Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Raff Joachim (C00695)
Datierung: Juli 1863 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 50
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
in den Tagen, wo ich dran denke, die Abkehr von der Heimath aufzuführen,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 536ff.; Kannenberg 2020.

Schickt dem E. ein Exemplar der Partitur von "Des Sängers Fluch" und bittet um ein durch kein persönliches Wohlwollen getrübtes Urteil. Schickt Bearbeitung der Klaviersonaten von Ph. Em. Bachs. Habe die vierstimmigen Lieder bereits geschickt. Berichtet von der Krankheit seiner Tochter Blandine, die dank der Fürsorge seiner Frau genesen sei. Werde den kommenden Monat in Klampenborg verbringen. Bittet, Briefe an Frits Hartvigson zu richten. Bendel sei zu Besuch gewesen, der nach Ems und Wiesbaden wolle. Komme im September, wolle sein Widmungsexemplar dem Grossherzog von Baden persönlich überreichen. Denkt daran, den der Pensionierung entgegen gehenden Strauss beim "lachenden" Devrient zu beerben. Stehe zu keinem anderen Potentaten in so einem Verhältnis wie zum Freunde Roggenbachs. Sollte Barth ihn auftreten lassen wollen, wäre ihm das willkommen. Habe neulich op. 94 und op. 95 von Whistling erhalten: "Gesammtdank aller Klavierlehrer". Liszt bleibe in Rom. Fragt, was die Gemahlin und Basel [Emilie Genast] machen. Gratuliert zur Preiskrönung [op. 100] in Leipzig.

Verehrter freund, in den Tagen, wo ich dran denke, die Abkehr von der Heimath aufzuführen, wirst vermuthlich Du die Heimkehr aus der Fremde in Szene gesetzt haben. Nun bekomme ich gerade die ersten Exemplare meiner ersten gestochenen Partitur, deren Anblick mir eine gönnbare kindliche Freude verursacht – ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich sofort einer dieser Broschüren zu Deinen Ungunsten zu entledigen. Bitte um ein durch kein persönliches Wohlwollen getrübtes Urtheil. – Zweihändige Bearbeitung, die ich dem Verleger habe machen müssen, ist noch im Stich befindlich. Deiner früher ertheilten Erlaubniss gemäß lege ich ein Exemplar der Exhumation Ph. Em. Bachscher Claviersonaten bei, mit denen ich – mit deren Dedication – ich mir den rothen Fleck an meinem Frack erworben, welcher im Winter dem Mangel einer Nelke abhilft. Vielleicht findest Du, daß diese Arbeit für Componistennerven während der Lehramtsthätigkeit von beruhigender Wirkung sein dürfte und also gewissermaassen brauchbar. Meine 4stimmigen Lieder habe ich Dir wohl schon früher gesendet und somit hättest Du denn die letzte Lieferung meiner in zwanglosen Heften erscheinenden Unsterblichkeit vollständig. Du wirst aus dem tenor dieser Zeilen gute Laune herauslesen. Das ist Reaction gegen die vorige Woche in der mit „Robert d. T.“ zu reden, alles auf mich einstürmte. Das Schlimmste war die tödtliche Krankheit meiner kleinen Blandine, die bereits ärztlich verurtheilt war, jedoch durch die Wunder von Sorgfalt meiner Frau zu neuem Abonnement auf die schlechten Spässe saurer Daseinsgewohnheit gewonnen worden ist. Hiermit habe ich die Frage nach dem Befinden der Meinigen erledigt: jetzt geht’s leidlich. Wenn möglich rauchen wir Mitte nächster Woche nach dem Norden äund verbringen den laufenden Monat in Klampenborg. Wenn Du versucht wärst, mir zu schreiben, würde ich Dich bitten, zu adressiren: durch Herrn Pianist Fritz Hartvigson – Kopenhagen Vesterbro. 