Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 10. Januar 1864 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 53
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 563f.; Marty 2014, S. 240ff.

Habe den Brief nach Rückkehr aus Dresden vorgefunden. Werde am Dienstag in Köthen spielen. Habe ein schlechtes Gewissen, da er die Symphonie op. 96 diese Saison noch nicht spielen könne. Hätte seinem jungen Institut gerne diese Ehre verschafft. Will den E. als Dirigent des Werks. Spiele aus praktischen und diplomatischen Gründen Beethovens "Eroica" und dessen Achte Symphonie. 1. Florenz: Werde an Madame Laussot, die in Florenz vor drei Jahren einen Gesangsverein gegründet habe, schreiben. Dessen Leitung habe nun Louis Ehlert inne, den er dorthin vermittelt habe. Schicke ihr Novitäten, darunter Quartette Schumanns, Rubinstein und des E.s [op. 77 und op. 90]. Schickt Programm eines Konzerts von Sgambati, der bei seinem Schwiegervater in Rom studiert habe. Rät dem E., am Preisausschreiben teilzunehmen. 2. Peters: Werde Friedländer noch einmal schreiben. 3. Weitzmann habe Bendel für Mainz in Vorschlag gebracht. Wünschte sich lieber seinen Exfreund Bronsart. Bittet den E., dort auf Bronsart aufmerksam zu machen. Der E. soll Bendel nicht nach dessen Wiesbadner Debüt beurteilen. Dieser sei wirklich ein Talent. Kösting solle den "Columbus" an Bogumil Dawson nach Dresden schicken. Dieser kannte Kösting noch nicht, werde das Stück aber lesen. Bittet den E., ein Klaviertrio von John, der nun in Dresden lebe und ein blindes Vertrauen in den E. setze, durchzusehen. Die Bronsart habe in Dresden sowie im Leipziger Gewandhaus mit David die "Ode au Printemps" op. 76 mit viel Erfolg gespielt, der A. die "Metamorphosen" (aus op. 74),die als Prüfungsstück verwendet werden, am 2. und 4. Dezember vorigen Jahres in Dresden und Leipzig. Hirsch sei leidlich. Spiele das Beethoven-Es-Dur-Konzert und werde mit den "Préludes" von Chopin abgeschliffen. Grüsse an die Frau. Seine Frau und Kinder [Daniela und Blandine] wohl. Bittet den E., Werbung für die neue Zeitschrift "Die Fackel" zu machen, deren erstes Heft Beiträge von ihm und Weitzmann enthalte. Redaktor sei ein F. B. [Franz Brendel], "gegen den wir diktatorisch auftreten können". Redaktion: Alexander Meyen, Verleger: Eugen Simmel.

Verehrter Freund, eben – diesen Abend kehre ich von Dresden zurück, wo ich gestern und vorgestern gespielt und werde durch Deine Zeilen erfreut. Ich beantworte sie sofort, da morgen der ganze Tag mit Lectionen besetzt ist und ich Dienstag in – – – – Cöthen (!) zu spielen versprochen habe. Ich hätte Dir schon längst geschrieben – aber – ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich bin nämlich in die sehr fatale Lage – Dir gegenüber – gekommen, Deine Sinfonie in der laufenden Conzertsaison noch nicht zur Aufführung bringen zu können. Es ist mir diess um so unangenehmer, als ich meinem jungen Conzertinstitute gern die Ehre der Initiative erwiesen hätte. Ich verschone Dich mit Auseinandersetzung der Hinderniße, die sich meinen Absichten entgegenthürmen – ich muß viel verschlucken aber der Zweck heiligt das Mittel, das immerhin erfreuliche Resultat des Ganzen spült den Detail-Aerger hinweg. Aber nächste Saison – hoffentlich haben wir da 6 Conzerte statt 4 – rechne ich bestimmt auf Dich auf den Componisten als Dirigenten seines Werkes. Diesen Cyclus habe ich mit Eroica und No 8 F dur v. Beethoven aus prakt. u. diplom. Gründen zu stopfen. 