Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Basel
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 11. Januar 1867 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 73
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Ich laße nicht gerne einen Brief von Dir unbeantwortet, vertage auch nicht gern eine active Empfangsbescheinigung desselben

Wurde vom König zum "bayerischen Hofkapellmeister im ausserordentlichen Dienste" ernannt. Schott sei "meschucke". Wagner habe geschrieben, dass er nur einen Klavierauszug haben wollte, mit dem Tausig nun beauftragt sei. Fragt den E., ob dieser noch dazu bereit wäre, den Huldigungsmarsch [WoO 34A] von Wagner zu instrumentieren. Zweifelt nicht daran, Wagners Einverständnis trotz "Wagnerfrage" dafür zu erhalten. Brendel und andere "Gehirnerweichungsrepräsentanten" prophezeien den jüngsten Tag. Zeigt sich nicht überrascht über "Leidenthal". Fragt, an welchem Wochentag die Symphonie op. 140 gegeben werde. Wolle es sich so einrichten, dass er vor- oder nachher in Stuttgart spiele. Bittet um "Photogramm" vom E., die Schwägerin habe ja eines. Wurde von seiner Frau mit der Ältesten überrascht. Merian sei aus Paris zurückgekehrt, um Popper als Hausgast in Empfang zu nehmen. Wünscht, dass Schott an der "Cäsarei" frisch drauf losstechen lässt.

Verehrter freund! äIch laße nicht gerne einen Brief von Dir unbeantwortet, vertage auch nicht gern eine active Empfangsbescheinigung desselben. Zudemå habe ich Dir eine „interessante“ Neuigkeit mitzutheilen. Am Tage, wo von der Pfordten aus dem Ministerium d. Ä. in München gegangen worden ist, hat ein kgl. Decret mich zum „bair. Hofkapellmstr. im ausserordentl. Dienste“ creirt. Praktische Consequenzen für die Änderung meiner Stilllebensprojekte ergeben sich hieraus noch nicht – „Kosten werden dadurch nicht verursacht“ sc. Rückreisekosten nach Monaco. Aber „idem“◊1/ die Ertheilung des Prädikats war zeitgemäß, objektsgemäß. Also „Hofkmstr“ in partibus infidelium. Bitte um stille Theilnahme. Schott ist wohl „meschucke“. RW. hat ihm noch vor 14 Tagen geschrieben, daß er nur einen Klavierauszug haben wolle, mit welchem Tausig nun beauftragt worden ist, der seine Sache recht gewissenhaft (und praktisch) macht, ausserdem gütigst gestattet, daß das Mscrpt mir zur Durchsicht vor dem Stiche anvertraut werde. Du hattest einmal Lust, die Instrumentirung des Huldigungsmarsches zu übernehmen. Ich zweifle nicht daran, W.’s Einverständniß trotz „Wagnerfrage“ hierzu zu erhalten – wärst Du dann noch bereit? Mich würde es persönlich aus verschiedenen Motiven sehr freuen. Es sähe ungeheuer vornehm aus und würde Brendel und ähnliche Gehirnerweichungsrepräsentanten zur Prophezeiung des jüngsten Tages begeistern. Unterschreibe Alles was Du über Kapellmeister, Cliquenwirthschaft u. drgl. denken und zeichnen magst. In der Appréciation verschiedener Werke und diverser Componisten werden wir allerdings immer auseinandergehen. Aber was schadet das? äAd vocem „Leidenthal“ – bin ich nicht überrascht gewesen. Aber seiner Zeit sagte ich „cedo majori“ und drängte meine Bedenken zurück. Glaub nicht, daß ich so unverschämt sei, zu triumphiren – au contrôleur ich bedaure aufrichtig die Irrung. — Wann ist Deine Symphonie, an welchem Wochentage? Ich richte mich so ein, daß ich vor- oder nachher in Stuttgart spiele. Nb. wenn Leidenthal Deiner Meinung von ihm treu geblieben wäre, so hätte ich gern gratis als „Prämie“ in dem betreffenden Conzerte mitgewirkt. Diess war der Sinn meiner neulichen Proposition. Eine Bitte: Photogramm von Dir – die Schwägerin hat ja eines – warum nicht ich? Ferner – schicke uns doch einmal eine Portion Rheinischer Couriere.å Meine Frau hat mich zum 8 Jan. mit der „Ältesten“ überrascht – sie läßt Euch bestens grüssen. Mit Frau Merian steht sie jetzt vortrefflich, was mich sehr freut. äDr. Merian ist von einer 5tägigen Geschäftsreise nach Paris heute glücklich heimgekehrt um Abends Popper als Hausgast in Empfang zu nehmen. Lebe wohl und guter Laune! Dein getreuer Basel, 11 Jan. 67. Hans vBülow. Schott kann auf meine Erkenntlichkeit in Allerlei rechnen – wenn er frisch drauf losstechen läßt an der Cäsarei. Die Klavierauszugsentwickelung habe eigentlich ich in Ordnung gebracht. Also...å [copyright Simon Kannenberg]



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Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (11. 1. 1867); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.