Verehrter freund, in den Tagen, wo ich dran denke, die Abkehr von der Heimath
aufzuführen, wirst vermuthlich Du die Heimkehr aus der Fremde in Szene gesetzt haben.
Nun bekomme ich gerade die ersten Exemplare meiner ersten gestochenen Partitur, deren
Anblick mir eine gönnbare kindliche Freude verursacht – ich kann der Versuchung nicht
widerstehen, mich sofort einer dieser Broschüren zu Deinen Ungunsten zu entledigen.
Bitte um ein durch kein persönliches Wohlwollen getrübtes Urtheil. – Zweihändige
Bearbeitung, die ich dem Verleger habe machen müssen, ist noch im Stich befindlich.
Deiner früher ertheilten Erlaubniss gemäß lege ich ein Exemplar der Exhumation Ph.
Em. Bachscher Claviersonaten bei, mit denen ich – mit deren Dedication – ich mir den
rothen Fleck an meinem Frack erworben, welcher im Winter dem Mangel einer Nelke
abhilft. Vielleicht findest Du, daß diese Arbeit für Componistennerven während der
Lehramtsthätigkeit von beruhigender Wirkung sein dürfte und also gewissermaassen
brauchbar. Meine 4stimmigen Lieder habe ich Dir wohl schon früher gesendet und somit
hättest Du denn die letzte Lieferung meiner in zwanglosen Heften erscheinenden
Unsterblichkeit vollständig. Du wirst aus dem tenor dieser Zeilen gute Laune
herauslesen. Das ist Reaction gegen die vorige Woche in der mit „Robert d. T.“ zu
reden, alles auf mich einstürmte. Das Schlimmste war die tödtliche Krankheit meiner
kleinen Blandine, die bereits ärztlich verurtheilt war, jedoch durch die Wunder von
Sorgfalt meiner Frau zu neuem Abonnement auf die schlechten Spässe saurer
Daseinsgewohnheit gewonnen worden ist. Hiermit habe ich die Frage nach dem Befinden
der Meinigen erledigt: jetzt geht’s leidlich. Wenn möglich rauchen wir Mitte nächster
Woche nach dem Norden äund verbringen den laufenden Monat in Klampenborg. Wenn Du
versucht wärst, mir zu schreiben, würde ich Dich bitten, zu adressiren: durch Herrn
Pianist Fritz Hartvigson – Kopenhagen Vesterbro. 23. Anfang August will ich hierher
zurückgekehrt sein. Das Conservatorium hält diesmal kürzere Ferien – beginnt schon
wieder am 6 August; und, wie gesagt, vor Mitte nächster Woche komme ich noch nicht
los von hier anderweitiger Dinge wegen.å Gestern war Bendel◊1/ bei mir, der in
nächster Woche Wiesbaden und Ems bespülen will: ich zog es vor, ihn Dir nicht auf den
Hals zu jagen mit meiner Sendung und expedire sie daher direkt. Lieber wäre es mir,
sie selbst bringen zu können, aber das wird sich wohl zu sehr in die Länge ziehen.
Jedenfalls komme ich auf ein paar Tage Anfang September Dich zu besuchen. Der
Geburtstag des Grossherzogs v. Baden am 9. veranlaßt mich, mein Widmungsexemplar
persönlich als Gratulant zu überreichen; Dir will ich aufrichtig eingestehen, daß
diese Excursion mit einem letzten Versuche verbunden sein soll, des seiner
Pensionirung nun mit raschen Schritten entgegenstrettirenden Strauss bei lachendem
Devrient allerdings nicht übermässig lachende Erbschaft vielleicht zu erwerben.
Berlin fördert allzurasch meinen Selbstverbrennungsprozess. äIch laße nichts
unversucht, was dem hier eingeathmetem◊2 Giftstoffe als Gegengift präparirt werden
könnte. Aberå die Zustände und Personen sind gar zu faul (φαῦλος ) – ich fürchte,
(event. ich hoffe) nichts auszurichten, (wenn mein Weizen in Süddeutschland blühen
könnte) und dann ist es elfte Stunde, der Intelligenzmetropole die Westseite
zuzukehren. Wenn mir eine Anstellung irgendwo in Aussicht stände, Carlsruhe bietet
sich meinen Wünschen und Erwartungen zunächst da◊3 – ich stehe in keiner so
leidlichen Beziehung zu irgend einem vaterländischen Potentaten als zu dem Freunde
Roggenbach’s. Weisst Du etwas mir zu sagen, was mich in meiner Absicht ermuthigen,
oder falls Du sie für unpraktisch erachtest und für unerreichbar, mich von ihrer
Verfolgung abhalten könnte, so würdest Du mich durch darauf bezügliche Erörterungen
sehr verpflichten. Sollte Barth noch den Wunsch hegen mich in den
Administrationsconzerten der Saison auftreten zu laßen, und es ihm möglich sein, mich
für eine Soirée Ende August oder Anfang September hinauszuschieben, so würde mir das
in Anbetracht des obenerwähnten Vorhabens sehr willkommen sein. Geht es nicht an, so
bitte ich Dich, wie überhaupt, (wie überhaupt, daß ich bei Euch dieses Jahr mit
„Glück“ „spiele“) nicht viel Gewicht drauf zu legen, „enfin“ keine aussergewöhnlichen
Befürwortungen anzustellen. Whistling hat mir neulich Op. 94 u. 95 frisch zugesendet.
Ich habe Dir den Gesammtdank aller Klavierlehrer zu votiren. Das ist Rettung aus
Wahlnöthen. Famos aus dem Aermel geschüttelt! Von Rom keine mittheilenswerte
Nachricht. Mein Schwiegervater bleibt – alle zeitweilige Rückkehr nach Deutschland
„ad calendas graecas“ verschoben. — äNun kommts ans Fragen. Wie ist Dir Deine Reise
bekommen? Wie Deiner Frau Gemahlin? Was macht Basel? Sei recht ausführlich, wenn Du
irgend Zeit hast und vertraue was Du zu schaffen vorhast. Du weisst, dass Alles dahin
Bezügliche für mich zu dem persönlich Interessanten zählt!å Gratulire zu Leipzig –
nämlich zur Preiskrönung. äBeste Empfehlungen von Haus zu Haus! In treuer
Anhänglichkeit Dein ganz ergebener Berlin, 1 Juli 1863. HvBülow. 10. Schöneberger
Str.å [copyright Simon Kannenberg]