23. Anfang August will ich hierher zurückgekehrt sein. Das Conservatorium hält diesmal kürzere Ferien – beginnt schon wieder am 6 August; und, wie gesagt, vor Mitte nächster Woche komme ich noch nicht los von hier anderweitiger Dinge wegen.å Gestern war Bendel◊1/ bei mir, der in nächster Woche Wiesbaden und Ems bespülen will: ich zog es vor, ihn Dir nicht auf den Hals zu jagen mit meiner Sendung und expedire sie daher direkt. Lieber wäre es mir, sie selbst bringen zu können, aber das wird sich wohl zu sehr in die Länge ziehen. Jedenfalls komme ich auf ein paar Tage Anfang September Dich zu besuchen. Der Geburtstag des Grossherzogs v. Baden am 9. veranlaßt mich, mein Widmungsexemplar persönlich als Gratulant zu überreichen; Dir will ich aufrichtig eingestehen, daß diese Excursion mit einem letzten Versuche verbunden sein soll, des seiner Pensionirung nun mit raschen Schritten entgegenstrettirenden Strauss bei lachendem Devrient allerdings nicht übermässig lachende Erbschaft vielleicht zu erwerben. Berlin fördert allzurasch meinen Selbstverbrennungsprozess. äIch laße nichts unversucht, was dem hier eingeathmetem◊2 Giftstoffe als Gegengift präparirt werden könnte. Aberå die Zustände und Personen sind gar zu faul (φαῦλος ) – ich fürchte, (event. ich hoffe) nichts auszurichten, (wenn mein Weizen in Süddeutschland blühen könnte) und dann ist es elfte Stunde, der Intelligenzmetropole die Westseite zuzukehren. Wenn mir eine Anstellung irgendwo in Aussicht stände, Carlsruhe bietet sich meinen Wünschen und Erwartungen zunächst da◊3 – ich stehe in keiner so leidlichen Beziehung zu irgend einem vaterländischen Potentaten als zu dem Freunde Roggenbach’s. Weisst Du etwas mir zu sagen, was mich in meiner Absicht ermuthigen, oder falls Du sie für unpraktisch erachtest und für unerreichbar, mich von ihrer Verfolgung abhalten könnte, so würdest Du mich durch darauf bezügliche Erörterungen sehr verpflichten. Sollte Barth noch den Wunsch hegen mich in den Administrationsconzerten der Saison auftreten zu laßen, und es ihm möglich sein, mich für eine Soirée Ende August oder Anfang September hinauszuschieben, so würde mir das in Anbetracht des obenerwähnten Vorhabens sehr willkommen sein. Geht es nicht an, so bitte ich Dich, wie überhaupt, (wie überhaupt, daß ich bei Euch dieses Jahr mit „Glück“ „spiele“) nicht viel Gewicht drauf zu legen, „enfin“ keine aussergewöhnlichen Befürwortungen anzustellen. Whistling hat mir neulich Op. 94 u. 95 frisch zugesendet. Ich habe Dir den Gesammtdank aller Klavierlehrer zu votiren. Das ist Rettung aus Wahlnöthen. Famos aus dem Aermel geschüttelt! Von Rom keine mittheilenswerte Nachricht. Mein Schwiegervater bleibt – alle zeitweilige Rückkehr nach Deutschland „ad calendas graecas“ verschoben. — äNun kommts ans Fragen. Wie ist Dir Deine Reise bekommen? Wie Deiner Frau Gemahlin? Was macht Basel? Sei recht ausführlich, wenn Du irgend Zeit hast und vertraue was Du zu schaffen vorhast. Du weisst, dass Alles dahin Bezügliche für mich zu dem persönlich Interessanten zählt!å Gratulire zu Leipzig – nämlich zur Preiskrönung. äBeste Empfehlungen von Haus zu Haus! In treuer Anhänglichkeit Dein ganz ergebener Berlin, 1 Juli 1863. HvBülow. 10. Schöneberger Str.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (1. 7. 1863); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.