Verehrter freund, äschönsten Dank für Kunde. War Dir deren noch schuldig. Langer
höchst willfährig – ganz zu Deiner Verfügung. Daß er Dir im Herbste nicht
geantwortet, dafür hatte er eine Anzahl φαυλer Entschuldigungen anzuführen, die ich –
vergessen. å Montag den 8. febr. habe ich zum ersten Male Deine große Sinfonie gehört
(gerade 1¼ Stunde dauert sie) – in Chemnitz! Mannsfeldt hatte sich große Mühe gegeben
– die Bläser waren sehr propper und manchmal fein, Geiger tüchtig aber bisweilen sehr
unrein. Dennoch war die Gesammtwirkung eine vortreffliche. Ich habe mit größter
Spannung zugehört und war so wenig abgespannt darnach, daß ich behaglich ein Da Capo
des Ganzen hätte mitmachen können. Applaudirt wurden alle Sätze lebhaft mit Ausnahme
des – zweiten, der allerdings auch am schwächsten ging. Famoses Werk – hat mir eine
große Freude gemacht. Bei erstem Eindrucke imponirten mir bei weitem am meisten der
erste und dann der letzte Satz. Das Adagio wollte mir am wenigsten gefallen.
Fabelhaft reich – und viele Überraschungen was Colorit anlangt. Es wird mir ein
ungeheures gaudium sein, das Werk hier in der künftigen Saison anständig aufzuführen.
Hoffentlich kommst Du dazu her. äAus Dresden habe ich Dir mitzutheilen – daß der
urbairische Lauterbach sich endlich entschloßen, die Liebesfee zu studieren – hat
schon die Stimmen ausschreiben laßen (doubliren) Jetzt bin ich ein bischen freier. d.
h. ich habe nur noch eine Klaviersoirée und das vierte Orchesterconzert (6 März) in
Berlin abzumachen.å Gestern ist es mir mit Beethoven gelungen (auf erfolgten
Hervorruf habe ich das Finale von Op. 106 repetirt!! – ist das nicht genial?) die
Hamburger Indifferenz zu überwältigen. Nächstes Jahr mache ich dort „Geschäfte“.
Dafür gebe ich das äSaunestå Leipzig auf, trotzdem Bagge zu meinen Gunsten
umgeschlagen. In Jena hat man mich am 12. zum Dr. phil. gemacht. Bilde mir viel
darauf ein, obwohl ich den Titel nicht im Knopfloch tragen kann. „chordarum
modulatori inter Germanos clarissimo, artis symphoniarum regundarum peritißimo,
harmoniarum inventori*) egregio“ etc. heisst es im elogium. Am 10 März Abreise nach
Petersburg, wo ich hoffe, ein bischen Unabhängigkeitsmaterial zu ergattern. Daß Du
Dich für Bl. intereßiren willst, ist gütig und gut. Er ist anstellig, geschickt,
liebenswürdig, honnett – nur ein wenig kön. sächs. weichlich. In Leipzig haben ihn
die Euterpeälumpenå so arg geschuhriegelt, daß er’s nicht mehr aushalten kann. Und er
that’s oder vielmehr er litt es – honoris caußa, gratis. — Beunruhige Dich nicht über
meine Reisestrapatzen. Habe zwei Nächte ausser dem Bette zugebracht und befinde mich
heute doch so wohl als – – – auch. Da Dich Fackel amüsirt, so will ich Dir doch eine
andere Bagatelle zum Amüsement schicken (folgt anbei) aus der Du ersiehst, daß auch
Franzosenfreunde patriotischer populärer Gefühle fähig sind. äGratulire zur
Zuwenig-Medaille! Der Lump hätte Dir wahrhaftig seine fausse lègion d’honneur geben
können! „Montjoie n’est ni ma joie, ni mon choix“. Condolire zu Bahn. Kann zur Rache
für den Tod von Frl. Pellet nicht A. Müller zur Aufgabe seiner Geistlosigkeit auf
Eurem Kirchhofe gezwungen werden?å Heute früh besuchte mich Kösting – in sehr
civilisirter Gestalt. Es ist ein Genie von G. G. Was er mir vom „Shakspeare“ erzählt
und declamirt hat, hat mich wunderbar gepackt und hingerißen. Von Berlin (er war
schon eine Woche hier) ist er so entzückt, daß er sich hier etabliren will. In
Hanover hat er drei Vorstellungen des Columbus angesehen, der großen Enthusiasmus
entzündet hat. Morgen geht er nach Dresden, Leipzig, Weimar u. s. w. — Sängers Fluch
in Wiesbaden aufführen – mit Vergnügen! Überhaupt – doch vom Sommer später! Tausig’s
drittes Conzertprogramm in Wien bringt die Metamorphosen von Dir. Tausig macht sich
immer besser! Dissonanzen sind zwanglose Hefte die bei Peters in zierlicher
Ausstattung erscheinen. Malicen in Bonbonpapier. Anonym. Willst Du nicht einmal in
Deinem Pulte nachsehen, ob sich was eignete zur Fortsetzung des ersten Heftes? Es ist
lohnender als Mostrichbriefe. Übrigens wird – honorirt! Ich habe mehr geschwatzt, als
ich vor mir und Dir verantworten kann. Nachsicht mit der Flüchtigkeit und den „alcune
licenze“ Deines treuergebenen Dr: Hans vBülow. Berlin, 21 febr. 64. [copyright Simon
Kannenberg]