Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 21. Februar 1864 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 56
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
schönsten Dank für Kunde. War Dir deren noch schuldig.
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 581ff.; Kannenberg 2020.

Langer habe Ausreden gehabt, weshalb er dem E. im Herbst nicht geschrieben habe. Habe in Chemnitz die grosse Symphonie des E.s gehört [op. 96]. Sie habe 1 1/4h gedauert. Mannsfeldt habe sich grosse Mühe gegeben. "Famoses Werk". Möchte die Symphonie in Berlin aufführen. Lauterbach wolle die "Liebesfee" op. 67 endlich in Dresden spielen. Konnte mit Beethoven die Hamburger Indifferenz besiegen. Gebe das "Saunest" Leipzig auf, obwohl Bagge zu seinen Gunsten umgeschlagen sei. Habe in Jena den Dr.-Titel erhalten. Abreise nach Petersburg. Dass der E. sich für "Bl." interessiere, sei gut und gütig. Dieser sei anstellig, geschickt und liebenswürdig, nur etwas "königlich-sächsisch weichlich". In Leipzig haben die "Euterpelumpen" diesen geschuhriegelt. Schickt dem E. weitere Artikel, da sich dieser über die "Fackel" amüsiere. Gratuliert zur "Zuwenig-Medaille". Der Lump hätte dem E. die "fausse légion d'honneur" geben können. Fragt, ob zur Rache für den Tod von Frl. Pellet nicht A. Müller zur Aufgabe seiner Geistlosigkeit auf Eurem Kirchhofe gezwungen werden könne. Habe Besuch von Kösting bekommen, der sich in Berlin niederlassen wolle und von "Shakespeare" erzählt habe. Dessen "Columbus" werde in Hannover gemacht. Dieser reise nach Dresden, Leipzig, Weimar. Wolle "Sängers Fluch" in Wiesbaden aufführen. Tausig spiele im dritten Konzertprogramm in Wien die "Metamorphosen" (aus op. 74). Bei Peters erscheinen zwanglose "Dissonanzen" (Hefte für Klavier). Fragt den E., ob dieser bei sich einmal nachschauen wolle, ob etwas Geeignetes von ihm darunter sei für die Fortsetzung des ersten Heftes. Es werde honoriert.

Verehrter freund, äschönsten Dank für Kunde. War Dir deren noch schuldig. Langer höchst willfährig – ganz zu Deiner Verfügung. Daß er Dir im Herbste nicht geantwortet, dafür hatte er eine Anzahl φαυλer Entschuldigungen anzuführen, die ich – vergessen. å Montag den 8. febr. habe ich zum ersten Male Deine große Sinfonie gehört (gerade 1¼ Stunde dauert sie) – in Chemnitz! Mannsfeldt hatte sich große Mühe gegeben – die Bläser waren sehr propper und manchmal fein, Geiger tüchtig aber bisweilen sehr unrein. Dennoch war die Gesammtwirkung eine vortreffliche. Ich habe mit größter Spannung zugehört und war so wenig abgespannt darnach, daß ich behaglich ein Da Capo des Ganzen hätte mitmachen können. Applaudirt wurden alle Sätze lebhaft mit Ausnahme des – zweiten, der allerdings auch am schwächsten ging. Famoses Werk – hat mir eine große Freude gemacht. Bei erstem Eindrucke imponirten mir bei weitem am meisten der erste und dann der letzte Satz. Das Adagio wollte mir am wenigsten gefallen. Fabelhaft reich – und viele Überraschungen was Colorit anlangt. Es wird mir ein ungeheures gaudium sein, das Werk hier in der künftigen Saison anständig aufzuführen. Hoffentlich kommst Du dazu her. äAus Dresden habe ich Dir mitzutheilen – daß der urbairische Lauterbach sich endlich entschloßen, die Liebesfee zu studieren – hat schon die Stimmen ausschreiben laßen (doubliren) Jetzt bin ich ein bischen freier. d. h. ich habe nur noch eine Klaviersoirée und das vierte Orchesterconzert (6 März) in Berlin abzumachen.å Gestern ist es mir mit Beethoven gelungen (auf erfolgten Hervorruf habe ich das Finale von Op. 106 repetirt!! – ist das nicht genial?) die Hamburger Indifferenz zu überwältigen. Nächstes Jahr mache ich dort „Geschäfte“. Dafür gebe ich das äSaunestå Leipzig auf, trotzdem Bagge zu meinen Gunsten umgeschlagen. In Jena hat man mich am 12. zum Dr. phil. gemacht. Bilde mir viel darauf ein, obwohl ich den Titel nicht im Knopfloch tragen kann. „chordarum modulatori inter Germanos clarissimo, artis symphoniarum regundarum peritißimo, harmoniarum inventori*) egregio“ etc. heisst es im elogium. Am 10 März Abreise nach Petersburg, wo ich hoffe, ein bischen Unabhängigkeitsmaterial zu ergattern. Daß Du Dich für Bl. intereßiren willst, ist gütig und gut. Er ist anstellig, geschickt, liebenswürdig, honnett – nur ein wenig kön. sächs. weichlich. In Leipzig haben ihn die Euterpeälumpenå so arg geschuhriegelt, daß er’s nicht mehr aushalten kann. Und er that’s oder vielmehr er litt es – honoris caußa, gratis. — Beunruhige Dich nicht über meine Reisestrapatzen. Habe zwei Nächte ausser dem Bette zugebracht und befinde mich heute doch so wohl als – – – auch. Da Dich Fackel amüsirt, so will ich Dir doch eine andere Bagatelle zum Amüsement schicken (folgt anbei) aus der Du ersiehst, daß auch Franzosenfreunde patriotischer populärer Gefühle fähig sind. äGratulire zur Zuwenig-Medaille! Der Lump hätte Dir wahrhaftig seine fausse lègion d’honneur geben können! „Montjoie n’est ni ma joie, ni mon choix“. Condolire zu Bahn. Kann zur Rache für den Tod von Frl. Pellet nicht A. Müller zur Aufgabe seiner Geistlosigkeit auf Eurem Kirchhofe gezwungen werden?å Heute früh besuchte mich Kösting – in sehr civilisirter Gestalt. Es ist ein Genie von G. G. Was er mir vom „Shakspeare“ erzählt und declamirt hat, hat mich wunderbar gepackt und hingerißen. Von Berlin (er war schon eine Woche hier) ist er so entzückt, daß er sich hier etabliren will. In Hanover hat er drei Vorstellungen des Columbus angesehen, der großen Enthusiasmus entzündet hat. Morgen geht er nach Dresden, Leipzig, Weimar u. s. w. — Sängers Fluch in Wiesbaden aufführen – mit Vergnügen! Überhaupt – doch vom Sommer später! Tausig’s drittes Conzertprogramm in Wien bringt die Metamorphosen von Dir. Tausig macht sich immer besser! Dissonanzen sind zwanglose Hefte die bei Peters in zierlicher Ausstattung erscheinen. Malicen in Bonbonpapier. Anonym. Willst Du nicht einmal in Deinem Pulte nachsehen, ob sich was eignete zur Fortsetzung des ersten Heftes? Es ist lohnender als Mostrichbriefe. Übrigens wird – honorirt! Ich habe mehr geschwatzt, als ich vor mir und Dir verantworten kann. Nachsicht mit der Flüchtigkeit und den „alcune licenze“ Deines treuergebenen Dr: Hans vBülow. Berlin, 21 febr. 64. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (21. 2. 1864); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 5 2026.