätzbaren Verwandten – waren
neulich in ziemlich großer Angst wegen Deiner Fräulein Schwägerin. Wie geht es Dir
und den Deinigen? Schreibe mir, wenn Du Zeit hast, nach Luzern. Dort bleibe ich bis
alle Gefahr vorüber. Der King of Bavaria wird wahrscheinlich sehr zornig über mich
sein und mir den Hofkapellmstr titel entziehen. Ich erwarte es: aber trotzdem ich
kein Republikaner bin, würde ich doch nur einem Könige zu dienen vermögen, der
königlich denkt u. handelt (nicht blos künstlerisch empfindet). Da diess seinerseits
in Bezug auf mich nicht geschehen – so .... verliere ich, denke ich, nichts von
Deiner Freundschaft durch mein Herunterkommen in der Musikerhierarchie. äMit vielen
Grüssen Dein herzlich treuer Basel, den 16 februar 1867. Hans vBülow.å [copyright
Simon Kannenberg]