Verehrter freund, zum Teufel mit der Scheererei – wirst Du ausrufen – aber es geht
nicht anders – ich muß Dich incommodiren. Indem ich Dir bestens danke für den
Versuch, mich in Wiesbaden zum Spiel mit Orchesterbegleitung zu bringen – das A
Dur-Conzert von Liszt scheint mir für das „bökannte“ Publikum im Conversationssaal
unmöglich. Das gibt ein Fiasco – d’estime vielleicht, aber das nur im günstigsten
Falle! Hagen kann’s auch nicht dirigiren, so wenig als David in Leipzig! Zudem – und
das freut mich gewißermaßen, damit ich nicht meiner persönlichen Neigung trotz
praktischer Bedenken zu folgen \verführt/ gezwungen werden kann – besitze ich die
Orchesterstimmen leider gegenwärtig nicht. Blassmann hat sie in seiner Leipziger
Wohnung eingeschlossen, – er ist im Bade, kann sie also nicht herausgeben. Den
Copisten kommen zu laßen zaudre ich, da die Sache überdies problematisch ist und kaum
die nöthige Zeit mehr vorhanden wäre. Aber wie wäre es mit Beethovens Es Dur Conzert
oder dem Henseltschen – vorausgesetzt, daß ich am 11. spielen soll, und Orchester
disponibel ist? Mir persönlich wäre es übrigens lieber, das Conzert fände, wie
ursprünglich bestimmt, am 4. statt, damit ich eingeübt von Berlin, nicht steif von
Carlsruhe kommen und sobald als möglich meine dieser Tage noch unausführbaren
Vorbereitungen für die Lancirung der Orchesterconzerte treffen kann. Das wird einen
solchen Trubel geben, daß es mir unter Umständen auf 24 Stunden früher ankommen kann.
Zudem gewinne ich, wenn’s beim 4ten bleibt, einige Tage Zeit, Deine Gesellschaft zu
geniessen, so weit Du sie mir gönnen magst und vermagst. Soll ich am 2ten abreisen,
wenn bis dahin keine Nachricht vom CM. Barth gekommen ist? Na – ich kann ja auch bis
zum dritten September warten. Das war’s, was ich Dir mittheilen wollte. Ich hätte es
wahrlich unterlaßen, wenn Du nicht Hausnachbar von Barth wärst, wodurch der
eventuelle Depeschenverkehr in meiner Angelegenheit Dir mit ihm erleichtert ist.
Bitte tausendmal um Entschuldigung! In Eile mit herzlichem Gruße Dein treuergebener
Berlin, 28 Aug 63. HvBülow. ◊1Pallat Sohn Wolfschlucht spielend und Pallat Vater als
Samiel von Profession durch Claquiren „helfend“ – wunderbares Bild! [copyright Simon
Kannenberg]