Verehrter freund! Wir hatten uns eben sehr eindringlich und (es ist nicht zu
depreziren ) erfolgreich mit Dir beschäftigt, als ich heimkehrend Deine freundlichen
Zeilen vorfand, die ich noch vor Schlafengehen kurz aber wenig interessant
beantworten will. Also es war eine große Matinée bei Merians, von der das beifolgende
Programm Meldung thut. Eine Matinée „internationale“, „limitrophe“ kurz
„extrordinaire“. 25 Musikfreunde (und freundinnen) aus Mühlhausen und Umgegend,
ebenso viel aus Basel. Das Quinett ging prächtig und machte Allen Freude, obwohl es
zunächst nur auf die Wirthe berechnet war, die der öffentl. Aufführung, wie Du
weisst, nicht hatten beiwohnen können. Deine verehrte Schwägerin war trefflich (wie
irgend jemals) bei Stimme trotz Schnupfens: Dein Duett – der Titel fällt mir nicht
ein, also Des dur – religioso – mußte auf Mühlhausiges enthusiastisches Dacaporufen
repetirt werden und somit ist der Ruhm Deines Namens nun über die französische Grenze
gedrungen, so sehr Du Dich sträuben magst, den Elsass als französisches Gebiet
anzuerkennen. Du frägst nach Joachim und Brahms. Deine Schwägerin wird Dir besser
Auskunft geben können, als meine Wenigkeit. Wenn J. mir begegnen wollen sollte, so
hat er mich zu besuchen, was er da er jetzt eine Woche hier bleiben will, leicht hat.
Am dritten Orte – werde ich ihn vermeiden (ohne Ostentation natürlich.) Den Künstler
anlangend, den ich vor 14 Tagen hier gehört, (Beethoven Conzert, Schumann Fantasie,
Loure, Bourée und Presto von Bach ) so ist meine Bewunderung gränzenlos. Ideale
Vollendung! Von Dem kann ich was Vortragskunst anlangt, noch etwas lernen, wozu ich
wirklich im Übrigen keine Gelegenheit finde als bei eignem Studium. äJ. hat während
der letzten Zeit den freien Schweizer Boden mit Brahms nach Kräften ausgesogen. Bern
– Zürich – Schaffhausen – Winterthur – Aarau – Zofingen u. s. w. Am 10. spielt er in
Mülhausen (immer „mit“) – ich habe ihm bereitwillig diesen Tag cedirt – dann geht er
nach Paris um bei Pasdeloup aufzutreten.å Sein Hiersein genirt mich einigermaaßen –
es ruft eine Menge bitterer und melancholischer Gedanken wach. Da ich Frau und Kinder
entbehren muß (Möbel sind in München, wohin immer noch Möglichkeit von Rückkehr
gedacht werden kann – Anfang Dezember entscheidet sich’s definitiv) so bin ich
ohnedem nicht sehr lustiger Laune. Wenn nicht Merians hier wären und ich mich ihres
sehr lieben Umgangs erfreute, so könnte ich bedeutend aus dem Gleichgewichte fallen.
