Verehrter freund! Vielen Dank für Deinen charmanten Brief, in welchem mehrere sehr
abdruckenswerthe Stellen: Bin eigentlich insolvent heute – habe wenig zu erwidern.
Sollte eigentlich schweigen, da Das, was ich loslaßen will, bei Dir auf
„jungfräulichen“ Unmuth zu stossen pflegt oder als dankprovozirend aufgenommen werden
könnte. Habe gestern ein recht wirkliches Vergnügen dran gehabt, Deine E moll-Suite
zu spielen, wie Beilage notifizirt. Nimm mir’s nicht übel – sie hat den guten Baslern
u. Baslerinnen ganz enorm gefallen. Jeder Abschnitt wurde nach hiesiger Temperatur
südlich beklatscht. (Nb: das Trio vom Menuett spiele ich 2 mal, also letzteren 3 mal
– von der Toccata repetire ich die erste Hälfte – dergl. ist nöthig – um die Hörer in
Zug zu bringen. Denn im Grunde gefällt nur, was gekannt ist – die Tonverbindungen
sollen anheimeln, äu. s. w.å) In Zürich haben wir Donnerstag vor 8 Tagen (am 29.
Nov.) Dein Gdur Trio gespielt vor nicht eben zahlreichen aber dankbaren Zuhörern. Die
Vorurtheile, die dort bei der Mehrheit der Musiker gegen Dich im Schwange, waren ganz
craß. Natürlich kannte keiner der betreffenden Leser oder Mitarbeiter der Baggeschen
Zeitung eine Note von Dir. Nach Anhören des Trio’s mußte z. b. der Herr Kapellmstr.
Hegar (echter Zögling des Leipziger Conservatoriums) zugeben, daß zu Du◊1 den
„beachtenswerthen“ Componisten der Gegenwart gehörst. Bei dieser „Ehrenerklärung“
wirds wohl sein Bewenden haben; was Neuigkeiten anlangt, wird in der Praxis von
dieser Gesellschaft nur Nachlaß von Schumann (incl. Brahms) und Schubert
berücksichtigt. Mit Kirchner läßt sich noch reden – aber Eschmann u. Hegar sind
gräuliche Liguisten. Erlaube daß ich Dich bei diesem Anlaß auf einen talentvollen
Menschen aufmerksam mache, der unter besagter Clique kaum aufkommen kann. Wenn Du
einmal wirklich einen Moment übrig hättest, so wäre ich Dir dankbar, Du gestattetest
Herrn H. G. Götz aus Königsberg derzeit Organist in Winterthur, Dir einmal einige
seiner Arbeiten zu unterbreiten. Besagter Musiker ist ein alter Schüler des Berliner
Conservatoriums, speziell meiner Wenigkeit. Ein Streichquartett, Claviertrio,
vierhänd. Sonate u. s. w. das er mir gebracht, finde ich recht reif, gesund,
selbständig und klangvoll. Der Autor selbst scheint mir leider binnen ein paar Jahren
der Schwindsucht unterliegen zu können. äBrahms wenigstens machte in W. den reinem
Herzen Ehre machenden Scherz zu bemerken es sei sehr verständig von Götz nicht weit
vom Kirchhofe zu wohnen um der Leichendroschke ein Stück Weg zu kürzen.å Es thäte mir
sehr leid, wenn’s bald so käme – ich hoffe auf mögliche Rettung durch die Natur
selbst. Merians wie in Allem sehr liebenswürdig wollen am 16ten eine kleine Matinée
bei sich veranstalten, wo besagter G. einige seiner Compositionen zu Gehör bringen
kann, damit doch irgendwo in der Republik von dem Menschen Notiz genommen werde. Am
16ten Abends kommt hier Romeo et Julia von Berlioz fast vollständig zur Aufführung.
Vorher spiele ich Beethovens Es dur Conzert. Zu Anfang habe ich die Ouverture zum
portugies. Gasthof von Cherubini empfohlen, die ich immer empfehle, wenn man wegen
einer Ouverture in Verlegenheit ist. Es klingt so hübsch. Portugiesischer Gasthof!
Wie man da gebettet und beköstigt sein mag! Schönen Dank für Mittheilung der
einschmeichelnden Wiesbadner Programme. Daß Du mir aber den Mund wässrig machst indem
Du von Zeitungen sprichst, an denen Du mitarbeitest und keine Nummer beilegst – kann
ich weder edel, noch hülfreich, nicht gut heissen. äDein Herr Schwager wollte gestern
auf 5 Tage nach Paris geschäftsreisen. Plötzliches Unwohlsein seiner Mutter hat ihn
zurückgehalten. Hoffentlich ist letzteres nicht ernste Bedenken erregend. Wagner
fleissig – mein Schwiegervater ebenfalls, aber sehr traurig, was mir selbst das Herz
schwer macht. Frau und Kinder gesund. Wünsche das Gleiche.å Ich habe eine Heidenangst
vor Deinem ersten Blicke in meine Ouverture: es kommt nämlich Militärtrommel vor. Ich
habe lange gekämpt◊2 – es war mir aber trommelhaft zu Muthe – ich konnte nicht
anders; übrigens besser: eingetrommelt als ausgetrommelt. Beides ist freilich auch
gleichzeitig möglich. äAn Basel attachire ich mich mit der Zeit. Wäre nur erst der
Termin des Provisoriums vorbei! Wäre ich kein „pater familias“, nicht einen
Augenblick schwankte ich – ich liesse mich hier nieder und hustete auf München und
(oder) das Vize-München, das bevorsteht. (L II geht ernstlich mit dem Gedanken von
Residenzwechsel um.) Aber – eine feste Anstellung soll gut für die „proles“ sein. Ein
ander Mal mehr darüber. Einstweilen nimm mit diesem Schreibe- oder Schmierbrief
vorlieb. Herzliche freundschaftliche Grüsse von Deinem treuergebenen Basel, 6/12 66.
HvBülow.å [copyright Simon Kannenberg]