Verehrter freund, so eben empfange ich in einem Briefe meiner Frau Deine lieben
Zeilen vom 27 April. Sehr erfreut wieder etwas von Dir zu hören, ebenso glücklich als
darüber daß während Geraumem nichts von vielen anderen Personen erfahren. Wie enorm
thätig Du bist, habe ich aus der Anzeige von der Entbindung Deines Verlegers von
Deinem Klaviertrio ersehen, von dem, wie Du weisst, ich nicht eine Note kenne. Brenne
sehr darauf. Häufig an Dich gedacht in Petersburg und Moskau. Mit Anton Rubinstein
nach einem häuslichen Diner Vaterlandssinfonie vierhändig gespielt. Er wie sein
Bruder Nikolaus, der in Moskau noch allmächtiger, noch populärer, werden das Werk
nächste Saison in den Conzerten der russ. Gesellschaft aufführen. Frühlingsode ist
dies Jahr gemacht worden aber wohl nicht genügend von der betreffenden Dame auf dem
Piano executirt. Was die beiden energischen Ganzkerle anlangt, so ist’s unglaublich,
wie weit sie in kürzester Frist die musikalische Civilisation gefördert. Das
Petersburger Conservatorium liefert nach kaum zweijährigem Bestehen Resultate, die
alle unsre deutschen Winkelakademieen tief beschämen. Halt! Du, der das deutsche
Vaterland in Musik gesetzt, empörst Dich bereits, daß ich zu meinem westlichen
Antipatriotismus noch einen östlichen hinzugefügt. Also – beruhige Dich, ich kehre
nicht allzusarmatisirt zurück – aber im Hinblick auf die bequemeren modi, sich die
Künstlerexistenz an der Newa und Moskwa zu erwerben – schwanke ich nicht unerheblich,
ob ich nicht Anton oder Nicolai’s Antrag, überzusiedeln, vielleicht noch in diesem
Jahre annehmen soll. Rücksicht auf das Klima, d. h. deßen Schwererträglichkeit für
Frau und Kinder steht einerseits entgegen, andererseits die Illusion – le „mirage“
wäre richtiger – als ob ich mit dem Opfer von neunjährigen Lebenskraftanstrengungen
mir nicht doch vielleicht eine angemeßenere Zukunftswirksamkeit in Berlin einstmals
zu erwerben zu denken – gedacht werden könnte. „Also mit Schätzen reich beladen
heimgekehrt?“ frägst Du mit wohlwollendem, mit freudigem Lächeln. Nein. 1650 Thaler
netto und einen starken Katarrh nebst geschwollener Backe, die ich hier pflegen will,
und bei dieser Gelegenheit die meinem „Rufe“ hier auf dem Wege liegenden paar Hundert
Conzertthaler – einstecken. So summirt sich’s etwa auf 2000 – für 8 Wochen ganz nett.
Wo brächte man das im Vaterlande zusammen? Aber für Russland sehr schlecht. Dort –
war ich eben noch Debütant – dann gab’s allerlei ungünstige Verhältniße – vor Allem
auch die mich wie ein Fatum überall verfolgende Carambolage mit der verehrten Dame,
von der ich aus Courtoisie in Moskau wie in Petersburg Mendelssohn’s Op. 14 (sic) und
Var. ennuyeuses habe hören müßen. Diese Dame war von der Alles accaparirenden und
billige Preise einführenden russ. Societät an beiden Orten im Voraus für bestimmte
Summen engagirt worden. Nun – über alle diese Dinge und Anderes mündlich, wenn Dich’s
interessiren sollte. „Wann?“ Ich habe jetzt so lange das Conservatorium geschwänzt,
daß ich◊1 bei der Rückkehr denn doch ein paar Monate im Zusammenhange wieder
unterrichten muß. Also werde ich wohl nur die üblichen Ferien zu Excursionen benutzen
können, die Zeit zwischen dem 10 Juli bis 10 August. Da komme ich auf 14 Tage nach
Wiesbaden und auf ebensoviel nach Baden-Baden, wo es allerlei zu erledigen gibt. Wenn
mich die Administration wieder mit Orchesterbegleitung produziren will, so wäre das
charmant. Conzert von Henselt oder Schott’s zu liebe das zweite von Liszt – d. h.