äEin amerikanischer Antrag (sehr anständig weil ohne „Cornac“ ) kam diess Jahr zu
spät: höchst wahrscheinlich gehe ich Herbst 67 hinüber. Macht sich München nicht (was
ich aus materiellen Gründen wünschenswerth erachten muß, nämlich daß es sich macht)
so nehme ich gern mit Basel vorlieb das mir in vieler Beziehung (eine wesentliche
bildet die Abgeschnittenheit von den deutschen Musizi) sehr gut behagen würde, sobald
ich eine passende Wohnung für die Familie gefunden. Die andere wesentliche Bedingung
wird sich nach und nach erfüllen laßen: die Erwebsgelegenheit.å Vor der Hand habe ich
noch unglaublich viel Lectionen „auf Lager“. Die älteren Klaviermamsells bilden meine
erste Kundschaft. Das ist nicht so übel. Ich kann da gründlich aufräumen, wo es am
nöthigsten ist und von wo sich die Consequenzen meines Hierseins am besten ausbreiten
können. äSchönsten Dank für das Anerbieten mit Deiner Ouverture. Wenns mir der hohe
Conzertrath durch Vermittlung des Feuervers.-Direktors gestattet, führe ich sie recht
bald hier auf. Mit meinen Triospielern bin ich sehr zufrieden. Es ist wahrhaftig
keine Übertreibung, wenn ich Dir erkläre, daß ich weder in Berlin, noch in München so
tüchtige Kammer-Musizi aufzutreiben vermochte. In unserer 2ten Soirée bringen wir
Dein 2tes Trio. Betreffs Deiner freundlichen Unterhandlung mit Schotts in meinem
Interesse nachträglich verbindlichsten Dank. Ich habe schon direkte Nachrichten von
der Firma. Meine Ouverture ist in Stich gegeben – die Meistersinger-Paraphrasen
werden anständig honorirt; Ende der Woche schicke ich meinen in totaler Umarbeitung
begriffenen Marsch ein. Wann ungefähr kommt Deine 2te Symphonie in Wiesbaden zur
Aufführung? Vergiss ja nicht, mir das a tempo zu melden. Möglich ists immerhin, daß
ich mich einfinden kann. Deine Productivität ist – erschreckend, d. h. erstarrend.
Wie fängst Du das an? Möge Dir das „Büffeln“ nur wohl bekommen! Vom Schreiben, d. h.
gelegentlichen Notifiziren dieses oder jenes Dich Betreffenden dispensire Dich denn
aber doch nicht. Mir ists immer eine ungeheure Freude wenn ich Deine Handschrift sehe
und ich brauche deren ein wenig.å Meinen Münchner Prozess (Klage wegen Diffamation)
neulich auch in 2ter Instanz gewonnen. Man schöpft seine Befriedigung woher man eben
kann. äDa Du vom Gesundheitszustand Deiner verehrten Frau nichts schreibst, so nehme
ich das Beste an, bitte ferner, mich in freundliche Erinnerung zu bringen. Der
schwesterliche Brief ist extemplo besorgt worden. (War nicht mühselig – wir sind
quasi Nachbarn.)å In den Signalen wirst Du wohl neulich meine „Manier“ erkannt haben.
Die Entenbrut wurde mir schliesslich zu toll: Senff hat sich mir gegenüber anständig
benommen. äHast Du Hülsen kennen gelernt? Sollte König Alfred nicht unter die
Protection der Kronprinzess gestellt werden können. Trotz Allem, was Du von Deinem
Autorstandpunkt und mit Recht – nämlich als Du – dagegen sagen kannst, mir thät’s
leid, daß der Alfred bei lebendigem Leibe begraben bleiben sollte. Heute Abend – es
war übrigens ein miserables Mendelfeierconzert – hat ein Schüler von mir, Holkamp aus
Amsterdam sein erstes Debüt mit dem Rondo Op. 29 (mit Orch.) gemacht. Die Gelegenheit
meine Éleven hier zu ihrem Besten ins Feuer zu bringen, ist mir sehr werthvoll;
Merian ist hierbei wie in Allem sehr liebenswürdig und gefällig. Den Feeerich von
Elvershöh hält man sich etwas vom Leibe – er wird leicht insolent, wenn auch immer
formell mit einem gewissen antikapellmeisterlichen Schliff. Es ist doch gut daß das
Papier einen Rand hat. Ich schmierte so weiter bis in die Nacht hinein, uneingedenk,
daß Du vielleicht lieber was Anderes lesen möchtest, wenn etwa zum Lesen Zeit
vorhanden. Nochmals herzlichen Gruss und antizipirten Dank für die sehnlichst
erwartete Sendung. In treuer Anhänglichkeit und Bewunderung Dein Spieler Hans vBülow
Na! Und Baden-Baden! Gott segne die Kammer! Das wird wohl auch Deine „Potsdamer“
Actien mitsegnen! å [copyright Simon Kannenberg]