Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Basel
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 4. November 1866 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 70
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund!
Wir hatten uns eben sehr eindringlich und (es ist nicht zu depreziren)

Berichtet von einer grossen Matinée bei Merians [Emilie und Emil], 25 Musikfreunde aus Mühlhausen und Umgebung, ebenso viele aus Basel. Das Quintett op. 107 sei prächtig gegangen, die Schwägerin habe das Des-Dur-Duett [wohl op. 114 Nr. 12] gesungen. Joachim müsse den A. besuchen, wenn er ihn sehen wolle. Grenzenlose Bewunderung für diesen als Künstler. Reisepläne von diesem und Brahms. Müsse Frau und Kinder [Daniela und Blandine] entbehren. Plant, nach Amerika zu reisen. Möchte die Ouvertüre op. 117 bald hier aufführen. Sei zufrieden mit seinen Triospielern [Ludwig Abel und Moritz Kahnt]. Bringe in der 2. Soiree das 2. Trio op. 112. Dankt für die Unterhaltung des E.s mit Schotts, die Ouvertüre sei in Stich gegeben und die "Meistersinger"-Paraphrasen werden anständig honoriert. Fragt, wann die zweite Symphonie op. 140 in Wiesbaden aufgeführt werde. Habe den Münchner Prozess wegen Diffamation in zweiter Instanz gewonnen. Der E. werde die "Manier" des A.s in den "Signalen" wohl wiedererkannt haben. Senff habe sich anständig benommen. Fragt, ob der E. Hülsen kennen gelernt habe. Fragt, ob "König Alfred" WoO 14 nicht unter die Protektion des Kronprinzen gestellt werden könne. Im Rahmen eines miserablen "Mendelfeierconzerts" habe ein Schüler, Holkamp aus Amsterdam, debüttiert. Den "Feeerich von Elvershöh" [Ernst Reiter] halte man sich etwas vom Leibe. Anspielung auf den Friedensvertrag von Baden-Baden.

Verehrter freund! Wir hatten uns eben sehr eindringlich und (es ist nicht zu depreziren ) erfolgreich mit Dir beschäftigt, als ich heimkehrend Deine freundlichen Zeilen vorfand, die ich noch vor Schlafengehen kurz aber wenig interessant beantworten will. Also es war eine große Matinée bei Merians, von der das beifolgende Programm Meldung thut. Eine Matinée „internationale“, „limitrophe“ kurz „extrordinaire“. 25 Musikfreunde (und freundinnen) aus Mühlhausen und Umgegend, ebenso viel aus Basel. Das Quinett ging prächtig und machte Allen Freude, obwohl es zunächst nur auf die Wirthe berechnet war, die der öffentl. Aufführung, wie Du weisst, nicht hatten beiwohnen können. Deine verehrte Schwägerin war trefflich (wie irgend jemals) bei Stimme trotz Schnupfens: Dein Duett – der Titel fällt mir nicht ein, also Des dur – religioso – mußte auf Mühlhausiges enthusiastisches Dacaporufen repetirt werden und somit ist der Ruhm Deines Namens nun über die französische Grenze gedrungen, so sehr Du Dich sträuben magst, den Elsass als französisches Gebiet anzuerkennen. Du frägst nach Joachim und Brahms. Deine Schwägerin wird Dir besser Auskunft geben können, als meine Wenigkeit. Wenn J. mir begegnen wollen sollte, so hat er mich zu besuchen, was er da er jetzt eine Woche hier bleiben will, leicht hat. Am dritten Orte – werde ich ihn vermeiden (ohne Ostentation natürlich.) Den Künstler anlangend, den ich vor 14 Tagen hier gehört, (Beethoven Conzert, Schumann Fantasie, Loure, Bourée und Presto von Bach ) so ist meine Bewunderung gränzenlos. Ideale Vollendung! Von Dem kann ich was Vortragskunst anlangt, noch etwas lernen, wozu ich wirklich im Übrigen keine Gelegenheit finde als bei eignem Studium. äJ. hat während der letzten Zeit den freien Schweizer Boden mit Brahms nach Kräften ausgesogen. Bern – Zürich – Schaffhausen – Winterthur – Aarau – Zofingen u. s. w. Am 10. spielt er in Mülhausen (immer „mit“) – ich habe ihm bereitwillig diesen Tag cedirt – dann geht er nach Paris um bei Pasdeloup aufzutreten.