Verehrter freund, herzlichen Dank daß Du meiner gedenkst in Deiner colossalen
Arbeitsthätigkeit. War die ganze Zeit sehr geplagt mit gewohntem Frohndienst und
aussergewöhnlichen – natürlich sterilen Scheerereien. Du kannst Dir’s denken: die
Carlsruher Tonkünstlerversammlung, deren musikal. Mitdirektion ich angenommen, weil
mein Schwiegervater an diese Bedingung sein Erscheinen geknüpft. Jetzt bin ich mit
einem Fuße schon im Coupé – Wagner (entre nous) reclamirt mich auf’s Stürmischeste
nach Starnberg bei München. Gegen den 12 Juli bin ich wieder hier, wo ich mancherlei
zu arrangiren habe. Gegen den 24sten denke ich nach Wiesbaden versprochener Maaßen
abzureisen. Daß mir Conzertmstr. Barth den 5 August noch reservirt hat für ein
Administrationsconzert, dafür danke ich ihm und Dir bestens. Willkommene
Erleichterung in der Saison, wo ich nur ausgebe, nichts einnehme. Ich acceptire und
bitte Dich hierdurch freundlichst, es mit nicht übel zu nehmen, daß ich Dich mit
dieser Mittheilung an Barth behellige. Ich bin so herunter, daß mir das
Briefschreiben – schwer fällt. Faul bin ich übrigens nicht gewesen. Habe eine
Scarlatti-Anthologie (18 Stücke in Suitenform) druckfertig gemacht von der ich
glaube, daß Du ihr mehr Zustimmung ertheilen wirst als meiner Em. Bach-Bearbeitung.
Wenn ich nur mehr Muße, mehr Ruhe gewinnen könnte! Die Lectionen reiben mich auf – im
Verein mit den Conzerten. Ich gehe immer mit dem Plane um, Berlin zu verlaßen.
Vielleicht – findet sich in München etwas – so wenig plausibel es ist. Ich werde
nichts von der Hand weisen, was mir eine nicht zu anstrengende Weiterexistenz
einigermaßen garantirt. äFrau und Kinder Gott sei Dank wohl. Ich hoffe daß Ilmenau
Deiner Frau Gemahlin gut angeschlagen. Vermuthlich ist Dein Strohwittwerthum zu Ende.
Nach der Rückkehr hierher – Mitte Juli schreibe ich wieder. Ende Juli komme ich also
selbst und für den 5 August bin ich sehr disponibel.å Ich hatte keine Ahnung, daß
eine Zeitbestimmung von mir erwartet würde, da bei solchem „Geruder und Gedränge“
gewöhnlich doch der Einzelne commandirt zu werden pflegt. äEinstweilen Wiederholung
herzlichen Dankes und tausend Grüsse Deines treuergebenen Berlin, 21 Juni 1864. Hans
vBülow. 5. Enkeplatz.å [copyright Simon Kannenberg]