Verehrter freund! äIch laße nicht gerne einen Brief von Dir unbeantwortet, vertage
auch nicht gern eine active Empfangsbescheinigung desselben. Zudemå habe ich Dir eine
„interessante“ Neuigkeit mitzutheilen. Am Tage, wo von der Pfordten aus dem
Ministerium d. Ä. in München gegangen worden ist, hat ein kgl. Decret mich zum „bair.
Hofkapellmstr. im ausserordentl. Dienste“ creirt. Praktische Consequenzen für die
Änderung meiner Stilllebensprojekte ergeben sich hieraus noch nicht – „Kosten werden
dadurch nicht verursacht“ sc. Rückreisekosten nach Monaco. Aber „idem“◊1/ die
Ertheilung des Prädikats war zeitgemäß, objektsgemäß. Also „Hofkmstr“ in partibus
infidelium. Bitte um stille Theilnahme. Schott ist wohl „meschucke“. RW. hat ihm noch
vor 14 Tagen geschrieben, daß er nur einen Klavierauszug haben wolle, mit welchem
Tausig nun beauftragt worden ist, der seine Sache recht gewissenhaft (und praktisch)
macht, ausserdem gütigst gestattet, daß das Mscrpt mir zur Durchsicht vor dem Stiche
anvertraut werde. Du hattest einmal Lust, die Instrumentirung des Huldigungsmarsches
zu übernehmen. Ich zweifle nicht daran, W.’s Einverständniß trotz „Wagnerfrage“
hierzu zu erhalten – wärst Du dann noch bereit? Mich würde es persönlich aus
verschiedenen Motiven sehr freuen. Es sähe ungeheuer vornehm aus und würde Brendel
und ähnliche Gehirnerweichungsrepräsentanten zur Prophezeiung des jüngsten Tages
begeistern. Unterschreibe Alles was Du über Kapellmeister, Cliquenwirthschaft u.
drgl. denken und zeichnen magst. In der Appréciation verschiedener Werke und diverser
Componisten werden wir allerdings immer auseinandergehen. Aber was schadet das? äAd
vocem „Leidenthal“ – bin ich nicht überrascht gewesen. Aber seiner Zeit sagte ich
„cedo majori“ und drängte meine Bedenken zurück. Glaub nicht, daß ich so unverschämt
sei, zu triumphiren – au contrôleur ich bedaure aufrichtig die Irrung. — Wann ist
Deine Symphonie, an welchem Wochentage? Ich richte mich so ein, daß ich vor- oder
nachher in Stuttgart spiele. Nb. wenn Leidenthal Deiner Meinung von ihm treu
geblieben wäre, so hätte ich gern gratis als „Prämie“ in dem betreffenden Conzerte
mitgewirkt. Diess war der Sinn meiner neulichen Proposition. Eine Bitte: Photogramm
von Dir – die Schwägerin hat ja eines – warum nicht ich? Ferner – schicke uns doch
einmal eine Portion Rheinischer Couriere.å Meine Frau hat mich zum 8 Jan. mit der
„Ältesten“ überrascht – sie läßt Euch bestens grüssen. Mit Frau Merian steht sie
jetzt vortrefflich, was mich sehr freut. äDr. Merian ist von einer 5tägigen
Geschäftsreise nach Paris heute glücklich heimgekehrt um Abends Popper als Hausgast
in Empfang zu nehmen. Lebe wohl und guter Laune! Dein getreuer Basel, 11 Jan. 67.
Hans vBülow. Schott kann auf meine Erkenntlichkeit in Allerlei rechnen – wenn er
frisch drauf losstechen läßt an der Cäsarei. Die Klavierauszugsentwickelung habe
eigentlich ich in Ordnung gebracht. Also...å [copyright Simon Kannenberg]