å Sein Hiersein genirt mich einigermaaßen – es ruft eine Menge bitterer und melancholischer Gedanken wach. Da ich Frau und Kinder entbehren muß (Möbel sind in München, wohin immer noch Möglichkeit von Rückkehr gedacht werden kann – Anfang Dezember entscheidet sich’s definitiv) so bin ich ohnedem nicht sehr lustiger Laune. Wenn nicht Merians hier wären und ich mich ihres sehr lieben Umgangs erfreute, so könnte ich bedeutend aus dem Gleichgewichte fallen. äEin amerikanischer Antrag (sehr anständig weil ohne „Cornac“ ) kam diess Jahr zu spät: höchst wahrscheinlich gehe ich Herbst 67 hinüber. Macht sich München nicht (was ich aus materiellen Gründen wünschenswerth erachten muß, nämlich daß es sich macht) so nehme ich gern mit Basel vorlieb das mir in vieler Beziehung (eine wesentliche bildet die Abgeschnittenheit von den deutschen Musizi) sehr gut behagen würde, sobald ich eine passende Wohnung für die Familie gefunden. Die andere wesentliche Bedingung wird sich nach und nach erfüllen laßen: die Erwebsgelegenheit.å Vor der Hand habe ich noch unglaublich viel Lectionen „auf Lager“. Die älteren Klaviermamsells bilden meine erste Kundschaft. Das ist nicht so übel. Ich kann da gründlich aufräumen, wo es am nöthigsten ist und von wo sich die Consequenzen meines Hierseins am besten ausbreiten können. äSchönsten Dank für das Anerbieten mit Deiner Ouverture. Wenns mir der hohe Conzertrath durch Vermittlung des Feuervers.-Direktors gestattet, führe ich sie recht bald hier auf. Mit meinen Triospielern bin ich sehr zufrieden. Es ist wahrhaftig keine Übertreibung, wenn ich Dir erkläre, daß ich weder in Berlin, noch in München so tüchtige Kammer-Musizi aufzutreiben vermochte. In unserer 2ten Soirée bringen wir Dein 2tes Trio. Betreffs Deiner freundlichen Unterhandlung mit Schotts in meinem Interesse nachträglich verbindlichsten Dank. Ich habe schon direkte Nachrichten von der Firma. Meine Ouverture ist in Stich gegeben – die Meistersinger-Paraphrasen werden anständig honorirt; Ende der Woche schicke ich meinen in totaler Umarbeitung begriffenen Marsch ein. Wann ungefähr kommt Deine 2te Symphonie in Wiesbaden zur Aufführung? Vergiss ja nicht, mir das a tempo zu melden. Möglich ists immerhin, daß ich mich einfinden kann. Deine Productivität ist – erschreckend, d. h. erstarrend. Wie fängst Du das an? Möge Dir das „Büffeln“ nur wohl bekommen! Vom Schreiben, d. h. gelegentlichen Notifiziren dieses oder jenes Dich Betreffenden dispensire Dich denn aber doch nicht. Mir ists immer eine ungeheure Freude wenn ich Deine Handschrift sehe und ich brauche deren ein wenig.å Meinen Münchner Prozess (Klage wegen Diffamation) neulich auch in 2ter Instanz gewonnen. Man schöpft seine Befriedigung woher man eben kann. äDa Du vom Gesundheitszustand Deiner verehrten Frau nichts schreibst, so nehme ich das Beste an, bitte ferner, mich in freundliche Erinnerung zu bringen. Der schwesterliche Brief ist extemplo besorgt worden. (War nicht mühselig – wir sind quasi Nachbarn.)å In den Signalen wirst Du wohl neulich meine „Manier“ erkannt haben. Die Entenbrut wurde mir schliesslich zu toll: Senff hat sich mir gegenüber anständig benommen. äHast Du Hülsen kennen gelernt? Sollte König Alfred nicht unter die Protection der Kronprinzess gestellt werden können. Trotz Allem, was Du von Deinem Autorstandpunkt und mit Recht – nämlich als Du – dagegen sagen kannst, mir thät’s leid, daß der Alfred bei lebendigem Leibe begraben bleiben sollte. Heute Abend – es war übrigens ein miserables Mendelfeierconzert – hat ein Schüler von mir, Holkamp aus Amsterdam sein erstes Debüt mit dem Rondo Op. 29 (mit Orch.) gemacht. Die Gelegenheit meine Éleven hier zu ihrem Besten ins Feuer zu bringen, ist mir sehr werthvoll; Merian ist hierbei wie in Allem sehr liebenswürdig und gefällig. Den Feeerich von Elvershöh hält man sich etwas vom Leibe – er wird leicht insolent, wenn auch immer formell mit einem gewissen antikapellmeisterlichen Schliff. Es ist doch gut daß das Papier einen Rand hat. Ich schmierte so weiter bis in die Nacht hinein, uneingedenk, daß Du vielleicht lieber was Anderes lesen möchtest, wenn etwa zum Lesen Zeit vorhanden. Nochmals herzlichen Gruss und antizipirten Dank für die sehnlichst erwartete Sendung. In treuer Anhänglichkeit und Bewunderung Dein Spieler Hans vBülow Na! Und Baden-Baden! Gott segne die Kammer! Das wird wohl auch Deine „Potsdamer“ Actien mitsegnen! å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (4. 11. 1866); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.