Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: München
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 21. Juni 1865 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 61
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund!
viel Dank für Deine Mittheilung. Ich käme sehr gern am 18 August
Veröffentlichung: Bülow 1900 IV, S. 41f.; Kannenberg 2020.

Müsse wissen, wann die Pesther Musikaufführung stattfinde, ehe er für den 18. August zu oder absagen könne. Berichtet über die erfolgreichen "Tristan"-Aufführungen vom 10./13./und 19. Alle seien wie im Traum über das "merkwürdig vollständige Gelingen". Bedauert, dass der E. nicht dabei sein konnte. Berichtet von der Heirat von Anton Rubinstein, der an der dritten Aufführung war, mit einer jungen Russin in Baden-Baden. Konzertmeister Müller aus Meiningen sei ebenfalls mit Frau da gewesen und habe behauptet, noch ohne Nachricht des E.s zu sein. Seifriz und ein Adjudant des Fürsten seien wiedergekommen und noch hier. Mitte nächster Woche werde die vierte und letzte Aufführung stattfinden. Müsse nach Baden, um der Königin von Preussen "Guten Morgen" zu krähen. Glückwünsche an die Frau. Wagner habe grosse Freude am Besuch des E.s gehabt. Dankt dem E., dass Wagner dank der "schottischen Vermittlungsweise" seine Partitur zur "Walküre" wieder erlangt habe. Kein Wort von Cornelius. Dieser scheine nicht wiederkommen zu wollen.

Verehrter Freund! äviel Dank für Deine Mittheilung. Ich käme sehr gern am 18 August d. h. ich würde natürlich eine Woche früher eintreffen, um eine Anzahl Stunden in Deiner Gesellschaft zuzubringen. Aber – ich muß erst genau erfahren, wann die Pesther Musikaufführung stattfindet, wann die Proben beginnen, ob meine Mitwirkung dazu verlangt wird u. s. w. Darf ich Dich also freundlichst bitten, mir bis etwa Anfang Juli – dann hoffe ich „au fait“ zu sein [–] Aufschub definitiver Erklärung zu erwirken? Später werde ich noch bitten um Nachricht ob das Conzert mit der herzogl. Kapelle stattfindet oder nicht. å Am 10 war, wie Du erfahren, die erste, am 13. die zweite vorgestern den 19ten dritte Tristan-Aufführung. Wir sind Alle wie im Traum über das merkwürdig vollständige Gelingen, namentlich über die steigende Theilnahme des Publikums. Es ist der größte Erfolg, den je irgendwo die erste Aufführung eines Wagnerschen Werkes erstritten! Schnorrs unglaublich, alle Übrigen recht erträglich, Orchester famos! Wie Schade daß Du’s nicht beßer getroffen! Ich vermeße mich zu behaupten, daß Du entschiedenes Gefallen daran gehabt haben würdest. Zur dritten Auff. kam unter Anderm Anton Rubinstein. Hat sich aber bei Nacht und Nebel wieder fortgeschlichen nach Baden-Baden, wo, – erschrick nicht – er sich in 14 Tagen mit einer jungen Rußin (ohne Gift) verheirathen wird. Das sind die Folgen der Unauftreibbarkeit eines guten Operngedichts! äCM Müller aus Meiningen mit Frau war ebenfalls da – behauptete, noch ganz ohne Nachricht von Dir zu sein: Er stak einige Wochen auf dem Lande bei Kaufbeuren oder in deßen 4meiligen Umkreise. Seifriz und ein Adjutant des Fürsten sind ebenfalls wiedergekommen und zur Stunde noch hierå Mitte nächster Woche soll auf kgl. Befehl noch eine vierte u. letzte Auff. stattfinden. Kämst Du vielleicht? äDann telegraphire ich rechtzeitig. Einstweilen will ich meinen furchtbaren Catarrh durch eine Excursion nach Baden verreisen, wo ich beiläufig der Kgin v. Preußen einen unterthänigsten Guten Morgen in weisser Cravatte krähen muß. Herzliche Grüsse meiner Frau an die Deinige nebst Glückwunsch. å Wagnern hast Du eine entschiedene Freude durch Deinen Besuch gemacht. – Empfiehl mich bestens. In Eile Dein in unwandelbarer Bewunderung treuergebener HvBülow. Daß W. endlich die Partitur zur Walküre wiedererlangt hat, dafür läßt er Deiner schottischen Vermittlungsweise bestens danken. Von Cornelius kein Wort. Er scheint nun definitiv nicht wiederkommen zu wollen. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (21. 6. 1865); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 15. 6 2026.