Verehrter Freund! Herzlichen Dank von meiner Frau und mir für Deine wohltuende
Theilnahme an dem Trauerfall, der uns so schmerzlich betroffen. Liszts Mutter war
zwar bereits 78 Jahr alt, erfreute sich jedoch trotz ihrer Fußlähmung einer so
kräftigen Constitution, daß wir ihr Ableben noch in weiter Ferne glauben mußten. Dass
sie kurz vor dem bevorstehenden Wiedersehen ihres Sohnes, vor dem Mitgenuß seiner
Anerkennung als Componist in Paris scheiden mußte, das ist eine jener widerwärtigen
Gemeinheiten der „Vorsehung“ an die sich gewöhnen, schwer fällt. Auf die Pariser
Reise, somit auch auf den Rückweg über Carlsruhe werde ich leider verzichten müßen.
Ich kann während des März am Rhein (wo ich mich allmälig festzusetzen – künstlerisch
– gute Aussicht habe) und in Holland einiges Geld verdienen, deßen wir auch zur
Sommererholung bedürfen, und würde daher um so mehr verlieren, als mir der Pariser
Aufenthalt bedeutende Kosten verursachen möchte. Von Brendel habe ich neulich Antwort
erhalten. Der gute Mensch wird alle Tage confuser, stumpfer, gehirnweichlicher und –
mauleselhafter. Er will den eingesendeten Artikel der Mittelrheinischen erst
vergleichen mit dem Referat in seinem Organ, dann überlegen – und natürlich zuletzt
die Sache vertrödeln. Zopff, der verdorbene Schüler Marx’s ist übrigens der
eigentliche Hauptredakteur seit lange (Omen habet nomen ) Ich will keine weiteren
sterilen Raisonnemens anstellen, wollte Dein Vertrauen nur soweit rechtfertigen, daß
ich Dir zeigte, wie ich Deine allzubescheidenen Wünsche nicht auf die lange Bank zu
schieben pflege u. s. w. Zu einer ausführlichen Erwiderung auf Dein neuliches
Schreiben fehlt mir leider die Zeit. Ich habe die Vorproben der Elisabeth beendet.
Donnerstag u. Freitag Hauptproben – Sonnabend Aufführung, Mittwoch drauf vermuthlich
zweite im Abonnement. Eine Wiederholung zu Ostern gibts schwerlich – dagegen im Mai
dem dann Zurückgekehrten zu Ehren. Ich verspreche mir schönes Gelingen und gute
Aufnahme. (: Eines kann ich nicht unerwähnt laßen: glaube niemals, daß meine Briefe
an Dich Dies u. Jenes zwischen den Zeilen zu Lesende enthalten: is nich. Im Übrigen
sei auch stets meines Respekts vor Deinem Können, Wissen und Schaffen versichert und
meiner persönlichen Ergebenheit, auch wenn ich dem, was der Nichtcomponist denkt,
sagt u. s. w. im Innersten Opposition mache. Wer so produktiv wie Du, der hat das
Recht der Verneinung Andrer – wenn aber ein Hiller, Reinecke, kurz Lausbuben
„verneinen“, dann werde ich rabbiat.:) Beiliegender Zettel sagt Dir, daß ich mich
neuerdings wieder viel mit Dir beschäftigt. Meine Frau hört Deinem Op. 91. stets mit
größtem Vergnügen zu, auch wenn ich daran übe. Und das war nöthig – ich hatte das
Stück wieder verlernt; nun spiele ichs aber famos, so daß es mir herzlich leid thut,
daß Du’s nicht von mir hörst. Bei Gott – besser als von mir kann es Dir nicht
vorgespielt werden. F. L. kann diesen Winter durch Dich seinen ganzen Ruf als Suitier
verlieren: Perfall (gebet dem cuique das suum!) hat’s durchgesetzt, daß Deine C dur
Orchester-Suite im zweiten Odeonsconzert (Mitte März) zur Aufführung kommt. Er wird
jetzt aus Angst vor mir – kühn. Explication hiervon einmal mündlich. Schade nur, daß
ich nicht dirigire – denn die Leute, welche sich in Deinen Stil nicht gründlich
eingelebt, verfehlen die Tempi. Damrosch in Breslau nahm 1 u. 5. viel zu langsam, 3
zu schnell. Dadurch aber kommt’s zu keiner Wärme, während das Werk, richtig
executirt, überall zünden muß. Enfin – immer ein Fortschritt nach dem andren. Ich bin
froh, daß ich das Saunest Berlin verlaßen. Der Süden ist ein besseres, ergiebigeres
Terrain. Schönsten Dank für die Absicht mit Sängers Fluch und das Interesse für
Nirwana. Nb. Von ersterem Stück hat Seifriz die Tempi verfehlt (meist zu rasch
genommen.) Wie viel hätten wir zusammen zu plaudern – und zwar nichts Unnützes! Doch
ich muß schliessen – Vormittags Lectionen, Nachm. Probe – Abends Klavierüben.
Empfiehl uns bestens Deiner verehrten Frau Gemahlin. Mit herzlichsten Wünschen für
ihr und des Fräuleins Wohlbefinden in alter treuer Anhänglichkeit und Bewunderung
Dein München, 20/2 66. HvBülow. Gelegentlich belästige ich Dich einmal mit einer
Bitte – wegen Schotts. Es ist eine Marotte von mir, das Wenige was von mir erschienen
ist (weils eben so wenig) so anständig als möglich in der Öffentlichkeit zu wissen.
Möchte also gar sehr gern, die von Schott dem Pesther Verleger abgekauften Op. 2 et 3
– so geringfügig das Zeug ist, ebenso die Ballade Op. 11. ausgeputzt, gesäubert, ev.
umgearbeitet – von der Verlagshandl[ung......lirt?] sehen. Könntest Du mir für
Erfüllun[g......... b]ehülflich sein? [copyright Simon Kannenberg]