nicht blos für Schott’s. äAn Barth habe ich neulich aus Petersburg eine reizende,
überaus reizende junge Pianoteuse (Schülerin von Henselt ) empfohlen, Frl. Ella
Schultz. Wenn Schwemer sie sieht, läßt er sie unbedenklich spielen. Übrigens spielt
sie besser wie Bendel. å Ich komme vom hundersten ins Tausendste. Da wollte ich Dir
ad vocem russ. Gesellschaft einen Zug des Edelsinnes erzählen, der denkwürdig ist.
Volkmann’s Sinfonie wurde diesen Winter in Moskau mit vielem Beifall aufgeführt (um
Mißverständniße abzubahnen, ich halte wenig von der Arbeit, wie vermuthlich auch Du)
– enfin – die Sinfonie gefällt und da Nikolai gehört, daß der Comp. in bedrängter
Lage, eröffnet er eine Subscription, die 350 Rb. Silber ergibt, welche Volkmann
kürzlich als Zeichen der Hochachtung übersandt worden ist. Russland schützt deutsche
Componisten vorm Verhungern! Von der musikal. Welt ausserhalb Russlands habe ich bis
dato fast gar keine Kenntniß. Es war mir neu, was Du mir von den Saulinern in Leipzig
geschrieben – wenig erbaulich! Schindelmeissers Tod habe ich erst hier erfahren. Und
daß Meyerbeer vor ein paar Tagen ihm nachgefolgt, hat mich, ich kann sagen,
erschreckt. Er ist stets sehr artig für mich gewesen. Zum Dank habe ich in beiden
russ. Residenzen seine Ausstellungsouverture „famos“ zur Aufführung gebracht. À
propos – Du weisst, in St. P. hatte ich ein Orchester von 48 Viol. 12 Alto’s,
ebensoviel Celli’s Contrabäßen und Rohr und Blech Alles doppelt besetzt. Die
Einbildung, daß ich ein ganz rarer Orchesterdirigent, hat bei dieser Maßenkutschirung
neue Nahrung erhalten. Namentlich in Moskau habe ich Ausgezeichnetes zuwege gebracht.
Dort hatte ich’s nämlich mit einem festen einheitlichen Orchesterkörper zu thun
(allerdings nur 16 prim und 14 second-Violinen u. s. w.) Für Schindelmeißer soll
Neswadba gewonnen sein. Marpurg, höre ich von Königsbergern, geht nach Sondershausen,
wo Stein sich à la Schindelmeißer empfohlen. Er war empfehlenswerther. (als Musiker)
So viel zu schwatzen, ist unerlaubt, wenn man nicht einige schlechte Witze einstreut
– will mich eigentlich dünken. Die Grippe macht mich aber melancholisch. Zudem habe
ich mancherlei Ärger erlebt. In einem Punkte wird dieser Deine Schadenfreude, gäbe es
dergleichen, provoziren. äEine gewiße Ahasverische Null, die überall vergeblich den
richtigen Misthaufen sucht, auf dem sie krepiren könnte, hat meine aus Mitleid und
Interesse an ihrer mannichfachen Begabung hervorgerufenen Bemühungen, ihr in Berlin
eine anständige Existenz zu ermöglichen, mit dem gemeinsten Undank, mit der
nichtswürdigsten Perfidie belohnt. Infolge ihrer erst versteckten, dann aber impudent
offenen Verbündung mit meinen und Liszt’s Gegnern habe ich ihr die Stellvertretung
\bei/ meiner Klaße im Conservatorium entzogen. Sie ist ausser sich und droht
racheschnaubend. Ich habe beschloßen, bei meiner Rückkehr in Berlin kurzen Prozess zu
machen und ihr den verdienten Sold auszuzahlen. Unter heiliger Zusicherung strengster
Discretion stelle ich an Dich die bittende Anfrage, ob Du mir, sei es direkt oder
indirekt Data liefern kannst, mit denen bewaffnet ich das bewusste gemeinschädliche
Individuum in die Enge treiben, von der Vollführung neuer Schweinereien abhalten
kann. Eventuell würde mir der Nachweis genügen, von wo und von wem „daselbst“ ich mir
dergl. verschaffen könnte.å Nota bene – mit Stern stehe ich auf feindl. Fuß.
