Verehrter freund! Herzliche Erwiderung Deiner Neujahrsgrüße von mir und den Meinigen
an Dich und die Deinigen – weiter haben diese Zeilen keinen Zweck. Am wenigsten bitte
ich sie etwa als „Probenummer“ meiner Correspondenz vom künftigen Jahre zu
betrachten. Die Brendelsche war ich noch nicht so glücklich zu geniessen: der gute
Mann ist mir wie manche andere („un bon garçon – à quoi est-ce bon?“ ) ein wenig dem
Gedächtniß entfallen. äNeulich war ich einmal unsicher, ob er oder seine Frau den
Hahn ausgedreht. Leider kann man sich betreffs des ihm nicht blos an- sondern
geradezu umhängenden Zopff dieser Illusion nicht hingeben. Ob Yourij v. Arnold’s
Zeitschrift kein abortus sein wird, mag ich noch nicht behaupten. Unter uns – ich
halte recht wenig von dem Ex-Staatsrath. In Leipzig scheint er etwas verrufen; die
Entscheidung ist übrigens schwer, da beide Br. und Arn. jeder über den Anderen das
Schlimmere sagen. Am Ende – dürfte uns können bedünken, daß der Rabbi und der Mönch,
daß sie alle beide – hinken. å Ich lobe mir die Signale – auch Wagner ist entzückt
über die hehre Mannigfaltigkeit der in dem Wochenblatte niedergelegten Belehrung und
hat sich auf 1867 abonnirt. äMeistersinger schreiten rüstig weiter – Mitte des
dritten Aktes. Instrumentirt wird aber erst, wenn die ganze sehr ausgeführte Skizze
fertig niedergeschrieben ist. Schott’s dürfen sich zur Luzerner Ruhe gratuliren – und
Du wirst Freude an dem Werke haben, dess bin ich sicher. å Kannst Du mir ungefähr das
Datum der Aufführung Deiner 2ten Symphonie präzisiren? Wenn möglich, arrangire ich
eine kleine Reise um dieses Centrum. Ich bin den Stuttgartern Mitwirkung in einem
Abonn.-Conzert der Kapelle schuldig ä(reise aber nach Entrichtung der Schuld sogleich
weiter, um Klebert und Abort nicht zu riechen)å – dann habe ich Ritter in Würzburg
Ähnliches versprochen. Warum sollte ich übrigens das betreffende Conzert in Wiesbaden
nicht mit einem Vorträglein (einem „Gange auf dem Klavier“ wie Louise Miller sagt)
beglücken? Würde weniger auf hohes Honorar als gute Behandlung sehen. äEhrenlegion?
Nein – Du hast falsch gerathen. Aber etwas Anderes, sehr nettes, noch
ausnahmsweiseres. „Entre nous“-ssissime wenn ich bitten darf: ein eigenhändig
signirtes Prachtexemplar der „Histoire de César“! Hm? Was sagst Du dazu? Daß mir nun
an dem baldigsten Erscheinen der beiden Sachen Ouverture u. Marsch liegt, kannst Du
Dir vorstellen. Um seinen Namen zu schreiben, darf Einer noch keiner der 26
Krankheiten, die ihn plagen, unterlegen zu sein. Der späteste Termin wäre also vier
Wochen wenigstens vor dem tödtlichen Ausgange sein. Wie soll man das im Kalender
notiren? å — Vor acht Tagen war ich auf allen unharmonischen Hunden. Unmöglich – das
Weihnachtsfest bei den Meinigen in Wagner’s Hause zu verleben! Dagegen – im Bette.
Habe während 72 Stunden keinen Bißen gegeßen, nur Thee und Soda-Water hinter die
Binde gegossen und konnte dann, Dank der Abwesenheit des Arztes, mich wieder
aufrappeln. Doch leide ich an chronischen Fieberanfällen, gegen welche ich mit noch
zweifelhaftem Erfolge Chinin anwende. Frau und Kinder befinden sich recht leidlich –
das nimmt mir eine große Sorge und Unruhe vom Herzen – im Grunde sind alle physischen
Übelbefinden doch nur mehr oder minder Resultate der blindhauchenden Matrone, die
Göthe so grauenhaft schön besingt. Wenigstens – was mich anlangt – so helfe ich mir
ganz gut mit meiner Mock-Gesundheit durch, sobald ich kein psychisches Zahnweg habe
(Zahnweh im Sinne des Hasenkopfs im Hundemaul.) äSehr gefreut hat mich die
Mittheilung von Deinen Kammererfolgen in Paris, die mir noch unbekannt waren. Aber
warum führt Pasdeloup nicht à la Samuel in Brüssel Deine Orchestersuite in seinen
Pops auf? Immer lese ich von Lachnerfragmenten. Man müßte Langhanns einmal zu einer
Vermittlung der Partitur auffordern. Übrigens – warum schicken Schotts nicht direkt
ein Exemplar an Pasdeloup? Erst muß er doch die Partitur haben, bevor er sie aufführt
– und kaufen wird der Mensch vermuthlich nichts. Schönen Dank für Deine
Bereitwilligkeit wegen Götz. Gelegentlich will ich ihn veranlaßen, sich Dein Urtheil
zu erbitten. Es ist mir übrigens neuerdings ein kleines Bedenken aufgestossen: er ist
Jude, als solcher leicht geneigt, in unverschämte Zudringlichkeit zu verfallen. Da
muß man vielthätigen Freunden gegenüber vorsichtig sein, da das Resultat der
Behelligung die Absicht überwachsen kann.å — Wegen der bair.-östr. Allianz können wir
uns beruhigen. Morgen wirst Du lesen daß Fürst Hohenlohe Minister geworden. Der hat
ein verständiges Programm ohne alle Extravaganzen und Vorurtheile. Der König hat sich
aus freien Stücken von der nativistisch colorirten Liberalenclique (Chef: Neumayr )
losgesagt und damit einen gesunden Instinkt bewiesen, der versprechend ist für das,
was seit lange von ihm mit Recht erwartet wird. Doch genug geplaudert. Habe
herzlichen Dank für alle Freundschaft und Wohlgewogenheit die Du mir in diesem
infamen Jahre erwiesen – bewahre sie mir ferner und sei versichert der Beständigkeit
meiner dem großen Künstler wie dem guten Menschen gezollten hochachtungsvollen
Gesinnung ävon Seiten Deines treuergebenen Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]