Verehrter Freund! äviel Dank für Deine Mittheilung. Ich käme sehr gern am 18 August
d. h. ich würde natürlich eine Woche früher eintreffen, um eine Anzahl Stunden in
Deiner Gesellschaft zuzubringen. Aber – ich muß erst genau erfahren, wann die Pesther
Musikaufführung stattfindet, wann die Proben beginnen, ob meine Mitwirkung dazu
verlangt wird u. s. w. Darf ich Dich also freundlichst bitten, mir bis etwa Anfang
Juli – dann hoffe ich „au fait“ zu sein [–] Aufschub definitiver Erklärung zu
erwirken? Später werde ich noch bitten um Nachricht ob das Conzert mit der herzogl.
Kapelle stattfindet oder nicht. å Am 10 war, wie Du erfahren, die erste, am 13. die
zweite vorgestern den 19ten dritte Tristan-Aufführung. Wir sind Alle wie im Traum
über das merkwürdig vollständige Gelingen, namentlich über die steigende Theilnahme
des Publikums. Es ist der größte Erfolg, den je irgendwo die erste Aufführung eines
Wagnerschen Werkes erstritten! Schnorrs unglaublich, alle Übrigen recht erträglich,
Orchester famos! Wie Schade daß Du’s nicht beßer getroffen! Ich vermeße mich zu
behaupten, daß Du entschiedenes Gefallen daran gehabt haben würdest. Zur dritten
Auff. kam unter Anderm Anton Rubinstein. Hat sich aber bei Nacht und Nebel wieder
fortgeschlichen nach Baden-Baden, wo, – erschrick nicht – er sich in 14 Tagen mit
einer jungen Rußin (ohne Gift) verheirathen wird. Das sind die Folgen der
Unauftreibbarkeit eines guten Operngedichts! äCM Müller aus Meiningen mit Frau war
ebenfalls da – behauptete, noch ganz ohne Nachricht von Dir zu sein: Er stak einige
Wochen auf dem Lande bei Kaufbeuren oder in deßen 4meiligen Umkreise. Seifriz und ein
Adjutant des Fürsten sind ebenfalls wiedergekommen und zur Stunde noch hierå Mitte
nächster Woche soll auf kgl. Befehl noch eine vierte u. letzte Auff. stattfinden.
Kämst Du vielleicht? äDann telegraphire ich rechtzeitig. Einstweilen will ich meinen
furchtbaren Catarrh durch eine Excursion nach Baden verreisen, wo ich beiläufig der
Kgin v. Preußen einen unterthänigsten Guten Morgen in weisser Cravatte krähen muß.
Herzliche Grüsse meiner Frau an die Deinige nebst Glückwunsch. å Wagnern hast Du eine
entschiedene Freude durch Deinen Besuch gemacht. – Empfiehl mich bestens. In Eile
Dein in unwandelbarer Bewunderung treuergebener HvBülow. Daß W. endlich die Partitur
zur Walküre wiedererlangt hat, dafür läßt er Deiner schottischen Vermittlungsweise
bestens danken. Von Cornelius kein Wort. Er scheint nun definitiv nicht wiederkommen
zu wollen. [copyright Simon Kannenberg]