Verehrter Freund, eben – diesen Abend kehre ich von Dresden zurück, wo ich gestern
und vorgestern gespielt und werde durch Deine Zeilen erfreut. Ich beantworte sie
sofort, da morgen der ganze Tag mit Lectionen besetzt ist und ich Dienstag in – – – –
Cöthen (!) zu spielen versprochen habe. Ich hätte Dir schon längst geschrieben – aber
– ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich bin nämlich in die sehr fatale Lage – Dir
gegenüber – gekommen, Deine Sinfonie in der laufenden Conzertsaison noch nicht zur
Aufführung bringen zu können. Es ist mir diess um so unangenehmer, als ich meinem
jungen Conzertinstitute gern die Ehre der Initiative erwiesen hätte. Ich verschone
Dich mit Auseinandersetzung der Hinderniße, die sich meinen Absichten entgegenthürmen
– ich muß viel verschlucken aber der Zweck heiligt das Mittel, das immerhin
erfreuliche Resultat des Ganzen spült den Detail-Aerger hinweg. Aber nächste Saison –
hoffentlich haben wir da 6 Conzerte statt 4 – rechne ich bestimmt auf Dich auf den
Componisten als Dirigenten seines Werkes. Diesen Cyclus habe ich mit Eroica und No 8
F dur v. Beethoven aus prakt. u. diplom. Gründen zu stopfen. 1. Florenz. Ich werde
noch in dieser Woche an meine Freundin Mad. Laussot dahin schreiben und Dir (einer
umgehenden Antwort bin ich sicher) sofort mittheilen, was ich erfahre. Was ich bis
jetzt von dem Musiktreiben in F. gehört, ist entschieden erbaulich. Ein ziemlich
ansehnlicher Gesangverein ist von der genannten Dame vor 3 Jahren gegründet worden
dessen Leitung neuerdings Louis Ehlert, der Berlin, wie Du weisst, im \vorigen/
Herbste ganz verlaßen, und den ich an Mad. L. empfohlen übernommen hat. Mad. L. hat
übrigens auch für Kammermusik dort mit fabelhafter Energie gewirkt. Sie bezieht ihre
Musikalien von hier und ich habe in der Regel alle Vierteljahre den Auftrag ihr die
besten Novitäten auszusuchen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Deine Werke
fleissig – expedirt habe. Deine wie die Schumannschen und Rubinsteinschen Quartette
sind bereits vor Längerem in Florenz eingebürgert. Hierbei ein Programm aus Florenz
vom Conzerte des Pianisten Sgambati, der in Rom bei meinem Schwiegervater studirt
hat. Darnach dürfte Dir Jung-Italien in einem überraschenden Lichte erscheinen! Ohne
es also gerade verantworten zu wollen, möchte ich Dir eher rathen und zurathen, Dich
bei dem Preisausschreiben zu betheiligen. 2. Peters. Ich werde Friedländer
wiederholen, was Du mir schreibst. 3. Weitzmann hat Bendel \für Mainz / in Vorschlag
gebracht. Ich wünschte die Stellung lieber meinem Exfreunde Bronsart. Freilich weiss
ich nicht, wo er augenblicklich weilt – auch haben wir seit mehr als Jahresfrist
brieflichen Verkehr abgebrochen. Könntest Du auf Bronsart aufmerksam machen, so wäre
das dankenswerth. Wo nicht, so sei so gut, Bendel nicht nach seinem Wiesbadner Debüt
zu beurtheilen. Er hat wirklich Mancherlei los und ist voll Talent. Persönlich mag
ich ihn eben nicht; ich glaube aber, er wird sich, da er nicht unelastisch, leicht in
die betreffende Stellung einschulen. Überhaupt ist er, wie seine letzten Arbeiten
zeigen, entwicklungsfähig. Sonst wüßte ich momentan – Niemanden vorzuschlagen. Meine
Schüler sind noch nicht reif genug. Nun komme ich mit Einigem. 1. Kösting möge doch
sofort Columbus und die 2 Könige an Bogumil Dawison nach Dresden schicken. Der hatte
noch gar nichts von ihm gehört – ich habe D. sehr weitläufig und „enthusiastisch“ vom
Columbus gesprochen und er mir versprochen, sich nach Kräften dafür zu interessiren.
Aber erst muß er die Sachen lesen – er wird sie aber gleich lesen. 2. John, der jetzt
in Dresden lebt, hat dort ein Claviertrio zu Stande gebracht, das mir recht gut
gefallen hat; er scheint sich sehr vortheilhaft zu entfalten. Ich habe, wie es bei
den paar Tagen Aufenthalt nicht anders möglich war, ihn nur auf einzelne
Kleinigkeiten kritisch aufmerksam machen können, war aber so frech, ihn zu
ermuthigen, Dir das Opus einzusenden und möchte Dich freundlichst ersuchen, ihm ein
paar Stunden Durchsicht zuzuwenden. Zu Dir hat er ein fast „blindes“ Vertrauen. Du
wirst ein gutes Werk thun, ihn mit Deinem Rath zu unterstützen. — Die Bronsart hat in
Dresden sowohl wie im Leipziger Gewandhaus Deine „Ode au printemps“ mit großem
Erfolge gespielt. Ich in Dresden und Leipzig die Metamorphosen (am 2 und 4 Dezember
vor. J.) Nächstens soll das Stück bei einer Prüfung im Conservatorium losgelaßen
werden. äHirsch å ist leidlich. Das Esdur Conzert von Beethoven hat er ziemlich
ordentlich gelernt. Augenblicklich schleife ich ihn mit Chopin’s Préludes ab.
Obgleich ich eine neue Seite anfange – muß ich dennoch schliessen. Ich bin müde und
daher – langweilig. äHerzliche Erwiderung aller Grüsse und den aufrichtigen Wunsch
daß es Dir und Deiner verehrten Frau so erträglich gehe, wie uns. Kinder – unberufen
– wohl. Ich halte mehr aus, wie jeden früheren Winter! In alter Verehrung und
Anhänglichkeit Dein HvBülow.å Möchtest Du eine neue Theater- und Musikzeitung
empfehlen, deren erste Nummer vorigen Sonnabend erschienen ist und Artikel von
Weitzmann und meiner Wenigkeit bringt? Sie heisst – nach meiner Taufe – die Fackel,
krit. Wochenschrift zur Beleuchtung der Theater- u. Musikwelt. Der Redakteur ist ein
.... F. B. gegen den wir diktatorisch auftreten können. Red: Alex. Meyen. Verleger:
Eugen Simmel (Peters – Bureau de musique – Sortiment) Mohrenstraße 36. Preis
vierteljährlich 1 Thaler. Darf ich Auftrag geben, Dir \einige/ erste Nummern als
Probe zuzusenden? [copyright Simon Kannenberg]