Vermuthlich quittire ich sein Institut am 1 October. äEr hat sich wie ein Schweinigel
benommen und steckt mit Demjenigen, von dem Joachim einst sagte, daß er sich von
einem Ferkel nur dadurch unterscheide, daß er nicht gleich diesem seinen Namen mit
Grund führe – unter einer Kaputze. Das Infamste an dem Benehmen dieser beiden jüd.
Gauner ist, daß sie in meiner Abwesenheit vernehmlich intriguirt haben und meiner
Frau allerlei „ennuis“ bereitet. Saubere Gesellschaft. Aber ich werde ein Exempel
statuiren! S’soll mir so bald in Berlin nicht wieder Einer auf die Leichdörner treten
wollen! Unbegreiflich ist mir nur bis jetzt der Übermuth Stern’s – bei seiner
sonstigen sprüchwörtlichen Feigheit.å Ohne Renommage – gehe ich ab, so kann er seine
Bude schliessen. Mit einer beispiellos rücksichtslosen Behandlung meines trefflichen
Freundes Weitzmann fing der Skandal an, gegen den ich protestirte. Übrigens – die
ganze Sache ist für mich mit einem Dunkel umgeben, \so/ daß ich erst bei der Rückkehr
eine klarere Anschauung gewinnen kann. äAuch hierüber seiner Zeit, wenn es der Mühe
werth, mündlich Genaueres. Aus dem Charakter Deiner Zeilen entnehme ich mit
besonderer Freude, daß Du mit Deiner Gesundheit vollkommen zufrieden zu sein Ursache
hast. Möge die Zeit Deines Strohwitthums für die Erholung Deiner verehrten Frau zu
ähnlicher Befriedigung ausgehen.å Von Deinem Carlsruher Siege habe ich durch die
Zeitungen schon früher zu meiner Freude gehört. Bin sehr begierig auf das Werk. Wäre
daßelbe zum Anfange für Berlin nicht noch mehr geeignet als die Vaterlandssinfonie?
Die Kurzathmigkeit unserer lieben Sandwüstenbewohner drängt mir diese praktische
Erwägung auf. Bronsarts am Rhein? Bin gespannt auf Näheres. Poor Kalliwoda! So sind
noch Niemandem die Leviten gelesen worden! Was macht der Ehrenveteran Pferdinand?
Wird uns wohl einen schönen Nekrolog auf Meyerbeer puhsten! Ach wäre doch Der lieber
an den Cocythus gegangen! Armer Rhein! Oder sollte die Hillersche Musikautokratie uns
vorläufig vor westlichen Überfällen sichern? — Hier sieht es musikalisch – öde aus,
in gutem Sinne. Es wäre Alles zu machen – ohne zweibeinige Hinderniße.
Klavierunterricht ist gut: Köhler und Jenßen. Letzterer ist sehr fleissig und dürfte
sich noch sehr interessant weiter entwickeln. Seine bei Senff erscheinende◊2
Claviersonate ist aber noch nicht das „Richtige“, trotz vieler tüchtiger Keime.
Schreibt zu viel, zu subjectiv, zu dämmerungseinfällig, mit welcher Bemerkung ich ihn
aber nicht zu Eschmann II herunterschrauben will. Akademie(Gesang)-Direktor Laudien –
tüchtig. Am Sonnabend führt er Rubinsteins „Paradies“ auf. Theaterkapellmeister Hugo
Seidel – treffl. Dirigent und anständiger Musiker, Pianist und Mensch. Jedoch
miserables Opernpersonal und [...]\ver/ludertes Orchester. Es kann aber was werden
mit Geduld und – viel Spucke. Genug, genug – ich werde gar zu knotig. äBis zum 10ten
bleibe ich hier. Schreibe mir ein Wort oder zwei nach Berlin. Lebe wohl. In
freundschaftl. treuer Verehrung Dein Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]