1. Florenz. Ich werde noch in dieser Woche an meine Freundin Mad. Laussot dahin schreiben und Dir (einer umgehenden Antwort bin ich sicher) sofort mittheilen, was ich erfahre. Was ich bis jetzt von dem Musiktreiben in F. gehört, ist entschieden erbaulich. Ein ziemlich ansehnlicher Gesangverein ist von der genannten Dame vor 3 Jahren gegründet worden dessen Leitung neuerdings Louis Ehlert, der Berlin, wie Du weisst, im \vorigen/ Herbste ganz verlaßen, und den ich an Mad. L. empfohlen übernommen hat. Mad. L. hat übrigens auch für Kammermusik dort mit fabelhafter Energie gewirkt. Sie bezieht ihre Musikalien von hier und ich habe in der Regel alle Vierteljahre den Auftrag ihr die besten Novitäten auszusuchen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Deine Werke fleissig – expedirt habe. Deine wie die Schumannschen und Rubinsteinschen Quartette sind bereits vor Längerem in Florenz eingebürgert. Hierbei ein Programm aus Florenz vom Conzerte des Pianisten Sgambati, der in Rom bei meinem Schwiegervater studirt hat. Darnach dürfte Dir Jung-Italien in einem überraschenden Lichte erscheinen! Ohne es also gerade verantworten zu wollen, möchte ich Dir eher rathen und zurathen, Dich bei dem Preisausschreiben zu betheiligen. 2. Peters. Ich werde Friedländer wiederholen, was Du mir schreibst. 3. Weitzmann hat Bendel \für Mainz / in Vorschlag gebracht. Ich wünschte die Stellung lieber meinem Exfreunde Bronsart. Freilich weiss ich nicht, wo er augenblicklich weilt – auch haben wir seit mehr als Jahresfrist brieflichen Verkehr abgebrochen. Könntest Du auf Bronsart aufmerksam machen, so wäre das dankenswerth. Wo nicht, so sei so gut, Bendel nicht nach seinem Wiesbadner Debüt zu beurtheilen. Er hat wirklich Mancherlei los und ist voll Talent. Persönlich mag ich ihn eben nicht; ich glaube aber, er wird sich, da er nicht unelastisch, leicht in die betreffende Stellung einschulen. Überhaupt ist er, wie seine letzten Arbeiten zeigen, entwicklungsfähig. Sonst wüßte ich momentan – Niemanden vorzuschlagen. Meine Schüler sind noch nicht reif genug. Nun komme ich mit Einigem. 1. Kösting möge doch sofort Columbus und die 2 Könige an Bogumil Dawison nach Dresden schicken. Der hatte noch gar nichts von ihm gehört – ich habe D. sehr weitläufig und „enthusiastisch“ vom Columbus gesprochen und er mir versprochen, sich nach Kräften dafür zu interessiren. Aber erst muß er die Sachen lesen – er wird sie aber gleich lesen. 2. John, der jetzt in Dresden lebt, hat dort ein Claviertrio zu Stande gebracht, das mir recht gut gefallen hat; er scheint sich sehr vortheilhaft zu entfalten. Ich habe, wie es bei den paar Tagen Aufenthalt nicht anders möglich war, ihn nur auf einzelne Kleinigkeiten kritisch aufmerksam machen können, war aber so frech, ihn zu ermuthigen, Dir das Opus einzusenden und möchte Dich freundlichst ersuchen, ihm ein paar Stunden Durchsicht zuzuwenden. Zu Dir hat er ein fast „blindes“ Vertrauen. Du wirst ein gutes Werk thun, ihn mit Deinem Rath zu unterstützen. — Die Bronsart hat in Dresden sowohl wie im Leipziger Gewandhaus Deine „Ode au printemps“ mit großem Erfolge gespielt. Ich in Dresden und Leipzig die Metamorphosen (am 2 und 4 Dezember vor. J.) Nächstens soll das Stück bei einer Prüfung im Conservatorium losgelaßen werden. äHirsch å ist leidlich. Das Esdur Conzert von Beethoven hat er ziemlich ordentlich gelernt. Augenblicklich schleife ich ihn mit Chopin’s Préludes ab. Obgleich ich eine neue Seite anfange – muß ich dennoch schliessen. Ich bin müde und daher – langweilig. äHerzliche Erwiderung aller Grüsse und den aufrichtigen Wunsch daß es Dir und Deiner verehrten Frau so erträglich gehe, wie uns. Kinder – unberufen – wohl. Ich halte mehr aus, wie jeden früheren Winter! In alter Verehrung und Anhänglichkeit Dein HvBülow.å Möchtest Du eine neue Theater- und Musikzeitung empfehlen, deren erste Nummer vorigen Sonnabend erschienen ist und Artikel von Weitzmann und meiner Wenigkeit bringt? Sie heisst – nach meiner Taufe – die Fackel, krit. Wochenschrift zur Beleuchtung der Theater- u. Musikwelt. Der Redakteur ist ein .... F. B. gegen den wir diktatorisch auftreten können. Red: Alex. Meyen. Verleger: Eugen Simmel (Peters – Bureau de musique – Sortiment) Mohrenstraße 36. Preis vierteljährlich 1 Thaler. Darf ich Auftrag geben, Dir \einige/ erste Nummern als Probe zuzusenden? [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (10. 1. 1864); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 5 2026.